Erstellt am 08. September 2015, 10:24

von Christoph Dworak

"Aufregung in Perchtoldsdorf war unnötig". Vor exakt einem Jahr hat Josef Grünwidl die Nachfolge von Ernst Freiler als Pfarrer von Perchtoldsdorf angetreten. Damals nicht ganz ohne Wirbel.

 |  NOEN, CHRISTOPH DWORAK

NÖN: Bei Ihrer Amtseinführung vor einem Jahr fehlte Vorgänger Ernst Freiler, der immerhin 36 Jahre die Pfarre leitete. Auf Weisung von Kardinal Christoph Schönborn, der Ihnen dadurch einen reibungslosen Start ermöglichen wollte. Das kam bei vielen nicht gut an. Haben sich die Wogen mittlerweile geglättet?
Josef Grünwidl: So wie ich das miterlebt habe, hat sich alles sehr rasch beruhigt. Natürlich ist es eine große Umstellung, wenn ein neuer Pfarrer kommt. Für mich, für die Pfarrgemeinde. Ich denke aber, die Aufregung im Zuge meiner Amtseinführung war unnötig. Das Fest wäre allerdings noch schöner und reibungsloser über die Bühne gegangen, wenn Ernst Freiler dabei gewesen wäre.

Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu Ernst Freiler beschreiben?
Wir kommen sehr gut miteinander aus. Ernst ist nach wie vor in der Pfarre präsent. Er übernimmt auch gerne Taufen, Hochzeiten, Begräbnisse. Ich bin froh, dass er uns weiterhin für Aushilfen zur Verfügung steht. Natürlich ohne Dienstverpflichtung, mit allen Freiheiten eines Pensionisten.

"Perchtoldsdorf ist rein soziologisch eine sehr interessante Marktgemeinde"

Wie zeigt sich der Unterschied zwischen der Tätigkeit im Wechselgebiet und in Perchtoldsdorf?
Im Wechselgebiet hatte ich mit Feistritz, Kirchberg, St. Corona und Trattenbach vier kleinere Pfarren zu betreuen, hier ist es eine große, die in sich sehr bunt und lebendig ist. Perchtoldsdorf ist rein soziologisch eine sehr interessante Marktgemeinde. Mit dem historischen Ortskern, den Hauern, dem Brauchtum, vielen Zugereisten und der Wiennähe. Eine sehr interessante Mischung. Ich bin noch immer dabei, mich einzuleben. Ich gehe voller Optimismus und Freude in mein zweites Jahr als Pfarrer von Perchtoldsdorf.

Sie waren 16 Jahre in Wechselgebiet tätig, also schon sehr gut etabliert. Warum wollten Sie wechseln?
Mit 50 macht man sich schon seine Gedanken. Ja, ich wollte mich verändern und habe gern zugesagt, als Ernst mich als seinen Nachfolger vorgeschlagen hat. Es war der richtige Schritt für mich und ich hoffe auch, dass ich der richtige Pfarrer für Perchtoldsdorf bin.

"Wir müssen den Generationensprung schaffen und dürfen nicht zur Seniorengemeinde werden"

Was sind die Herausforderungen hier in Perchtoldsdorf?
Es ist leider so wie überall: wir werden weniger. Wir müssen den Generationensprung schaffen und dürfen nicht zur Seniorengemeinde werden. Gott sei Dank gibt es in Perchtoldsdorf viele junge Menschen und Familien, die sich aktiv ins Pfarrleben einbringen. Im Großen und Ganzen darf ich mich in Perchtoldsdorf also über den Kirchenbesuch nicht beschweren. Entspannt zurücklehnen darf ich mich nicht.

Betreuung der Flüchtlinge ist eine weitere große Herausforderung

Das Thema Flüchtlinge geht nicht spurlos an der Pfarre Perchtoldsdorf vorbei.
Die Betreuung der Flüchtlinge ist eine weitere große Herausforderung, der wir uns gestellt haben. Derzeit haben wir im Rahmen der pfarrlichen Initiative vier Wohnungen angemietet und betreuen 17 Asylanten. Unsere Pfarre stellt täglich das Pfarrheim für Deutschkurse zur Verfügung.

Eine Herausforderung der anderen Art steht 2017 an.
Ja, da feiern wir 800 Jahre Pfarre Perchtoldsdorf. Das ist auch insofern spannend, da im selben Jahr die evangelischen Kirchen 500 Jahre Reformation feiern. Wir wollen diese Jubiläen gemeinsam mit unserer evangelischen Pfarrgemeinde gestalten.

"Wir sind eine der größten Pfarren in der Diözese"

Wie sehr ist Perchtoldsdorf von der Kirchenreform innerhalb der Diözese Wien betroffen? Stichwort: Seelsorgeraum und „Pfarre neu“.
Gott sei Dank – noch – nicht. Es gibt den ,Entwicklungsraum Föhrenberge‘ mit Kaltenleutgeben und Gießhübl. Dort gibt‘s allerdings noch überall einen eigenen Pfarrer. Und es sieht nicht danach aus, als ob sich daran in den nächsten Jahren etwas ändern wird. Perchtoldsdorf ist jetzt schon eine ,Pfarre neu‘.
Wir verfügen de facto gemeinsam mit der Pfarrkirche, der Marien- und der Spitalskirche über drei Gottesdienstgemeinden, die in einer Pfarre mit knapp 10.000 Katholiken zusammengefasst sind. Damit erfüllen wir alle Kriterien für das Modell ,Pfarre neu’. Wir sind eine der größten Pfarren in der Diözese. Perchtoldsdorf braucht ganz sicher nicht zu zittern, dass es hier einmal keinen Pfarrer geben wird.

Wie sieht Ihre Planung aus. Werden Sie auch in Perchtoldsdorf in Pension gehen?
Da Priester in der Regel bis zum 70. Lebensjahr oder noch länger im Dienst sind, mache ich mir mit meinen 52 Jahren noch keine Gedanken über die Pensionierung.

"Sind wir als Kirche vor Ort im Geist unseres Gründers unterwegs?"

An welchen Rädchen würden Sie gerne noch drehen, um das Pfarrleben intensiver zu gestalten?
Jüngere finden, die mitgestalten wollen. In dieser Hinsicht sind auch die Pfarrgemeinderatswahlen im Jahr 2017 wichtig. Und dann gibt es natürlich eine Frage, die mich und uns in der Pfarre ständig beschäftigt: Sind wir als Kirche vor Ort im Geist unseres Gründers unterwegs? Gehen wir in der Spur des Jesus von Nazareth?