JavaScript ist in Ihrem Browser deaktiviert!
Um NÖN.at nutzen zu können müssen Sie in Ihrem Browser JavaScript zulassen. Sollten Sie nicht wissen, wie dies funktioniert, werden Ihnen die folgenden Links helfen:

16°C / 28°C St. Pölten
25.08.2015, 15:17 NÖN-Gespräch

Gump: „Pfarrer ist der schönste Job der Welt!“

Schwechats Dechant zieht Bilanz und spricht offen über seine Sicht der Dinge. Sein beruflicher Plan ist es auch weiterhin als Pfarrer vor Ort für die Menschen da zu sein.

(© Stefan Obernberger)
Gump an einem seiner zentralen Arbeitsplätze - beim Computer: E-Mails um vier Uhr in der Früh von ihm zu bekommen war keine Seltenheit, Öffentlichkeitsarbeit ihm ein großes Anliegen. Übrigens: Wie er etwa die Arbeit von Stadtchefin Baier beurteilt oder mit welchem Promi er gerne einen Tag verbringen würde, lesen Sie online.
© Stefan Obernberger

In wenigen Tagen ist es soweit: Gerald Gump wird – wie berichtet – Schwechat verlassen und in Wien als Pfarrer tätig werden. Das nahmen wir zum Anlass, mit ihm noch einmal über Aktuelles, Vergangenes und Zukünftiges zu plaudern.

NÖN: 16 Jahre Pfarrer zu sein ist mit zahlreichen Entscheidungen unweigerlich verbunden. Was waren so Ihre wichtigsten Entscheidungen in und für Schwechat?
Gerald Gump: Ich glaube, die wichtigste Entscheidung war die Summe der kleinen Entscheidungen. Natürlich waren auch größere Sachen dabei: Die Grundlinie, wie wir als Pfarrgemeinde unser Leben entfalten, die vielfältigen Aktivitäten im sozialen Tun, die Bauangelegenheiten – aber was davon letztlich auf Dauer Bedeutung hat, kann man wohl erst in ein paar Jahrzehnten sagen.

Gibt es auch etwas, das Sie auf jeden Fall heute ganz anders gemacht hätten, eventuell sogar im Nachhinein bereuen?
Gott sei Dank fällt mir keine eklatante Fehlentscheidung ein, die drastische Auswirkungen gehabt hätte und ich hoffe, dass ich da mit meiner Einschätzung nicht all zu daneben liege. Aber nur, damit wir uns richtig verstehen: Natürlich ist viel auch schief gegangen, aber im Wesentlichen bin ich über das, wie die 16 Jahre gelaufen sind, mehr als dankbar.

"Wir Christen sind kein Jesus-Museums-Verein,
sondern wollen aktuell am Leben dran sein!“

Wie war denn eigentlich so das Verhältnis zur Politik in Schwechat? Haben die unterschiedlichen Bürgermeister Auswirkungen auf die Pfarre gehabt?
Ich muss sagen, dass ich zu allen vier Bürgermeistern, die ich als Gegenüber in Schwechat erlebt habe, persönlich ein gutes Verhältnis gehabt habe. Das Miteinander zwischen Gemeinde und Pfarre läuft schon sehr lange auf guten Gleisen. Und in ganz konkreten Anlassfällen, wo es meist um ganz konkrete Menschen oder Notlagen ging, gab es mit allen einen guten Weg des Miteinanders zum Wohle der jeweils Betroffenen.

Was war Ihre größte Herausforderung in der Funktion als Dechant?
Ein starker Punkt war gleich einmal zu Beginn meiner Tätigkeit, als sich ein Kollege das Leben genommen hat. Als Dechant ist man dann gleich für alle Überbrückungsaufgaben, Noteinsätze, wie auch die Supplierung seiner Tätigkeit zuständig. Das war sicher sehr heftig. Dann war es für mich auch schwer, zu erleben, wenn in manchen Pfarren Schwierigkeiten auftraten – und ich nur sehr beschränkte Möglichkeiten hatte, etwas positiv zur Verbesserung beizutragen. Aber: Wenn ich an die 12 Jahre als Dechant denke, überwiegen die positiven Erinnerungen doch ganz stark.

Warum engagieren Sie sich außerdem bei Kolping so stark?
So sehr mein Dienst als Pfarrer sicher das Herzstück meines Lebens ist, so wenig möchte ich, dass ich nur mehr Pfarrer bin. Ich habe es für mich als kostbar erkannt, dass es verschiedene Lebensbereiche braucht, um nicht zu sehr einseitig zu werden. So ist mein Engagement als Bundespräses von „Kolping Österreich“ – wie auch schon davor als Diözesan-Jungscharseelsorger oder andere kirchliche Zusatz-Jobs – eine bereichernde Ergänzung, die letztlich auch meinem Engagement als Pfarrer zugutekommt.

Wie hat sich denn der Glaube (an Gott) in den 16 Jahren verändert? Sind die Menschen weniger gläubig als früher?
Da sind pauschale Urteile, nett, aber völlig an der Realität vorbei. Kirchlich ist sicher einiges geringer oder kleiner geworden, aber auf der anderen Seite engagieren sich allein in meinen vier Pfarren hunderte Menschen aktiv und in toller Weise. Und weltweit gibt’s da ja ein völlig anderes Bild: Die Katholiken nehmen ganz stark zu – der Rückgang des kirchlichen Lebens ist ein genuin mitteleuropäisches Phänomen. Aber: Veränderung gibt es im Glauben natürlich viel – denn: Wir sind ja kein Jesus-Museums-Verein, sondern wollen gerade aus unserem Jesus-Bezug ganz aktuell am Leben dran sein!

Brandaktuell ist nach wie vor die Arbeit mit Flüchtlingen – in Schwechat, in Österreich, in Europa. Welche Bedeutung hat die Flüchtlingsarbeit in der Pfarre Schwechat – ist es Ihr Schwerpunkt oder allgemeine Grundhaltung in Schwechat?
Durch die Nähe des Flughafens ist das Flüchtlingsthema schon vor Jahrzehnten in unserer Pfarre besonders wichtig geworden. Wir haben uns ja unsere Nähe zum Flughafen nicht ausgesucht – da habe ich schon das Gefühl, dass uns Gott einfach durch diese Wirklichkeit diesen Auftrag gibt, uns um Menschen auf der Flucht zu kümmern. Und ich muss schon etwas lächeln, wenn jetzt plötzlich 10 oder 20 Flüchtlinge, die kommen, zum Problem gemacht werden – in unserem pfarrlichen „Sozialprojekt Zirkelweg“ haben wir durch die letzten Jahrzehnte weit über 1.000 Flüchtlingen mitten in Schwechat Heimat geboten, die aus über 50 Nationen stammten. Nur war durch diese Jahre die politische Stimmung nicht so aufgeheizt und es gab wohl weniger Strömungen, die mit dem Flüchtlingsthema auf Kosten von Menschen billige Stimmungsmache betrieben. Einfach und klar: Die derzeitige Situation ist herausfordernd, aber bei gutem Willen selbstverständlich gut schaffbar.

Im letzten NÖN-Interview fragten wir Sie, was Sie tun würden, wären Sie für einen Tag Papst. Was würden Sie als „Wiener Erzbischof für einen Tag“ konkret tun?
Ich würde mir eine Ernennungsurkunde zum Pfarrer schreiben – denn: Pfarrer ist und bleibt der schönste Job der Welt für mich!

Die Pfarre Schwechat wurde und ist weit über die Stadtgrenzen bekannt, auch aufgrund der Fortschrittlichkeit und vor allem durch sehr originelle Ideen. Ich denke dabei nur an die Geldverteilaktion in einem Gottesdienst vor einem Jahr. Ist die PR-Funktion da im Vordergrund?
Wir haben viele gute Leute – aber das ist in jeder Pfarre so. Und gute Leute haben gute Ideen – überall. Und manches davon haben wir sehr bewusst auch in die Öffentlichkeit getragen – nicht, um gute PR zu haben, sondern weil wir die dahinterstehenden Gedanken für wichtig erachten – und mit guten Ideen, die anderen helfen, möchten wir gerne andere anstecken.

In puncto Stress braucht man Ihnen ja wirklich nichts vormachen. 100-Stundenwochen waren nicht die Ausnahme, sondern eher die Regel. Ganz ehrlich: Wie schafft man das über so lange Zeit?
Es ist wohl auf Dauer nicht „g’scheit“ so zu leben, wie ich das tue – aber: Das ist halt die „Krux“ von Begeisterung und einer Tätigkeit, die man unheimlich gerne tut: Da die richtigen und gesunden Grenzen zu finden, fällt zumindest mir schwer.

Sie sind auch Vorstandsmitglied in der Pfarrerinitiative. Es ist schon sehr auffallend ruhig um die Bewegung geworden …
Nun ja, wir werken alle miteinander durchaus kräftig daran, dass sich unsere Kirche immer wieder neu an der Linie Jesu weiter entwickelt. Aber das sind halt keine Themen, die – so wie es beim so genannten „Aufruf zum Ungehorsam“ der Fall war – laufend auf die Titelseiten der Zeitungen kommen.

Mal Hand aufs Herz: Wird ein heute 20-jähriger Christ Ihrer Einschätzung nach überhaupt die von Ihnen geforderte Pflichtzölibatauflösung oder etwa das Weiheamt für Frauen erleben?
Ja – dessen bin ich mir sicher!

"Papst Franziskus würde ich einen
römischen Einser als Schulnote geben!“

Apropos: Papst Franziskus ist nun schon rund zwei Jahre im Amt. Welche Note würden Sie ihm denn derzeit für sein Wirken und Handeln geben und warum?
Ich persönlich einen „römischen Einser“. Ich hoffe jetzt nur noch, dass manche Bischöfe von der „Ersten Reihe fußfrei“ aufstehen und die vorgegebenen Linie auch ihrerseits umsetzen. Das wäre höchst an der Zeit, anstatt dass sie versuchen „durchzutauchen“, in der Hoffnung, dass danach ein Papst kommt, der das Rad wieder zurückdrehte. Das aber, glaube ich, wird der liebe Gott zu verhindern wissen!

Aber die von Ihrer Initiative geforderten großen Reformen hat er ja bisher noch kaum bis gar nicht angegangen, oder?
Das sehe ich nicht so: Da ist in diesen Bereichen erstmals seit Jahrzehnten einiges in Bewegung gekommen. Plötzlich wird in der ganzen kirchlichen Breite über Themen diskutiert, die davor offiziell tabu waren. Ich glaube nicht, dass Papst Franziskus selbst Frauen zu Priestern weihen wird, aber er schafft ein Klima der Freiheit, dass endlich die nötigen Fragen in Bewegung kommen können und werden. Es wäre falsch, wenn der Leiter einer Gemeinschaft von einer Milliarde Menschen aus allen möglichen Kulturkreisen dieser Welt zu schnell fundamentale Veränderungen eigenständig anginge: Seine Aufgabe ist, die Diskussionen zu ermöglichen – dann wird das Richtige sicher in Bewegung kommen!

Zurück zu Schwechat: Was werden Sie noch lange in Bezug auf Ihr Leben hier in Erinnerung behalten?
Das vielfältige Leben und caritative Engagement meiner Pfarrgemeinden, konkrete Menschen und viele Feste, Gottesdienste und Gespräche.

Worauf freuen Sie sich, was Ihre neuen Pfarren betrifft?
Noch bin ich zu sehr in meiner jetzigen Pfarre drin: im Alltagsleben, wie auch im Abschließen. Also habe ich noch keinen „inneren Raum“, um mich auf die neuen Pfarren einzustellen, mit ein Grund, dass ich dort auch erst mit 1. Oktober beginne.

Aber stimmt es, dass auch die berühmte Karlskirche bald zu „Ihrer“ Pfarre gehören wird?
Die Idee im Diözesanen Geschehen – und das wird von den Pfarrgemeinderäten dort meines Wissens nach sehr geteilt – ist, dass die jetzigen vier Pfarren des 4. Bezirks und die Pfarre St. Florian (Wien 5) zu einer gemeinsamen Pfarre unter Beibehaltung der jetzigen Pfarren als lebendige Gemeinden am Ort zusammengefasst werden sollen. Wenn das so ist, wäre auch die Karlskirche dabei, ja.

Und wieder 10 bis 15 Jahre das Ziel, dort Pfarrer zu sein?
Ja, so ist mein Plan.

Zum Abschluss noch etwas ganz Praktisches: Wann und wie wird das Übersiedeln denn von statten gehen? Eine eigene Firma beauftragt oder freiwillige Helfer?
Ich kann Umzugs-Tätigkeiten überhaupt nicht leiden und bin immer froh, sie möglichst schnell erledigt zu haben. Ich habe eine Firma bestellt – und hoffe, dass das schnell über die Bühne geht.


Kurz und bündig:

Das mag ich überhaupt nicht …
wenn gegen oder auf Kosten von Menschen billig polemisiert wird.

Für Schwechat wünsche ich mir …
dass sich weiterhin viele prächtige Menschen engagieren.

Mein emotionalster Moment war …
pum – da fällt mir einiges ein: Viele Feierlichkeiten von Taufe, Jubiläen, Hochzeiten, Begräbnissen, Gespräche, Momente, wo ich Menschen in Krisen begleitet habe – und das immer wieder Staunen, mit welch großem Vertrauen mich Menschen in ihr Leben herein lassen.

Drei Dinge, die ich auf eine einsame Insel mitnehmen würde …
konkrete Menschen (auch, wenn sie keine „Dinger“ sind), meinen PC (mit dem ich die meiste Arbeit abwickle) und gutes Essen und Trinken – bei diesen Voraussetzungen wäre die einsame Insel ja fast schon paradiesisch!

Die Pfarre Schwechat ist …
derzeit das Herzstück meines Lebens.

Mit diesem Promi würde ich gerne einen Tag verbringen …
mit Papst Franziskus wär’s cool – oder mit Franz von Assisi; aber ich fürchte, der würde mir in einigen Bereichen meines Lebens ordentlich „die Wadl viere richten“ – top wäre allerdings ein gewisser Wanderprediger aus Nazareth, aber der ist eh laufend bei mir.

Wenn ich ein Tier wäre, wäre ich …
eine jener Fliegen, die immer wieder gerne am Sonntag vorn am Altar sind: Weil dann bekäme ich viel von dem mit, was ich so auch erlebe.

Wenn ich zwei Wünsche drei hätte …
würde ich mir 10 weitere wünschen und dann nachdenken, was wirklich „gescheit“ wäre und wohl viel zu lange nachdenken….

Glauben bedeutet für mich …
Zugang zu meinen Lebenswurzeln, die mein Leben tragen & erfüllen.

Pfarrer-Sein ist für mich …
der schönste Beruf der Welt.

Innenministerin Mikl-Leitner macht ihren Job in Sachen Asyl …
in letzter Zeit besser, als davor – wenn sie endlich auch im Widerstand zu Ländern und manchen feigen Bürgermeistern einfach auf die Tube drückt, um menschenwürdige Unterkünfte für Flüchtlinge möglich zu machen.

Mit Bürgermeisterin Baier hat Schwechat …
viel neuen Schwung; ich glaube, ein völlig neuer Anfang war nötig.

Meine letzten Worte sollen sein …
Danke, ich bin letztlich im Wesentlichen glücklich, dass alles so war, wie es war.

Das will ich nun noch unbedingt loswerden …
Ich bin über meine 16 Jahre in Schwechat zutiefst glücklich – danke und vergelt’s Gott an alle, die dazu beigetragen haben.

Artikel kommentieren

Lesermeinungen

Meine Meinung posten
Meine Meinung posten
Registrieren
Wähle die Anrede.
Trage deinen Vornamen ein. Trage deinen Nachnamen ein.
Trage Postleitzahl und Wohnort ein. Trage deine Postleitzahl ein. Gib eine gültige Postleitzahl an (vierstellig). Trage deinen Wohnort ein.
Gib das Kennwort für deinen Account ein (keine Umlaute). Du musst ein Passwort eingeben. Die Mindestlänge beträgt sechs Zeichen.
Bestätige das Kennwort für deinen Account. Du musst das Passwort bestätigten. Die eingegebenen Kennwörter stimmen nicht überein.

Auf NÖN.at gepostete Kommentare drücken die Meinungen der jeweiligen User aus und spiegeln nicht zwangsläufig die Ansicht der Redaktion wider. Im Sinne der Meinungsfreiheit wollen wir natürlich eine offene Diskussion ermöglich; das NÖN.at-Team bittet aber um Verständnis, dass Postings mit strafbaren oder unethischen Inhalten gesperrt werden.
Mehr Lesermeinungen