Erstellt am 30. März 2016, 05:44

von Andreas Fussi

„Zwischen Trauer und Wut“. Ternitzer, der für die EU Kommission arbeitet, berichtet über Brüssel nach den Terrorakten.

Nach den zwei Terroranschlägen in Brüssel ist das Militär und die Polizei in der Stadt allgegenwärtig.  |  NOEN, AFP/Philippe Huguen, privat
Die jüngsten Terroranschläge in Brüssel verunsichern ganz Europa. Zittern mussten vor allem jene, deren Freunde und Familienangehörige in der EU-Hauptstadt leben und arbeiten, wie der Ternitzer Herwig Ranner, Mitarbeiter der EU Kommission.

Ranner selbst blieb an diesem Tag krankheitsbedingt zuhause. „Rückblickend ein Glück, weil ich so wie viele zwischen 8.30 und 9.15 Uhr täglich bei dieser U-Bahnstation aussteige“, erzählt er. Die Station Maelbeek wird von vielen Arbeitnehmern der umliegenden Generaldirektionen und Firmen benutzt.

Nach der ersten Information über die Explosionen am Flughafen war Ranner gerade damit beschäftigt herauszufinden, ob es seinen Freunden und Kollegen gut geht, als auch die Meldung über die Attacke auf die U-Bahnstation reinkam. „Es war ein Schock. Man ist gleichzeitig bestürzt, traurig und wütend.“ Der Vormittag verging mit Anrufen, SMS, Email und Facebook, so Ranner.

Vertrauen in die Sicherheitskräfte

„Jeder versuchte, alle Freunde und Kollegen zu erreichen. Das Handynetz brach zusammen. Freunde aus Österreich fragten nach, ob alles ok ist. Am Nachmittag war klar: Alle meine Freunde und direkten Arbeitskollegen sind wie durch ein Wunder wohlauf“, berichtet er.

Bedingt durch die Osterurlaubswoche waren weniger Fahrgäste in der Metro – „zu einer anderen Zeit hätten wir wahrscheinlich viel mehr Opfer zu beklagen gehabt. Aber trotzdem wurden über 30 Menschen durch diese Fanatiker getötet. Das ist entsetzlich. Wir trauern alle mit den Familien der Opfer dieser Wahnsinnstat.“

Für die NÖN schrieb Ranner einige Tage nach den Terroranschlägen folgenden Bericht: „Die Stimmung in Brüssel schwankt zwischen Trauer und Wut. Man will sich von den feigen Terroristen nicht unterkriegen lassen und das Leben nimmt seinen normalen Lauf, so gut es geht. Die Mehrzahl der Leute, mit denen ich gesprochen habe, hat Vertrauen in die Sicherheitskräfte. Es ist auch mein Eindruck, dass die Behörden alles in ihrer Macht Stehende unternehmen, um die noch flüchtigen Terroristen zu fassen. Man ist pragmatisch und gefasst.

Geschäftegeöffnet und Verkehrsmittel fahren 

Wenn auch weniger als normal. Polizei und Militär sind omnipräsent. Man mobilisiert sich und hält aus Trotz an geplanten Veranstaltungen fest. Karikaturen zirkulieren, eine zeigt das Maneken Pis, das auf eine Kalaschnikov uriniert, eine andere eine Hand mit Fingern aus Pommes frites mit ausgestrecktem Mittelfinger und dem Slogan „Lets Frites them“.

x  |  NOEN, privat
Der allgemeine Tenor der Leute, mit denen ich sprach: „Das Leben geht weiter, wir werden die Opfer betrauern, die Verletzten pflegen, die Schäden beseitigen, uns abputzen, aufstehen und weitermachen. Wir werden den Terroristen zeigen, dass sie nicht gewinnen können.“

Ob er selbst verunsichert sei? „Ja klar, aber andererseits bin ich auch Motorradfahrer und da kann auch immer etwas passieren. Das Ganze ist eine Zufallsfrage. Ich glaube nicht an Schicksal oder Ähnliches. Deshalb werde ich mich nach Ostern ganz normal in die Bahn setzen und wieder an meine Arbeit gehen.“

Zur Person

• Herwig Ranner, geboren in Neunkirchen, Heimatort Ternitz.

• Er ist Meeresbiologe und Klimaforscher (Studium und Arbeit an Unis Wien, Marseille, Brüssel und am Ozeanographischen Institut der Niederlande in Texel).

• Danach beschäftigt bei Umwelt NGOs, Umwelt und Sicherheitsbeauftragter der Europäischen Seehäfen (ESPO) und Mitarbeit im Europäischen Parlament.

• Seit 2009 bei der EU Kommission (zu Beginn in der Generaldirektion Fischerei zuständig für Fischereidatensammlung, seit 2012 in der Generaldirektion Landwirtschaft, Klimawandelabteilung).