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18.08.2015, 08:50 Dekanat Retz

Pfarrer Beirer: „Können auf Mitleid nicht verzichten“

Pfarrer Beirer, bald Dechant, spricht über die Zukunft der Kirche und formuliert Argumente für die Flüchtlingshilfe.

(© Karin Widhalm)
Clemens Beirer in der Pfarrkirche, aufgenommen vor drei Jahren. Foto: Karin Widhalm
© Karin Widhalm

Pfarrer Clemens Beirer kam 2012 nach Retz, nachdem sein Vorgänger Markus Krammer nach Hainfeld berufen wurde. Der Moderator wurde am 26. Juni zum Dechant gewählt und folgt mit 1. September Prälat Franz Mantler (Zellerndorf) nach.

NÖN: Wollen Sie etwas im Dekanat Retz verändern?
Pfarrer Clemens Beirer: Ich will das nicht ausschließen, aber ich seh‘ noch nicht den Bedarf. Die Fußabdrücke, die Dechant Franz Mantler hinterlässt, sind sehr groß. Vieles ist eingespielt, war und ist sehr gut. Das erleichtert den Übergang. Man muss nichts neu erfinden.

„Wichtig ist mir der Kontakt zu den Mitbrüdern“

Was ist Ihnen wichtig?
Es ist das erste Mal, dass ich Dechant bin – und ich lerne. Wichtig ist mir der Kontakt zu den Mitbrüdern, etwa dass wir uns regelmäßig zum Mittagessen treffen. Das stärkt die persönliche Bindung untereinander. Eine gute Beziehung fördert eine gute Arbeit. Dann liegt mir auch der Erneuerungsprozess am Herzen. Den führen wir fort.

Wie bewerten Sie die Arbeit Ihres Vorgängers?
Seine Stärke sind die 50 Jahre Erfahrung als Priester gewesen. Er war einer der Ersten, wenn nicht der Erste, der den Weg der Pfarrverbände gegangen ist. Ich erlebte ihn als jemanden, der weiß, dass Kirche stets auf dem Weg ist und der eine „Kirche vor Ort“ möchte. Dies hat er auch immer wieder eingemahnt. Kritik hat er stets so geäußert, dass sie konstruktiv geblieben ist. Er hat seine Priester im Dekanat immer unterstützt und ist ihnen in ihren schwierigen Zeiten mit viel persönlichem Engagement zur Seite gestanden. Sein Herz für die Mitbrüder habe ich selber erlebt, als er mich 2012 mit spürbarer Freude begrüßte und mir sofort seine Hilfe beim Einrichten in der Pfarre Retz zusagte.

Vieles hat sich im Pfarrverband verändert für die Gläubigen ...
Die Veränderung wird vor allem im wechselnden Angebot von Samstags- und Sonntagsmesse wahrgenommen. Das Thema bleibt als offene Wunde. Ich hoffe trotzdem, dass das mit unseren Möglichkeiten eine gute Lösung ist. Der Pfarrverbandsrat wurde neu eingeführt. Der Arbeitsschwerpunkt verlagert sich immer mehr vom Organisatorischen zum Thematischen und Visionären. Derzeit setzen wir uns mit der Enzyklika „Die Freude am Evangelium“ von Papst Franziskus auseinander.

„Der Gedanke, dass Glaube Gemeinschaft ist, fehlt“

Was sind die Visionen?
Ich möchte drei Gedanken in die Diskussion einbringen. Erstens: aus Konsumenten Produzenten machen. Jesus hat die Gläubigen berufen, Menschen zu ihm zu führen. Sie sollen Menschen zu Gläubigen machen. Ich will die Leute nicht zuerst in die Kirche bringen, sondern zu Jesus, der die Kirche gegründet hat als Erfahrung der Gemeinschaft mit ihm. Zweitens: Gläubige vertiefen Jüngerschaft. So wie es in einer Beziehung keinen Stillstand gibt, so braucht auch der Glaube eine regelmäßige Vertiefung. Drittens: Wir sind für die da, die nicht da sind. Jesus ist zu den „Verlorenen“ gegangen, um sie für Gott zu gewinnen. Kirche ist kein Selbstzweck. Sie ist für andere da.

Zurück zur Strukturreform in Retz: Sie war im Grunde wegen des Priestermangels notwendig, nicht?
Es gibt nicht nur weniger Priester, sondern auch weniger Gläubige. Mir fehlt die große Gruppe der 0- bis 50-Jährigen. Der Gedanke, dass Glaube Gemeinschaft ist, fehlt. Gemeinschaft ist nicht möglich mit Menschen, die nicht da sind. Ihr Fehlen ist auch ein Hinweis darauf, dass es nicht gelungen ist, den Glauben weiterzugeben. Das beginnt schon in der Familie. Es werden Riten weitergegeben, ein Morgengebet etwa. Aber es gelingt nicht, mitzuwirken an einer lebendigen Beziehung mit Christus.

„Flüchtlinge nicht als Flut,
sondern als Menschen sehen“

Zuletzt ist Kritik geäußert worden, dass die Kirche zu wenig Flüchtlingen hilft ...
Gläubige helfen auf zwei Ebenen. Als Bürger dieses Landes mit ihren Steuern und als Teil der Kirche. Derzeit werden 4.500 Flüchtlinge im kirchlichen Bereich untergebracht. 10.500 Flüchtlinge werden von der Caritas mobil betreut. Es ist nie genug. Aber wir müssen uns auch nicht verstecken.

Wie sieht‘s im Pfarrverband aus? Gäbe es Möglichkeiten?
Es gibt nur noch vier Gebäude: Eines ist desolat, das andere ist nur mit hohem finanziellen Aufwand herzurichten, eines wird für das Pfarr- und Ortsleben gebraucht und müsste ebenfalls hergerichtet werden, im letzten wohnen der Kaplan und ich. Damit ist das Thema für uns nicht zu Ende. Pastoralassistentin Maria Krimmel und Christoph Fasching von der Pfarrcaritas arbeiten an Möglichkeiten der Hilfe.

Glauben Sie, dass die Gesellschaft mehr tun könnte?
Ich nehme Hilfsbereitschaft und Angst wahr. Ich würde mir wünschen, dass Flüchtlinge nicht als Flut, sondern als Menschen gesehen werden. Sie sind nicht nur Herausforderung, sondern auch Geschenk. Wir können es uns nicht leisten, auf Mitleid zu verzichten, sonst arbeiten wir an einer Gesellschaft, in der nur der Starke das Recht auf Leben hat. Das hatten wir schon einmal und es hat sich nicht bewährt. Wenn jemand sein von Krieg und Terror geplagtes Land verlässt, hat er sich entschieden, hier nicht mitzumachen. Eine friedliche Gesellschaft braucht Menschen, die lieber alles verlassen, als selbst Teil von Krieg und Terror zu werden. Eine Flucht ist nicht einfach. Dazu gehört Mut, Bereitschaft zur Entbehrung und der Wille, neu anzufangen. Das sind menschliche Qualitäten. Viele sind gut ausgebildet, tüchtig und willig. Die Zeitung „Die Zeit“ schreibt, dass Deutschland bis 2050 jährlich 300.000 bis 500.000 Menschen aus Nicht-EU-Ländern braucht, wenn das Sozialsystem nicht zusammenbrechen soll. Es gibt gute Argumente für die Hilfsbereitschaft.

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