Erstellt am 26. April 2016, 06:04

von Christine Hell und Renate Hinterndorfer

Erinnerung an Atomunfall. Vor 30 Jahren explodierte ein Reaktor in Tschernobyl. Die Neulengbacher NÖN hat nachgefragt, wie die Menschen in der Region den GAU erlebt haben.

Der Atomunfall in Tschernobyl vor 30 Jahren hat für Aufregung gesorgt. Auch die NÖN hat berichtet.  |  NOEN, NÖN

"Wir haben erst viel später die gesamte Tragweite des schrecklichen Unglücks in Tschernobyl so wirklich erfasst, schließlich wurden wir anfangs nur sehr zaghaft und nur nach und nach davon informiert“, erinnert sich die ehemalige Volksschuldirektorin Marianne Faschingeder, die zur Zeit des Atomunfalles als Lehrerin tätig war. Kinder seien nicht ins Freie gelassen worden und auf das Schwammerlessen habe man halt längere Zeit verzichtet, sagt Marianne Faschingeder, die genau weiß, was sie an diesem 1. Mai gemacht hat: „Ich war mit drei Freundinnen in Oberösterreich und wir hatten einen traumhaften Tag.“

Viele Pflanzen wurden weggeschmissen

Dem Neulengbacher Gärtnermeister Josef Kraic kommen in Verbindung zu dem Atomunglück sofort die Gemüsejungpflanzen in Erinnerung: „Wir waren erstaunt, wie extrem dunkelgrün und kräftig unsere Jungpflanzen waren.“ Die vielen Kisten mit den Pflanzen fanden dann kaum Käufer und wurden schließlich weggeschmissen. Das ganze Jahr sei das Geschäft nicht mehr so richtig in Gang gekommen, trotzdem sagt Kraic: „Gemüsebauern waren aber noch viel ärger betroffen, die hatten ja noch viel mehr Schaden nach dem Supergau.“

Josef Breitenecker aus St. Christophen war zur Zeit der Atomkatastrophe mit seiner Familie gerade dabei, die Weide für die Kalbinnen und das Milchvieh herzurichten. „Die Russen haben das Unglück ja vorerst verschwiegen, die Schweden haben die gefährliche Verstrahlung entdeckt und dadurch gab es erst Informationen“, erinnert sich der damalige Bauernbund-Obmann von St. Christophen. Die gesamte Tragweite sei erst viel später ans Licht gekommen und Angst hätten alle gehabt, sagt er. „Wenn ein derartiger Betonklotz in die Luft fliegt, weiß man, welche Gewalten da im Spiel sind“, so Josef Breitenecker, der dem Unglück auch etwas Positives abgewinnen kann: „Die Leute sind dadurch doch ein wenig gescheiter geworden, Zwentendorf war dann kein Thema mehr und die Alternativenergie ist dadurch ein bisschen mehr in den Vordergrund gerückt.“

Auch Erdbeerbauern waren betroffen. Nachdem in den Nachrichten immer mehr von der Gefährlichkeit der Strahlung durchgesickert ist, sei kaum jemand mehr zum Erdbeerpflücken gekommen, erinnert sich Hubert Mühlbauer. Der Ausfall sei aber zum Teil durch Entschädigungszahlungen gedeckt gewesen. Mühlbauer war damals auch Neulengbacher Bürgermeister. Er erinnert sich besonders an die extrem verstrahlten Sandkästen in den Kindergärten: „Die Untersuchungsergebnisse waren erschreckend und viele Menschen mit kleinen Kindern waren in Angst und Sorge.“

Die Verunsicherung war groß

Auch der jetzige Bürgermeister Franz Wohlmuth kann sich an die Aufregung erinnern: „Es hat eine große Verunsicherung gegeben, wie sich der Atomunfall auswirkt.“

Altbürgermeister Hubert Mühlbauer wettert: „Die Menschheit wird nicht gescheiter.“ Er sei schon immer gegen Atomenergie gewesen und er kann nicht verstehen, wie manche Mitbürger sogar gegen Windräder mobil machen: „Wind kostet nichts, Windräder sind nicht gefährlich und es gibt dabei keinerlei Abfall, der einzige Nachteil ist, dass sie halt riesig in der Natur herumstehen.“