Erstellt am 03. März 2016, 06:04

von Valerie Schmid

Das Geschäft mit dem Leid. Bettina Zillinger und Carina Drisa waren in der Türkei Flüchtlingen helfen

 |  NOEN, zVg
„Passt auf eure Nieren auf“, war einer der „Ratschläge“ der den beiden Studentinnen bei ihrem Aufenthalt in der Türkei mitgegeben worden ist. Bis zu drei Wochen verbrachten Bettina Zillinger aus Raggendorf und Carina Drisa aus Gaweinstal dort um syrischen Flüchtlingen zu helfen und sich ein Bild von der Lage zu machen.

„Wir helfen ja schon länger. Ich war bereits an den ungarischen Grenzen und in Slowenien, wo ich fast täglich geholfen habe. Und dann ist die Idee mit der Türkei entstanden“, so Zillinger.

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Ohne Organisation und nur mit den Spendengeldern vom weihnachtlichen Keksverkauf am Mistelbacher Adventmarkt und eigenen finanziellen Mitteln flogen die beiden erst nach Istanbul und dann weiter an die am Meer gelegene Stadt Izmir. (siehe Karte). Izmir ist der letzte größere Aufenthaltsort vieler Flüchtlinge vor der gefährlichen Boots- Überfahrt nach Lesbos. 

„In Griechenland ist das Helfen leichter, es ist organisiert. Da stehen sogar Infopoints herum. In der Türkei gibt es nichts. Es war sehr schwierig sich anfangs zu vernetzen“.

Die ängstlichen Blicke der Flüchtlinge und der Anblick vom Schlepperwesen auf den Straßen ist dort Routine und dass das Geschäft mit dem Leid ein florierendes ist, wissen auch alle. Sogar die Polizei.  „Es beginnt schon bei der Bootsfahrt. Schlepper bieten quasi ein Gesamtpaket an. Darin inkludiert die „sichere Fahrt“, eine Schwimmweste und Verpflegung in Griechenland zum Preis von 700 bis 1500 Dollar.

Dass die Überfahrt alles andere als sicher ist, die Schwimmweste ein komplettes Fake- Produkt, das sich beim ersten Wasserkontakt vollsaugt  und die Verpflegung in Griechenland schlichtweg gelogen, wissen viele erst nachher. Die Rolle der Flüchtlinge ist nicht die des Kunden, sondern die der Ware.

Falsche Versprechungen und die Hoffnung auf ein besseres Leben lässt viele Syrer waghalsige Geschäfte eingehen. „So ein Boot kann man im Internet für 500 Dollar bestellen.

Organhandel - ein nicht kontrollierbares Geschäft

Pro Überfahrt macht man damit ein Geschäft über 40.000 Dollar. Viele Schlepper sind selbst Flüchtlinge, die sich einfach noch Geld ansparen müssen. Sogar die Motoren werden systematisch gekauft und wieder verwendet!“

Seit kurzem boomt auch der Organhandel, ein nicht kontrollierbares Geschäft: „Viele der mehreren hundert vermissten Kinder sind dem Handel zum Opfer gefallen. Die Niere ist besonders beliebt“, so Zillinger.

Auch Wohnungen, die in europäischen Augen unbewohnbar wirken, werden zu horrenden Preisen an Syrer vermietet. „Schimmel an den Wänden, oft keine Fenster oder Türen, nicht heizbar – für umgerechnet 200 Euro im Monat. – Jeder bereichert sich am Leid der Flüchtlinge“.

Nach einiger Zeit in Izmir hören die beiden Studentinnen von einem illegalen Lager in Torbali, in dem die Zustände besonders schlimm sein sollten. „Keiner sprach darüber aus Angst wir würden das Lager an die Polizei oder irgendwelche Organisationen verraten. Schließlich fanden wir es doch“.

Sie trafen dort auf zwei Lagerhallen mit Zelten und Feuerstellen, in denen von Plastik über Holz alles verbrannt wurde, um es halbwegs warm zu halten.

Die Flüchtlinge schliefen am Boden. Gemeinsam mit anderen Helfern versorgten Zillinger und Drisa die Syrer mit Lebensmitteln und Öfen aus einem Supermarkt in Izmir. „Am Anfang haben wir für alles wahnsinnig lange gebraucht, wir wussten nicht was wir kaufen sollten, wie viel wir kaufen sollten und wie wir die Ware transportieren. Am Ende hatten wir dann schon Routine.“

„Jeder bereichert sich am Leid
der Flüchtlinge!“
Bettina Zillinger über die
Situation in der Türkei

Dass es auch anders geht, zeigt der Aufenthalt in einer von Syrern aufgebauten Kleinstadt namens Mersin in der Nähe von Adana. „Nach Izmir und Torbali sind wir nach Adana weiter gereist“, so Drisa. Adana ist die erste sichere Stadt nach der syrischen Grenze.

Dort haben Syrer und Türken zusammen eine Gemeinde gegründet, die von der Organisation her einer westlichen Gesellschaft ähnelt: „Es gibt eine Rechtsanwaltskanzlei, Arztpraxen, Schulen, sogar die Betreuung von Waisenkindern wird dort erfolgreich organisiert“.

Das Zusammenleben zwischen den Syrern und auch zwischen Türken und Syrern funktioniert gut: „Wir wurden sehr freundlich empfangen und konnten auch viel mit den Bewohnern über die Situation in Syrien sprechen.

Viele Flüchtlinge haben eine sehr distanzierte Haltung gegenüber den schlimmen Ereignissen, die sie erlebt haben, für sie gehört der Tod einfach zum Leben dazu. Wenn es eines gibt, was wir aus diesem Aufenthalt mitgenommen haben, dann dass die, die am wenigsten haben, am meisten geben“, berichten die Beiden.

"Die EU hätte schon früher handeln müssen"

Das Resümee dieser geschilderten Erlebnisse hat trotzdem keine Generalbeschuldigung der Türkei zum Ziel. Dass Krieg und Leid ein Geschäft mit vielen Interessenten und politischen Teilnehmern ist, ist ein weit verbreiteter Fakt und dass die Türkei und auch der Libanon schon seit Jahren mit dem immer mehr werdenden Flüchtlingsstrom zu kämpfen haben, auch.

Und nicht nur Teile der türkischen Bevölkerung bereichern sich an Flüchtlingen, Bettina Zillinger machte auch in Slowenien und Ungarn erschreckende Erfahrungen bezüglich der Hilfe vom Roten Kreuz: „Es sind oft Sachen verschwunden, die Hilfe wurde verweigert und Flüchtlinge wurden in Lagern eingesperrt. Ich war ehrlich gesagt sehr enttäuscht von den großen Organisationen. Oft war ich die einzige, die geholfen hatte.“

 „Die EU hätte schon früher etwas gegen die Überforderung der Nachbarstaaten von Syrien tun müssen, dann wären die Zustände dort jetzt nicht so schlimm“, so die beiden Studentinnen.

Sie sind der Meinung, dass eine Hilfe vor Ort „das Beste wäre“, da „viele der syrischen Flüchtlinge nicht einmal nach Europa wollten, sondern so nah wie möglich an der syrischen Grenze bleiben, um nach dem Krieg wieder nach Hause zurückkehren zu können. Die Zustände in der Türkei haben es ihnen aber unmöglich gemacht“.

Spendenkonto:

IBAN: AT61 2011 1827 1105 7300
BIC: GIBAATWWXXX


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