Erstellt am 07. April 2016, 05:04

von Michael Pfabigan

Brettljause, regionale Vielfalt und nicht immer Perfektion. Reisebloggerin Angelika Mandler-Saul im Interview mit Michael Pfabigan über das Weinviertel.

 |  NOEN, Oreste Schaller

NÖN: Das Weinviertel ist ein Gesamtkunstwerk, sagten die Touristiker beim Weinviertler Tourismustag. Wie viel fehlt aus Sicht einer Reisebloggerin oder Online-Reisejournalistin auf ein „Gesamtkunstwerk"?
Angelika Mandler-Saul:  Eins vorweg: Ich liebe das Weinviertel und ich lebe gerne hier. Hier ist mein heimatliches Basislager und hierher komme ich nach all meinen Reisen immer wieder gerne zurück. Aber für mich ist das Weinviertel kein Kunstwerk - im Gegenteil. Es ist eine touristische, aber noch naturbelassene Region Österreichs, die mit Künstlichkeit oder gar „touristischem Gesamtkunstwerk“ meines Erachtens so gar nichts zu tun hat. Das Weinviertel braucht sich nicht zu inszenieren, wenn es sich weiterhin als Region „zum Durchatmen“ positionieren will. Wenn es sich aber auch ganzjährig professionell touristisch verkaufen will, dann sehe ich - als Vielreisende - noch Luft nach oben.
 
NÖN: Wo liegen nach Ihrer Erfahrung die Stärken/Schwächen des Weinviertels?
Die Stärke des Weinviertels ist für mich, dass es sich eben nicht zu inszenieren braucht. Dann muss man aber als Besucher oder Tourist  auch Defizite in Kauf nehmen: Es kann beispielsweise während eines Ausflugs unglaublich schwierig sein, ein akzeptables Wirtshaus oder einen offenen Heurigen zu finden. Das mag ein simples Problem sein, kann die Begeisterung einer Familie für einen neuerlichen Weinviertel Ausflug aber sehr schnell deutlich mindern.

Außerdem: Wer zwischen Allerheiligen und Ostern einen spontanen Wochenend-Ausflug mit Familie ins Weinviertel machen will, der muss wirklich außerordentlich gut vorab recherchiert haben - sonst war das der letzte Ausflug ins Weinviertel.

"Unglaublich authent und liebenswert finde
ich die Weinviertler Kellergassen- und Weinfeste."

Mich persönlich verwirrt immer noch die Vielfalt der „Regionen innerhalb der Region“: Da gibt es das Veltlinerland, das südliche Weinviertel, das Viertel unter dem Manhartsberg oder das über den Leiserbergen, das Weinviertel West und die Region um Wien - allesamt zwar übersichtlich auf www.weinviertel.at auf einer gemeinsamen Plattform präsentiert, aber vorort als Tagesbesucher trotz der vielen Broschüren sicher nicht auf den ersten Blick verständlich.

Unglaublich authent und liebenswert finde ich die Weinviertler Kellergassen- und Weinfeste. Auch die Tatsache, dass sich hiebei ein Gutteil unter der Erde in den Kellerröhren abspielt, ist unvergleichlich auf der ganzen Welt. Nirgends habe ich so stimmungsvolle Weihnachtsmärkte wie im Weinviertel erlebt. Wer einmal einen Adventmarkt in der Loamgrui besucht hat und im Kerzenschein unterirdisch Glühwein getrunken hat, der verzichtet für immer auf die touristischen Groß-Adventmärkte etwa in Wien. Hier punktet das Weinviertel wiederum mit seinen natürlichen, gewachsenen Gegebenheiten - den Presshäusern, Kellergassen (unbetoniert) und unterirdischen Röhren - so gut kann kein touristisches „Kunstwerk“ sein.
 
NÖN: Wo ist man touristisch schon am weitesten entwickelt - sowohl regional als auch thematisch?
Ich persönlich finde, dass die Regionen Mailberg/Pulkautal und das Retzerland hervorragend, professionell und zeitgemäß (auch in den Sozialen Medien) touristisch agieren. Die Verbindung Literatur und Touristische Region halte ich zudem für außerordentlich interessant. Maissau und das MAMUZ in Mistelbach und Asparn scheinen heuer aufzuholen. Auch profitiert das Weinviertel ganz sicher von den Angeboten der Niederösterreich-Card.

"Kein Besucher der sich auf die Weintour ins
Weinviertel macht, erwartet sich eine große
„Inszenierung“ - der Besucher will authente,
persönliche, einmalige Erlebnisse"

Wenn ich mir meine Kollegen unter den deutschsprachigen Reisebloggern ansehe, so bin ich sicher, dass etwa die Projekte „Genießer-Zimmer“, das „Tafeln im Weinviertel“ oder auch die kleinere Picknick-Version ganz sicher bei den Blog- Lesern auf Interesse stoßen. Dazu kommen die soft-Sports Angebote wie E-Bike Touren mit Heurigen- und Kultur Stopps, das Weinberg Walking und geführte Weinspaziergänge, wie etwa beim Projekt #indiegrean oder die Kellergassenführungen. Die vielen Radwege sind sicher ein Atout, auch die MTB Karte finde ich gut. Die zahlreichen authenten und lokalen Weinfeste könnte man online sicher noch pushen - der PrintFolder ist aber schon mal sehr aussagekräftig.

Dies sind alles Angebote, die das Weinviertel durch seine natürlichen Gegebenheiten ganz leicht „leben“ kann - kein Besucher der sich Anfang April auf die Weintour ins Weinviertel macht, erwartet sich eine große „Inszenierung“ - der Besucher will authente, persönliche, einmalige Erlebnisse, die er in der Großstadt nicht bekommen kann, und das findet er im Weinviertel.

Aber: Die Gastgeber müssen trotz aller Authentizität dennoch professionell agieren - ob beim Heurigen, im lokalen Wirtshaus, im Top Ausflugsgebiet oder im privaten Genießerzimmer. Das erwarte ich mir einfach als zahlender Gast. Sonst verspielt man als Region seine natürlichen Vorzüge ganz ganz schnell. Kurz: Ich will die Natürlichkeit einer Ausflugsregion auskosten, aber dabei auf professionelle touristische Dienstleistung nicht verzichten. Weder als Alleinreisende, als Ausflüglerin mit Großfamilie und Hund oder als fremdsprachiger Besucher.

"Bei jedem Ausflug - und ich halte das Weinviertel
für eines DER Ausflugsziele Ostösterreichs - gehören
Essen und Trinken zum Erfolg unweigerlich dazu."

Weinviertel-Tourismus ist in der Regel Weintourismus: Ist diese Zuspitzung auf ein Thema zu eng? Oder hat sich das Weinviertel auch schon andere Nischen geschaffen? Ich mag das Wort „Genuss-Reisen“ (bzw. die momentan allgegenwärtigen „Food Tours“) nicht besonders, sind diese doch schon ziemlich abgenutzt  - aber hier bei uns im Weinviertel sind wir für Slow Food wahrlich prädestiniert: Bei jedem Ausflug - und ich halte das Weinviertel für eines DER Ausflugsziele Ostösterreichs - gehören Essen und Trinken zum Erfolg unweigerlich dazu. Der Weinviertel DAC hat sein Scherflein beigetragen, aber auch die Wirtshäuser, Restaurants und Heurigen gehören zum erfolgreichen Wochenend Ausflug dazu - Stichworte: Transparente Öffnungszeiten, professionelle Gastgeber,  österreichische Willkommenskultur, Online-Auffindbarkeit, Soziale Medien, Familienfreundlichkeit.
 
NÖN: Wenn Sie Freunden ein Weinviertler Angebot schmackhaft machen wollen würden: Welches Angebot würden sie herauspicken? Was ist für das Weinviertel einzigartig?
Wenn ich Freunde oder Reiseblogger-Kollegen ins Weinviertel bringen will, dann werbe ich mit den gemütlichen Heurigen mitten im Weingarten, mit dem Winzer, den ich persönlich kenne, einer Weinverkostung in den unterirdischen Kellerröhren, den Brettljausen mit Weinviertler Wild, der „ÜberDrüber Schnitte“ und dem Gspritzten. Ich erzähle von Erlebnissen, die man einfach nur im Weinviertel erleben kann: Von Kilometerlangen unterirdischen Erlebniskellern, von literarischen Radtouren, funktionstüchtigen Windmühlen, vom Grünen Veltliner und von den Kellergassen.

Aber immer steht eines im Vordergrund: Das persönliche authente Erlebnis - und das wird über Erzählungen weiterkolportiert.

Die aufstrebende nette Jungwinzerin, die man beim In die Grean Gehn oder bei der Weintour für sich entdeckt hat, die paar Heurigentische unter dem Nussbaum und die eigene Hausschlachtung, die Kellergassenführung  oder mit dem Traktor durch die Rieden zu fahren. Ein Picknick mit E-Bike oder frisches Brot in einer alten Windmühle kredenzt: Das sind die persönlichen Stories und kulinarischen Erlebnisse, die man am Ende des Sonntags-Ausflugs mit heim nimmt und von denen man weitererzählt (ob persönlich oder am Reiseblog) - und für genau solch unvergleichlichen persönlichen Erlebnisse steht für mich das Weinviertel.