Erstellt am 01. April 2016, 06:34

von Judith Jandrinitsch

Nach Flucht: Endlich in Sicherheit. Eine lebensgefährliche Odyssee fand in Biedermannsdorf ein glückliches Ende: die Flucht der syrischen Familie Ali.

Die Zwillingstöchter Asal und Gehzel spielen so wie Bruder Hassan Geige. Sie haben mit dem Unterricht schon im Irak begonnen. Vater Hayder und Mutter Neamat mit den in Mödling geborenen Zwillingen Abbas und Zaineb sowie Ewald Benes, freiwilliger Helfer der ersten Stunde.  |  NOEN, JJ

Das erste Erlebnis von Vater Hayder Ali in Biedermannsdorf war der Senioren-Tanznachmittag im Pfarrheim. Als die eben aus Traiskirchen eingetroffen syrische Familie den Pfarrsaal betrat, brandete Applaus auf und Bürgermeisterin Beatrix Dalos, ÖVP, wagte sofort ein Tänzchen mit Ali.

Ein Empfang, der der Familie bis heute positiv in Erinnerung ist, quasi als Kontrastprogramm dazu, was Hayder, seine damals noch schwangere Frau Neamat, Sohn Hassan und die Zwillingsmädchen Asal und Gehzel auf der Flucht von Syrien nach Österreich erlebten.

„Ich habe mich in diesem Moment das erste Mal wirklich sicher gefühlt“, berichtet Hayder. Fast unwirklich klingen seine Fluchterlebnisse: Die Mühen, die seine im siebenten Monat schwangere Frau auf sich nehmen musste wie stundenlange Fußmärsche, die nur dadurch erträglich wurden, dass sich in Griechenland Autofahrer erbarmten und Neamat und die Kinder einsteigen ließen und verbotenerweise zumindest ein Stück weit mitnahmen.

„Ich gehe nicht ohne meinen Sohn“

Oder der aussichtslose Kampf um einen Platz im Zug in Mazedonien zur serbischen Grenze, der Moment, als seine Frau in Ungarn im Wald stolperte und sich am Bauch verletzte, und wo als traumatische Draufgabe auch noch der Sohn verloren ging. Eigentlich sollte die Familie schon den Flucht-Van besteigen, der Schlepper drängte zur Eile, doch da begann Hayder zu schreien: „Ich gehe nicht ohne meinen Sohn.“

Denn das war ihm immer klar gewesen: „Entweder wir überleben alle, oder wir sterben alle - und wir bleiben alle zusammen.“ Der Schlepper, ein Pakistani, lief tatsächlich noch einmal in den Wald und kam mit Sohn Hassan zurück. Da brach Ali in Tränen aus – die Anspannung der letzten Tage löste sich auf dieser letzten Etappe der Flucht von Ungarn nach Österreich.

Einziger Ausweg: Flucht

Ali hatte im Irak als Englischlehrer gearbeitet. Als die US-Truppen das Land eroberten, dolmetschte er für die US-Marines. Das war auch der Grund, warum er in Syrien Probleme bekam. Jedes Dorf verfügt dort über eine zivile Bürgerwehr, die eigentlich als Spitzel fungiert und Menschen bei der Regierung anschwärzt – so wie Hayder, weil er für westliche Streitkräfte gearbeitet hat.

Als Unbekannte seiner Familie und ihm zu drohen begannen, blieb nur mehr die Flucht.

Als Familie Ali in Österreich von den Schleppern irgendwo neben der Autobahn ausgesetzt wurde, stoppte Hayder ein Polizeiauto und vertraute entgegen der Infos, die unter den Flüchtlingen kursierten, auf die Menschlichkeit der Österreicher. Heute sagt er „Danke. All denen, die seine Familie so unermüdlich unterstützt haben“.