Erstellt am 16. September 2015, 05:47

von Christine Hell

Zu Fuß nach Santiago. Gerhard Fiebiger aus St. Christophen schaffte sein großes Vorhaben: Nach 3.000 Kilometern Fußmarsch in sechs Etappen erreichte er heuer Santiago de Compostela.

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Überglücklich war Gerhard Fiebiger, als er vor der riesigen Kathedrale im spanischen Santiago de Compostela im äußersten Nordwesten Spaniens stand: Er hatte sein großes Vorhaben, vor seinem 60er den ganzen Jakobsweg von daheim aus zu gehen, geschafft.

„Am Monte de Gozo, am Berg der Freude, hatte ich schon einen wunderschönen Blick auf die ganze Stadt“, berichtet Gerhard Fiebiger. Am Tag seiner Ankunft in der Pilgerstadt feierte Gerhard Fiebiger die Pilgermesse in der riesigen Kathedrale mit: „Das hat mich ganz besonders berührt, das ist so ein intensives Erlebnis, das man nicht beschreiben kann. Man muss es einfach erlebt haben!“

Das Buch mit dem Titel „In 100 Tagen bis ans Ende der Welt“ machte den Familienvater vor mehr als sechs Jahren auf den Jakobsweg aufmerksam und er beschloss nach mehreren Vorträgen und eingehendem Reiseführerstudium, den Pilgerweg in Angriff zu nehmen. „Nachdem 100 Tage Urlaub nicht möglich sind, habe ich die Etappen in urlaubsverträgliche Distanzen eingeteilt“, berichtet der 59-Jährige. Bei der Jakobusgesellschaft in Laab am Walde wurde der benötigte Pilgerpass beschafft, in dem bei Kirchen oder Unterkünften die zurückgelegten Wegstrecken durch Stempel bestätigt werden.

Start war im Jahr 2010 in St. Christophen

Am 18. Mai 2010 ging es los, gestärkt mit dem Pilgersegen durch Pfarrer Boguslaw Jackowski und Glück- und Segenswünschen der Familie. „Statt dem Segen verspürte ich heftigen Regen“, lacht der St. Christophener. Trotzdem erreichte er nach zehn Tagen sein gesetztes erstes Etappenziel: Frankenmarkt in Oberösterreich.

Im Jahr 2011 ging’s von Frankenmarkt nach St. Anton in Tirol, mit über 1.800 Metern der höchste Punkt des Jakobsweges. Jedes Jahr wurden die Etappen länger, im Jahr 2012 schaffte der Pilger die Strecke über Liechtenstein bis Fribourg in der Schweiz. 2013 pilgerte Gerhard Fiebiger von Fribourg nach Le Puy en Velay, dem großen Marienwallfahrtsort Frankreichs.

Die Pilgeretappe im Vorjahr führte ihn weiter durch Frankreich bis an die spanische Grenze. Heuer nahm Gerhard Fiebiger den Pilgerweg entlang des Atlantiks in Angriff und kam in Santiago de Compostela, dem Ziel des Jakobsweges, an.

Warum er ganz alleine gegangen ist? „Ich habe es sehr genossen, mein eigenes Tempo nehmen zu können, ich konnte Rast machen, wo und wann immer ich wollte und vor allem kommt man als Einzelner mit viel mehr Menschen zum Reden“, so Fiebiger.

Neugier vor dem Unbekannten

Und warum geht man den Jakobsweg? Fiebiger: „Die Gründe lagen bei mir stark im religiösen Bereich, aber auch eine gewisse Neugier vor dem Unbekannten, gepaart mit Abenteuerlust und der Frage nach der persönlichen Leistungsfähigkeit haben mich zu diesem Projekt angetrieben.“

Von Jahr zu Jahr wurde weniger gepackt. „Man kommt drauf, dass man nur ganz wenig zum Leben braucht“, sagt der St. Christophener, „und man muss schließlich alles wochenlang selbst am Rücken transportieren.“ Ganz wichtig sei ein qualitativ hochwertiger Rucksack.

Zu den besonders prägenden Erfahrungen zählt der St. Christophener die vielen Gespräche mit Pilgern aus aller Welt: „Ohne den anderen Pilger zu beladen oder zu belasten, können Erzählungen von Schicksalsschlägen, Familienproblemen oder traurigen Ereignissen erzählt bzw. angehört werden, alles bleibt anonym, weil man die betreffenden Personen nicht kennt und ihnen vermutlich sein Leben lang nicht mehr begegnet.“

Seine Familie freut sich mit Gerhard Fiebiger, dass er sein Vorhaben verwirklicht hat, nach dem Motto: „Geteiltes Leid ist halbes Leid, und geteilte Freude ist doppelte Freude.“

Gegen eines verwehrt sich der Pilger, nämlich gegen die Meinung, man würde nach einem derartigen Marsch als „neuer, geläuterter Mensch“ zurückkehren: „Man bleibt der Mensch, der man vorher war, bereichert mit vielen neuen, sein weiteres Leben beeinflussenden Erkenntnissen, Erlebnissen und Erinnerungen.“