Erstellt am 15. September 2015, 08:54

von Sandra Frank und Michael Pfabigan

„Gänserndorf ist die schlechteste Lösung“. Wien-Umgebung wird aufgelöst. Gerasdorf-Chef Alexander Vojta (SPÖ) will Entscheidung nicht kampflos hinnehmen.

 |  NOEN, zvg

„Ab 2017 hat Niederösterreich nicht mehr 21 Bezirke, sondern 20“, mit diesem Satz löste Landeshauptmann Erwin Pröll den Bezirk Wien-Umgebung auf. Gerasdorf, das in seinen Zugehörigkeiten ohnehin schon zerrissen ist, soll ab 1. Jänner 2017 zum Bezirk Gänserndorf gehören.

Bürgermeister Alexander Vojta ist mit dieser Entscheidung nicht glücklich. „Gänserndorf ist sicher die schlechteste aller Lösungen, weil wir kaum Berührungspunkte mit Gänserndorf haben“, begründet er seine Meinung, betont aber, nichts gegen Reformen zu haben, „solange sie sinnvoll sind und einen Mehrwert für die Bevölkerung bringen.“

Vojta will die Entscheidung nicht so einfach hinnehmen und stellt zwei Forderungen: Den Erhalt der BH-Außenstelle in Gerasdorf, und: Er will die Bevölkerung in die Entscheidung mit einbinden. „Es wäre sinnvoll gewesen, wenn der Bürgermeister im Vorfeld kontaktiert und informiert worden wäre.“ Denn das Gemeindeoberhaupt kenne sein Bürger und weiß „was sie wollen und wie sie ticken“.

Daher will Vojta seine Bürger befragen, zu welchem Bezirk sie gehören möchten. Denn Gerasdorf grenzt an die Bezirke Korneuburg, Mistelbach und Gänserndorf an. „Wir wollen das noch bis zur Landtagssitzung tun und auch dem Landtag schreiben, dass eine Auswahl zwischen den möglichen Nachbarbezirken mit Beteiligung der Bevölkerung sinnvoll ist“, will der SPÖ-Bürgermeister keinesfalls kampflos aufgeben. Auch wenn er weiß: „Die Zeit drängt, eine Volksabstimmung geht sich nicht mehr aus.“

Kooperationen mit dem Korneuburger Bezirk

Gänserndorf ist für Vojta deswegen die schlechteste Lösung, weil Gerasdorf durch die S 1 von dem Bezirk getrennt ist. „Das ist wie eine große Mauer ...“, vergleicht der Gemeindechef. Auch was die Erreichbarkeit der Bezirkshauptstadt betreffe, schneide Gänserndorf im Vergleich am schlechtesten ab. Zu Mistelbach, aber auch zu Korneuburg „haben wir viel intensivere Kontakte“, spricht er die Zerrissenheit seiner Gemeinde an.

Bei Blaulichtorganisationen wie Rettung und Feuerwehr, aber auch im Bereich der Arbeiter- und Bauernkammer, gehört Gerasdorf zum Bezirk Mistelbach. Und das obwohl sich die Gerasdorfer, als die Strukturen der Bauernkammer geändert wurden, für Gänserndorf ausgesprochen haben, da das Marchfeld besser zur Landwirtschaft in Gerasdorf gepasst hätte. Im wirtschaftlichen und schulischen Bereich hingegen gibt es Kooperationen mit dem Korneuburger Bezirk. Auch, dass Korneuburg einfach und rasch erreichbar sei, zählt Vojta zu den Pluspunkten.

Mehr Bürgernähe  erreichen 

Der Bürgermeister verweist auf den Blog von ÖVP-Landtagsabgeordneten und Vizebürgermeister Lukas Mandl ( www.vize-mandl.at ). Dort kann abgestimmt werden, welchem Bezirk die Gerasdorfer lieber angehören möchten. Zu Redaktionsschluss, Montag, 14. September, hatte Korneuburg die Nase vorne, gefolgt von Mistelbach und dem klaren Schlusslicht Gänserndorf.

Mandl ist ebenfalls nicht erfreut über die Gänserndorf-Lösung und hofft, den Spieß im Landtag umdrehen zu können. Für ihn ist aber eines klar: „Zuerst die Menschen, dann die Gremien, dann die Strukturen.“ Die Reform an sich begrüßt der Gerasdorfer. Landeshauptmann Pröll habe damit den Weg freigegeben für die Umsetzung eines „entscheidenden und hart erarbeiteten Schritts der Verwaltungsreform“.

Deren Ziel sei es, mehr Bürgernähe zu erreichen und schlankere Strukturen zu schaffen. „Viel und oft werden Verwaltungsreform-Schritte verlangt. Fast immer wird mit dem Finger auf andere gezeigt, werden Reformen bei anderen eingefordert.“ Für Mandl sei stets klar gewesen, dass er es so nicht machen wolle. Denn: „Verwaltung zu reformieren heißt, Verantwortung zu übernehmen – und zwar im eigenen Bereich. So machen wir das.“

In den kommenden eineinhalb Jahren, bis die Reform in Kraft tritt, will Mandl die Gemeinden des alten Bezirks Wien-Umgebung auf ihrem Weg in neue Strukturen beraten und begleiten.

Über den Bezirk Wien-Umgebung

• Der Bezirk Wien-Umgebung ist nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Abtrennung von Wien entstanden.
• Die Bezirkshauptmannschaft Wien-Umgebung wurde mit 1. September 1954 amtswirksam.
• Bereits im Jahre 1946 waren die Grenzen im Bundesverfassungsgesetz festgelegt worden.
Davor war das Gebiet ein Teil von Groß-Wien gewesen, das während der Zeit des Nationalsozialismus in dem Jahr 1938 geschaffen worden war.
• 1956 wurde Pressbaum vom Verwaltungsbezirk St. Pölten dem Bezirk Wien-Umgebung angeschlossen.
• Der Bezirk besteht aus mehreren Gebieten, die nicht aneinander grenzen und reicht von Schwechat und Gerasdorf bis Klosterneuburg-Purkersdorf, westlich von Wien.
• Der Bezirk gliedert sich in 21 Gemeinden, darunter sechs Städte und sieben Marktgemeinden.