Mistelbach

Erstellt am 19. April 2018, 04:17

von Michael Pfabigan

Pflegerin bekommt Erbe: Die Familie geht leer Aus. Todkranke vermachte ihre beiden Häuser ihrer rumänischen 24-Stunden-Pflegerin. Familie fühlt sich vor den Kopf gestoßen und betrogen.

Das ehemalige Haus der Mutter, in dem diese noch wohnt, gehört jetzt der rumänischen 24-Stunden-Pflegerin der Tochter. Die Angehörigen verstehen die Welt nicht mehr und fühlen sich betrogen. Die Wirtschaftskammer sagt, dass alles legal abgelaufen sei.  |  zVg

„Für mich ist da eine große Sauerei, die da passiert ist“, sagt ein Vermittler von 24-Stunden-Pflegekräften im Bezirk, nachdem er die Sachverhaltsdarstellung des Falles gelesen hatte: Ein Mann aus dem Land um Mistelbach hatte sein Erbteil am elterlichen Haus verloren, weil seine Schwester, bis dahin Besitzerin der Liegenschaft, einige Wochen vor ihrem Tod Haus und Grund ihrer 24-Stunden-Pflegerin vermacht hatte. Legal sind die Ereignisse allemal.

Die Vorgeschichte: Das Elternhaus in Gars wurde auf die Schwester überschrieben, da die Mutter schon in vorgerücktem Alter war und man etwaigen Regressforderungen von Pflegeheimen entkommen wollte. Die Mutter bekam ein Wohnrecht. Als die Schwester, schwer übergewichtig und nicht gerade mobil, zu ihrem neuen Mann in die Region Vitis (Bezirk Waidhofen/Thaya) zog, verschlechtere sich das Verhältnis innerhalb der Familie.

 

„Als 24-Stunden-Betreuerin braucht man keine besondere Ausbildung. Das läuft nicht unter Pflege, sondern unter Personenbetreuung.“ Andrea Servus, Wirtschaftskammer

Der Bruder und seine Töchter versuchten trotzdem, den Kontakt zu halten. Zuerst wurde der Mann der Schwester ein Pflegefall, später auch sie. Um sie kümmerte sich eine 24-Stunden-Pflegekraft aus Rumänien. Diese wurde immer wichtiger im Leben der Schwester, irgendwann zog auch deren Lebensgefährte in die kleine Ortschaft und erledigte Arbeiten im Haus.

Ein Monat vor Tod das Testament geändert

Ein Monat vor ihrem Tod änderte die Schwester ihr Testament und setzte als Erben ihrer mittlerweile zwei Häuser - ihr Gatte war verstorben und hatte ihr das Haus bei Vitis hinterlassen - die rumänische Pflegekraft ein. Die Mutter lebt weiter in ihrem Garser Haus, das jetzt der Pflegerin gehört. „Darf die Pflegekraft ein derartiges Erbe annehmen?“, fragen sich die leer ausgehenden Verwandten. Und ging rund um den Tod der Schwester alles mit rechten Dingen zu? Eine Obduktion erbrachte keine Hinweise auf ein Drittverschulden und auch das Testament ist, da beim Notar hinterlegt, wasserdicht.

Für Andrea Servus von der Wirtschaftskammer-Fachgruppe der Personenbetreuung handelt es sich um einen Einzelfall: Die Rumänin ist Einzelunternehmerin und darf somit das Erbe antreten, trotz aller Bedenken, für die sie auch Verständnis hat.

Keine Ausbildung für freies Gewerbe nötig

Da „24-Stunden-Pflegekraft“ ein freies Gewerbe ist, bedarf es dafür keiner gesonderten Befähigungen, sagt Servus: „Das läuft nicht unter Pflege, sondern unter Personenbetreuung.“ Seitens der Kammer strebt man ein Gütesiegel an und bietet Zusatzausbildungen für Personenbetreuer, um das Image zu heben. Den Angehörigen nutzt das wenig, zumal sie sich von den kontaktierten Behörden und Institutionen im Stich gelassen fühlen. Sie raten, bei der Vermittlung von 24-Stundenpflegekräften auf seriöse Agenturen zurückzugreifen, die sich einem Ehrenkodex unterwerfen und u.a. keine Erbschaften antreten.