Mistelbach

Erstellt am 12. Oktober 2016, 05:00

von Michael Pfabigan

Flüchtlinge fürchten Abschiebung. Blitz-Aktion der Behörden traumatisiert.Mutter und Tochter sind nach Blitz-Aktion der Behörden traumatisiert.

Verunsicherung in der Flüchtlings-Siedlung: Derzeit schiebt Österreich alle ab, von denen vermutet wird, dass sie über Kroatien eingereist sind. Betroffen auch ein zwei Monate altes in Mistelbach geborenes Baby.  |  Michael Pfabigan

„Mir geht es nicht darum, die Rechtmäßigkeit der Abwicklung der Asylverfahren in Frage zu stellen, sondern auf Situationen hinzuweisen, bei denen leidgeprüften Menschen nochmals extremes Leid zugefügt wird!“ Die derzeit massiv intensivierte Abschiebepraxis der Behörden sorgt nicht nur bei Bewegung-Mitmensch-Obmann Franz Schneider für Kopfschütteln.

Österreich versucht derzeit scheinbar, möglichst rasch möglichst viele Flüchtlinge loszuwerden: Wenn angenommen wird, dass sie über Kroatien nach Österreich eingereist sind oder das bei der Erstbefragung angegeben haben, werden sie jetzt dorthin abgeschoben - egal ob und wie sie seit dem Vorjahr integriert wurden.

„Sie sind am Ende ihrer Kräfte und befürchten täglich ihre Abschiebung!“

Franz Schneider, Obmann der Bewegung Mitmensch über die tägliche Angst zweier Mistelbacher Flüchtlinge.

Zwei Fälle in Mistelbach sorgen bei den Helfern für besonderes Kopfschütteln, für Zwei endete die Abschiebung vorerst im Krankenhaus:

Rusul, die mit ihrer Mutter im Haus Arjan am Schlossberg lebt, war Ende September gerade am Weg in die Schule, als die Polizei im Flüchtlingsquartier auftauchte und die Irakerin festnahm und in ein Anhaltezentrum brachte. Für die Tochter war das zu viel: Sie wurde mit einem Nervenzusammenbruch in die Kinderabteilung des Landesklinikums eingeliefert. Mittlerweile wurde die Mutter wieder aus dem Anhaltezentrum entlassen, traumatisiert sind beide: „Sie sind völlig fertig und erbrechen jedes Essen. Sie sind am Ende ihrer Kräfte und befürchten täglich ihre Abschiebung!“, erzählt eine engagierte Helferin der NÖN.

Anwälte erfahren zu spät von Abschiebungen

In einem zweiten Fall lebte eine Familie schon acht Monate im Weinviertel, die Kinder gingen hier zur Schule. Trotz Beschwerde wurden sie nach Kroatien abgeschoben: „Drei Monate später erklärte sich Kroatien für unzuständig“, schildert Schneider: „Die Familie musste ohne Geld und auf eigene Faust wieder zurück nach Österreich. Jetzt sind sie fix und fertig!“

Was ist so schlecht an der Abschiebung nach Kroatien? Menschenrechtsorganisationen weisen darauf hin, dass dort schon jetzt die Quartiere überfüllt sind, die Gesundheitsversorgung ist mangelhaft, die Krätze grassiert und es gibt für viele Flüchtlinge weder Bett noch Kasten für die Habseligkeiten. Und: Deutsch haben die Flüchtlinge schon ein wenig gelernt, in Kroatien müssen sie von Null beginnen.

Die Abschiebungen erfolgen oft derart überraschend, dass die Anwälte der Flüchtlinge erst davon erfahren, wenn ihre Schützlinge bereits in Kroatien sitzen.

Integrationswille zählt wenig

Von diesen Dublin-III-Abschiebungen bedroht sind in Mistelbach noch mehr Flüchtlinge - Integrationswille zählt da wenig: „Der Afghane Ali Asghar Joshani hat bereits die ÖSD-Prüfung A2 (Staatsdiplom in deutscher Sprache) absolviert und gewann in Staatz den Publikumspreis beim Bewerb „Zammschreib‘n“, erzählt Franz Schneider. Betroffen ist auch das syrische Elternpaar des ersten Flüchtlings-Babys, das vor zwei Monaten in Mistelbach das Licht der Welt erblickt hat, sowie sechs andere Afghanen, Syrer und Irakis, die im Schusterwirtshaus und im Haus Arjan leben.

„Die im Raum Mistelbach agierenden Flüchtlingshilfe-Gruppierungen wollen sich aktiv dafür einsetzen, dass jene Menschen, die in den Wirren des letzten Herbstes unter schwierigsten Bedingungen nach Österreich gelangt sind und sich seither intensiv um Integration bemüht haben, nicht schon wieder entwurzelt werden, sondern dass deren Asylverfahren hier weitergeführt werden“, sagt der Bewegung-Mitmensch-Obmann Franz Schneider.

Online-Petition

Gegen die Abschiebepraxis regt sich jetzt Widerstand: Helfer haben eine Online-Petition ins Leben gerufen,  in der Innenminister Wolfgang Sobotka aufgefordert wird, alle Dublin III-Abschiebungen zu stoppen: https://www.openpetition.eu/at/petition/online/petition-stopp-von-dublin-iii-abschiebungen-nach-kroatien