Erstellt am 01. Oktober 2017, 05:05

von Angela Bahr

Flucht nach Österreich ohne Reue. Einst sagte Angelika Timisch Rumänien ade. Jetzt feiert sie mit ihrer Schneiderei in der Neusiedler Straße 20-Jahr-Jubiläum.

Seit 20 Jahren aus der Neusiedler Straße 3 nicht wegzudenken. Angelika Timisch mit ihrem Mann Istrate, der vom Fliesenleger zum Schneider wurde.  |  NOEN, Angelika Bahr

Angelika Timisch ist gelernte Schneiderin und hat 1981 in Rumänien bei einem nationalen Wettbewerb für Modedesign den 2. Platz gewonnen. Damit standen ihr alle Türen offen und sie wurde Geschäftsführerin einer Fabrik in Klausenburg. Sie hatte „ein sehr gutes Leben, es hat mir eigentlich an nichts gefehlt“, erinnert sie sich. Wäre da nicht ihre bessere Hälfte Istrate gewesen, der sich in der Ceaucescu-Ära politisch engagiert hatte, gefangen genommen wurde und schlussendlich Asyl in Österreich fand.

Aufenthalt in Mödling dauerte etwas länger

Nach der Revolution war es so weit: Timisch reiste zu ihrem Liebsten – zuerst für ein Monat, dann waren’s vier; in Rumänien wurde ihr mittlerweile gekündigt. Also beschloss sie, sich selbstständig zu machen, fand das Geschäftslokal in der Neusiedler Straße und beantragte eine Steuernummer. Dazu fehlten Unternehmer-, Buchhaltung- und Meisterprüfung. „Ihre aus Rumänien ist zu wenig“, hörte sie. Auch eine Arbeitsbewilligung bei einem Modekonzern scheiterte. „Es blieb mir gar nichts anderes übrig, als meine Selbstständigkeit voranzutreiben“, betonte Timisch.

Brieflos-Gewinn zum richtigen Zeitpunkt

Ihr Mann war Fliesenleger, das Geld war knapp, trotzdem absolvierte sie ihre WIFI-Kurse in St. Pölten und stand vor der letzten großen Prüfung. Die kostete 700 Euro. Sie fand niemanden, der ihr das Geld borgte. Da öffnete ihr Mann ein Brieflos. Gewinn: exakt die 700 Euro. Damit konnte sie die Prüfung ablegen, hatte ihre Diplome und wartete nur noch auf die Verleihung der österreichischen Staatsbürgerschaft. Jetzt feiert die Unternehmerin in der Neusiedler Straße 20-jähriges Firmenjubiläum: „Ich bin sehr glücklich hier und bereue es keinen Tag, das Leben in Rumänien aufgegeben zu haben“, merkte Timisch an. Ihr Mann hat übrigens das Fliesenlegen aufgegeben und sich der Schneiderei zugewandt.