Erstellt am 23. Februar 2016, 05:34

von Birgit Kindler

„Der Kassenarzt gilt als Underdog". Praktische Ärzte sehen Kassenarztpraxen in Gefahr. NÖGKK und Ärztekammer: "Keine Stelle unbesetzt."

 |  NOEN, APA (dpa)

Schnupfen, Husten, Fieber – es ist wieder Grippezeit. Gerade in diesen Zeiten braucht man sie am meisten – die Hausärzte. Ob das System der Kassenärzte aufrecht erhalten werden kann, ist allerdings fraglich, denn viele Medizinstudenten wollen nach ihrem abgeschlossenen Studium oft keine Kassenarztpraxis übernehmen und bevorzugen stattdessen eine Wahlarztstelle. Auch in der Region Neulengbach gibt es einige Kassenärzte, die eher skeptisch in die Zukunft blicken.

Rudolf Burg, praktischer Arzt mit Hausapotheke in Kirchstetten, sieht eine geringe Chance, dass die Landärzte eine Zukunft haben. „Die Honorare – 7,85 Euro pro Patient – die ein Arzt von der Krankenkasse bekommt, sind vollkommen unattraktiv und entsprechen in keiner Weise dem ärztlichen Aufwand“, so Burg.

Außerdem sei der enorme bürokratische und administrative Einsatz in einer Ordination ein zusätzliches Hindernis, das dem Arzt jegliches berufliche Interesse nehme.

„Das Schlagwort lautet Massenmedizin“

„Eine Kassenarztstelle ist für junge Mediziner völlig unattraktiv, da gehen sie lieber Taxifahren“, ist Burg überzeugt. Seiner Meinung nach könne ein Hausarzt ohne Hausapotheke lediglich in einem großen Einzugsgebiet mit vielen Patienten überleben. „Das Schlagwort lautet Massenmedizin“, so Burg.

Herbert Fohringer, praktischer Arzt mit allen Kassen in Neulengbach, glaubt ebenfalls nicht, dass man das System mit den Kassenärzten aufrecht erhalten möchte. „Die Behandlung durch Kassenärzte wird ausgedünnt, in das System nicht mehr investiert“, so Fohringer.

„Ich sehe schwarz für das Kassensystem“

Einen für die Patienten kostenlosen Besuch beim Hausarzt werde es möglicherweise schon bald nicht mehr geben. „Ich sehe schwarz für das Kassensystem“, meint Fohringer. Der Allgemeinmediziner glaubt auch, dass künftig Versorgungszentren aufgebaut werden, die die Behandlung der Patienten übernehmen. „Das Kassensystem gilt als Underdog der medizinischen Versorgung“, ist Fohringer überzeugt.

Der Arzt denkt auch, dass viele Mediziner eine Wahlarztstelle bevorzugen. Wahlärzte würden verlangen können, was ihnen zusteht und würden sich das Geld direkt vom Patienten holen, nicht von der Krankenkasse. „Die Situation ist aber auch so, dass viele Patienten einen Wahlarzt bevorzugen“, so Fohringer.

"Einen Kassenvertrag tu ich mir nicht an"

Dass sich immer mehr Leute für den Wahlarzt entscheiden bestätigt auch Birgit Jung, Leiterin der Presseabteilung der NÖ Ärztekammer. Sie kann nachvollziehen, dass sich immer mehr Mediziner für eine Wahlarztstelle entscheiden: „Wahlärzte haben weniger Stunden zu leisten und sind an weniger Vorschriften gebunden.“ Auch Wochenend-Dienste seien nicht vorgeschrieben. „Es ist verständlich, dass einige Ärzte meinen ‚einen Kassenvertrag tu ich mir nicht an‘ ", sagt Jung.

„Eine Kassenarztstelle ist für junge Mediziner völlig unattraktiv, da gehen sie lieber Taxifahren.“ Rudolf Burg, praktischer Arzt

Insgesamt gibt es in Niederösterreich laut Ärztekammer 3.380 niedergelassene Ärzte, 2.000 davon sind bereits Wahlärzte, bestätigt Jung den Trend mit Zahlen. „Allerdings arbeiten viele davon im Krankenhaus und haben ihre Praxis nur wenige Stunden geöffnet.“ Versorgungszentren seien am Land nicht finanzierbar, eher im städtischen Raum, so Jung. Sie betont: „Den Hausarzt wird es am Land immer geben.“ Obwohl es in einigen Regionen schwer sei, eine Kassenstelle nachzubesetzen. „In Neulengbach sind aber alle Stellen, sowohl Allgemeinmediziner als auch Fachärzte, besetzt.“

Elisabeth Heinz, Sprecherin der NÖ Gebietskrankenkasse bestätigt, dass keine Stelle unbesetzt ist. Sie weist darauf hin, dass das Kassensystem nicht ausgedünnt, sondern ausgebaut werde: „Wir haben so viele Kassenarzt-Stellen wie nie zuvor.“

Ob allerdings die Stelle von Alois Schweighofer, praktischer Arzt in Altlengbach, nach dessen Pensionsantritt nachbesetzt wird, müsse ein Bedarfsprüfungsverfahren klären, so Heinz. „Erst wenn das Ergebnis vorliegt, kann man sagen, ob die Stelle ausgeschrieben wird.“