Erstellt am 03. November 2015, 05:02

von Christine Hell

Debatte um Wurst: Nur Panikmache?. Laut Studie stellen Fleisch und Wurst Gefährdung für die Gesundheit dar. Fleischer und Konsumenten sind skeptisch.

»Ich lass mir den Gusto auf Wurst- und Fleischwaren nicht verderben«, sagt der Eichgrabener Karl Hanel, der gemeinsam mit Gattin Christine in der Fleischhauerei Köcher einkauft.  |  NOEN, Hell

Laut Weltgesundheitsorganisation steigt das Darmkrebsrisiko je 50 Gramm verarbeitetes Fleisch am Tag um 18 Prozent. Diese Meldung sorgt auch in der Region Wienerwald für Diskussionsstoff.

„Es ist wieder einmal Panikmache“, ärgert sich Fleischermeister Karl Köcher über die aktuelle Diskussion um die eventuelle Gesundheitsgefährdung bei Wurst- und Fleischkonsum. Speziell vor Weihnachten würde vor allem um Lebensmittel ein Skandal gemacht werden, sagt der Fleischermeister. Er habe sich nach den vielen Meldungen im Rundfunk schlau gemacht und festgestellt, dass es eigentlich nur um den Einsatz des Nitrits geht. „Nitrit sorgt für die rote Farbe in der Wurst, es wird in verschwindend kleiner Menge eingesetzt und jemand müsste schon mehrere Stangen Wurst auf einmal essen, um davon krank zu werden“, sagt Karl Köcher. Wurst wäre ohne Einsatz von Nitrit grau. „Niemand würde graue Wurst kaufen“, bringt es der Unternehmer auf den Punkt.

90 Prozent der Kunden sehen darin Panikmache

Nitrit wird seit vielen Jahrzehnten in der Fleischverarbeitung eingesetzt. Bauern haben seit jeher Pökelsalz zur Zubereitung von Geselchtem verwendet. In Zeiten, als es noch keinen Kühlschrank gab und keine Gefriertruhe zur Verfügung stand, war in vielen Haushalten Speck & Co der Hauptbestandteil im Nahrungsangebot.
„90 Prozent unserer Kunden bezeichnen diese Diskussion als Panikmache“, so Köcher, der vor allem die stressfreie Schlachtung in seiner Fleischerei zum großen Vorteil für länger haltbare und bekömmliche Fleischwaren zählt.

Rinder sind maximal 20 Kilometer zur Schlachtung in Neulengbach unterwegs, Schweine stammen aus einem Umkreis von nur fünf Kilometern. „Wir fahren von jedem Stall extra nach Neulengbach, damit wir den Tieren das Zusammenladen aus mehreren Ställen ersparen und so Stress unter den Tieren vermeiden“, erklärt der Fleischermeister. Dadurch wird kaum Adrenalin ausgeschüttet und Fleisch ist dadurch besonders wertvoll.

„Mit fällt auf, dass speziell vor Weihnachten Panik vor einem Lebensmittel gemacht wird, ich glaube, das ist einfach gesteuert.“ Fleischermeister Karl Köcher

„Es ist eher ein Amusement, als eine besorgte Diskussion bei unseren Kunden“, sagt der Chef der Neulengbacher Stadtgreißlerei Georg Brutschy. Er sieht in den Gesprächen mit und unter seinen Kunden keine Ernsthaftigkeit und auch keine Panik.

„Man weiß ja auch, dass Rauchen nicht der Gesundheit förderlich ist“, so Brutschy. Die aktuelle Diskussion ums gesunde oder nicht gesunde Fleisch werde möglicherweise eine Bewusstseinsbildung einleiten, die die Leute dazu bewegt, die Verhältnisse in ihrem Speisenplan etwas zu verändern, meint der Greißlereichef. „Unsere Kunden essen seit Jahrzehnten Fleisch & Co, sie lassen sich den Gusto auf unsere Fleisch- und Wurstwaren nicht verderben“, lacht Georg Brutschy.

„Vergleich Fleisch mit Asbest ist übertrieben“

Um das Einkaufsverhalten wirklich einschätzen zu können, sei es noch zu früh, meint Unimarkt-Leiterin in Maria Anzbach Rositta Wagner. „Es wird alles übertrieben, es ist einfach überspitzt, Fleisch im Vergleich mit Asbest zu erwähnen“, ärgert sich die Marktleiterin. Kunden im Unimarkt lächeln einfach darüber, der Großteil nimmt die Diskussion nicht wirklich ernst. Mit dem Kommentar „Man sollte es nicht“ wird Fleisch und Wurst nach wie vor gern gekauft. „Wir leben derzeit wie die Made im Speck, eine gesunde Mischung aus Fleisch, Gemüse, und Obst wäre halt das Optimale“, so Rositta Wagner.

„Studien sind immer mit einiger Vorsicht zu genießen, denn sie könnten einfach auch nur gewissen
Interessentenkreisen dienlich sein.“ Sergio Lazzari, Neulengbach


„Der Mensch muss sich wohl fühlen, und da die Menschen sehr verschieden sind, bedeutet Fleischverzehr und die Menge davon für jeden etwas anderes“, sagt Sergio Lazzari von der Neulengbacher Reformstube. Aufhören, Fleisch zu essen, sei gar nicht möglich und auch nicht erforderlich, sagt er, vielmehr wäre eine individuelle, vielseitige Ernährung mit Maß und Ziel das Richtige. „Ich bin absolut kein Verfechter der fleischlosen Ernährung“, sagt er. Und mit Studien sei das so eine Sache, so Lazzari, „sie sind immer mit einiger Vorsicht zu genießen, denn sie könnten einfach auch nur gewissen Interessentenkreisen dienlich sein.“ Sergio Lazzari selbst hat Fleisch nur ein- bis zweimal am wöchentlichen Speisenplan, und da vorwiegend Biofleisch. „Ich brauche aber einfach nicht mehr“, berichtet der Inhaber der Reformstube.

Nach dem Sturm der Entrüstung wegen der Warnungen vor dem Verzehr von Wurst und rotem Fleisch hat die WHO übrigens bereits versucht, die Wogen zu glätten: Man verlange nicht, dass die Leute keine Wurst mehr essen, es gehe nur um eine Reduzierung des Konsums, wodurch das Krebsrisiko gesenkt werden könne. 

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