Erstellt am 15. März 2016, 05:54

von Christian Feigl

Beinharte Analyse zur Innenstadt-Situation. Keine Willkommenskultur, fehlende Kommunikation und ein „Alt Herren“-Verein sorgen für ordentlich Gesprächsstoff.

Gähnende Leere: Donnerstagvormittag bei Kaiserwetter der Hauptplatz in Neunkirchen.  |  NOEN, Christian Feigl
Karin Zoubek-Schleinzer ist eine Frau der klaren Worte: Die interne Analyse der Beraterin der RIZ NÖ Gründeragentur zur aktuellen Lage der Neunkirchner Innenstadt, die der NÖN zugespielt wurde, sorgt für reichlich Gesprächsstoff, weil sie sich darin kein Blatt vor den Mund nimmt.

Unter anderem schreibt sie, dass der Verein „Aktive Wirtschaft“ den Ruf eines „Alten Männer Clubs“ hat, die Kommunikation auf allen Ebenen und eine Willkommenskultur für neue Unternehmer gänzlich fehlen würden. Auch das Image von Neunkirchen entspreche nicht dem dem einer modernen Bezirkshauptstadt mit entsprechenden Einkaufs- und Konsummöglichkeiten. Gleichzeitig gibt sie aber auch Empfehlungen für eine Verbesserung der aktuellen Situation ab, Details siehe Infobox unterhalb des Artikels.

Vorangegangen ist der gründlichen Auseinandersetzung mit der Thematik eine Einladung zu einem Unternehmertreffen, der die Expertin Folge leistete. Auf sieben Seiten hat sie ihre Eindrücke zu Protokoll gebracht. „Den Unternehmern steht das Wasser bis zum Hals, sofortige Lösungen sind daher notwendig“, so Karin Zoubek-Schleinzer.

„Den Unternehmern steht das Wasser bis zum Hals,
sofortige Lösungen sind daher notwendig!“
Karin Zoubek-Schleinzer in ihrer Analyse.

Allerdings ortet sie dabei die ersten Probleme: Es fehlt an einer einheitlichen Kommunikation, der Zeithorizont der Politik ist ein anderer als jener der Unternehmer. „Eine fehlende Willkommenskultur für neue Unternehmer in Neunkirchen, für Außenstehende undurchsichtige Interessensgruppierungen und ein offensichtliches Image/PR-Problem in Neunkirchen“, ortet die Beraterin als zusätzliche Hemmschuhe.

Dass es ein akutes Frequenzproblem gibt, wird auch von ÖVP-Wirtschaftsstadtrat Armin Zwazl gar nicht in Abrede gestellt: „Ja, es gibt Frequenzprobleme, und zwar nicht zu knapp. Einkaufszentren und Internethandel führten zu einem anderen Einkaufsverhalten. Das trifft viele Städte, aber Neunkirchen trifft es besonders hart!“

Dennoch blickt er optimistisch in die Zukunft: „Für viele Unternehmer ist wichtig, dass die 2. Phase des Konzepts rasch konzipiert- und von Experten geprüft wird, um rasch in die Umsetzungsphase überzuleiten. Die Gemeinde wird im Frühjahr das Wohnzimmer Innenstadt außerdem wieder mit Events füllen. Dabei gibt es wie bereits erwähnt einige Neuerungen, wie die regionalen Märkte, aber auch mehr Abwechslung bei den Bands und Kapellen!“

Kurzfristige Aktionen durchsetzen 

Zwazl möchte auch in der Gemeinde eine neue Willkommenskultur für Wirtschaftstreibende schaffen. „Sie werden von uns direkt über die Möglichkeiten in der Stadt informiert. Zudem wird schon einige Zeit lang an einer intuitiven Weblösung für Unternehmen gearbeitet, die schon weit gediehen ist. Damit wird der längst fällige Schritt ins Internetzeitalter gesetzt. Außerdem werden lokale Unternehmen bei Marketingaktivitäten unterstützt – wie beispielsweise über Zusatzseiten in der Gemeindestube.“

Zoubek-Schleinzer empfiehlt ebenfalls so schnell wie möglich kurzfristige Aktionen durchzusetzen und „hier von Seiten der Stadt und des Vereins aktive Wirtschaft volle Kraft in die PR zu legen, damit zumindest punktuell die Frequenz erhöht wird.“
Übrigens: Ein Interviewtermin der NÖN Neunkirchen mit der Expertin war bereits ausgemacht, einen Tag davor kam die Absage: „Mir wurde es vom RIZ aus leider nicht gestattet, darüber zu sprechen und ins Detail zu gehen!“

Aktuelle Problemfelder

• Zeitproblematik: „Ein wesentliches Problem ist auch der Zeithorizont: Stadtverwaltung und Politik haben andere Zeithorizonte als Unternehmer, denen das Wasser bereits bis zum Hals steht und für die eine sofortige Lösung notwendig ist.“

• Kommunikation: „Klassisch, aber auch hier teilweise nicht vorhanden! Es gibt verschiedene Keyplayer in Neunkirchen, Informationsschienen, Angebote, aber keine zentrale Steuerung, über welche Kanäle, welche Infos fließen. Es gibt einige tolle Angebote und viel Bemühen, Leben in die Stadt zu bringen, vieles davon ist den jüngst zugezogenen Unternehmern teilweise unbekannt.“

• Interessensgruppierungen: „Undurchsichtige Interessensgruppierungen – auch klassisch! Es gibt verschiedene Gruppen und Aktionen mit Websites in Neunkirchen, und kein Außenstehender weiß, was deren Aufgabe oder Ziel ist und wie man eventuell mitgestalten kann. Was macht die Stadt, wer ist Betreiber verschiedener Initiativen auf Facebook etc? Welche langfristigen Ziele verfolgen Vermieter von größeren Flächen? Der Verein aktive Wirtschaft hat seit längerer Zeit den Ruf eines „Alten Männer-Clubs“, verzeihen Sie den Ausdruck, aber das ist ein höchst schädliches Image, das nicht dienlich ist, weder dem Verein selbst, noch den Unternehmern, noch der Stadt! Beschwerden über Informationspolitik und ein Nicht-Reagieren auf Anfragen verbessern die Situation nicht.“

• Image: „Es wird schon getan, keine Frage, aber das Image entspricht noch nicht dem einer modernen Bezirkshauptstadt mit entsprechenden Einkaufs- und Konsummöglichkeiten. Die hohe Veranstaltungskonzentration ist löblich, so soll es auch sein für eine Bezirkshauptstadt, aber Kernproblem ist nach wie vor die fehlende Frequenz an Menschen im Innenstadtbereich, speziell unter der Woche! Dass durch die steigende Anzahl an Veranstaltungen mehr Menschen kommen, ist sicher, aber wird zu langsam geschehen und vor allem IN den Geschäften nicht schnell genug Frequenz bringen.“

Längerfristige Vorschläge

• Willkommenskultur für neue Betriebe: „Eventuell wäre es hier hilfreich, eine Art Infomappe/Flyer für Unternehmer anzulegen, mit den wichtigsten Infos über Aktionen wie Stadtwährung, 9erl, Spezialveranstaltungen und vor allem die Möglichkeit, sich in verschiedene Systeme mit Aktionen und einer Vorstellung einzutragen etc. Ich kläre auch gern ab, ob das gefördert werden könnte, wenn der Verein aktive Wirtschaft hier zum Projektträger wird (z. B. LEADER).“

• Unternehmerverein: „In jedem Fall empfehle ich dem Verein dringend eine eigene Homepage oder eine Facebookseite aufzusetzen, oder sich bei der Stadtgemeinde anzuhängen. Best Practice-Beispiele Gloggnitz und Ternitz!“

• Gruppen aquirieren: „Zielgruppe Langweile-Bekämpfer! Hervorragende Idee, Kurgäste in die Bezirkshauptstadt zu holen, Kuranstalten gibt es genug! Ob eine Gruppe per Taxi kommt oder Individualgäste zwischen zwei Therapien kommen, es muss ein Angebot geben und dieses entsprechend kommuniziert werden. Seniorenverbände aller Coleurs! Die Senioren sind heute die Konsumentengruppe mit dem meisten Geld! Aktive Akquise sehe ich hier durchaus auch als Schiene des Vereins oder der Stadt, da hier nicht ausschließlich der Tourismus gefragt ist. Die Idee, ein Package zu schnüren und es mit Gutscheinen der Geschäfte zu verzieren ist eine tolle Idee und Gutscheine machen den Unternehmer nicht immer bankrott, wenn die Aktion geschickt gewählt ist. Vereine, Verbände, Interessensgruppierungen aller Art … suchen oft ein Ausflugsziel. Neunkirchen hat Partnerstädte! Mit welchen gibt es einen regen Austausch bzw. regelmäßige Besuche und Gegenbesuche?“

• City Steward: „Eine brillante Idee, für die eine Finanzierung gesucht werden muss. Wie angeboten könnte man eine Teilumsetzung in Kooperation mit der Bundeshandelsakademie/-handelsschule Neunkirchen durch Schüler machen lassen und auch die entsprechende Marketingkampagne mithilfe der Schüler durchführen.“