Alexander Wrabetz will es wieder wissen: Der amtierende ORF-Generaldirektor wird sich aller Voraussicht nach mit Unterstützung der SPÖ wieder um die Führung von Österreichs größter Medienorgel bewerben. Nächste Woche dürfte Wrabetz seine Wiederkandidatur bekanntgeben. In der Gunst der Kanzlerpartei legte Wrabetz dabei ein bemerkenswertes Comeback hin. Vor zwei Jahren galt er als Ablösekandidat, hielt sich aber trotzdem im Chefsessel. Gleichzeitig zog Wrabetz mit Unterstützung seines Finanzdirektors Richard Grasl den ORF-Karren in die schwarzen Zahlen - aus einer tiefroten Bilanz wurde wieder ein ausgeglichenes Ergebnis, und auch die zuletzt chronisch defizitäre Konzernmutter bilanzierte 2010 erstmals wieder ausgeglichen.
Der Amtsbeginn als ORF-Generaldirektor war für den zurückhaltenden "Alex", wie ihn Freunde nennen, außergewöhnlich turbulent: Seine Kür im August 2006 glich einem mittleren politischen Erdbeben. Der umtriebige Finanzdirektor unter Generaldirektorin Monika Lindner knüpfte im Stiftungsrat geschickt ein Netzwerk aus roten, grünen, orangen und blauen Stiftungsräten und stürzte damit die von der damaligen ÖVP-Mehrheit unterstützte Amtsinhaberin vom Thron. "Ein Mondfenster" nannten politische Beobachter die Vorgänge. Dass Wrabetz vor allem aus dem bürgerlichen Lager in der Folge wenig Sympathien entgegenschlugen, steckte er als ORF-Kapitän mal mehr, mal weniger locker weg. Die ÖVP behielt ihre Antipathie bei und pflegt sie bis heute: Wrabetz gilt denn auch als No-Go für die ÖVP. Einzig Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll ließ jüngst mehrmals öffentlich Sympathie durchblicken, für eine Wahlempfehlung des schwarzen Landesfürsten reichte es bisher aber auch noch nicht.
Wrabetz' Amtszeit glich einer Achterbahnfahrt: Die erste Panne ereilte den Regenbogenkoalitionär gleich zu Beginn der Funktionsperiode. Die groß angekündigte Programmreform blieb weit hinter ihren Erwartungen stecken und kam vor allem wegen der schwachen Quoten des Reform-"Herzstücks" "Mitten im Achten" gehörig ins Straucheln. Die Daily-Soap wurde bald wieder eingestellt, ebenso wie das Talk-Format "Extrazimmer". Während die Comedy-Leiste "Donnerstalk" in Person von Roland Düringer "Superalex" zum Amtsbeginn als ORF-Heilsbringer über das Wasser des Teichs vor dem ORF-Zentrum gehen ließ, begleitete der "Kurier" die Folgen der Programmreform mit einer Fotomontage, in der "Superalex" im Superman-Kostüm mit dem Kopf voran in den ORF-Teich stürzte. Auch die Hoffnungen, die man in den Einkauf von Society-Reporter Dominic Heinzl setzte, wurden nicht erfüllt. Topquoten blieben aus, dafür musste sich der ORF dem Vorwurf der zunehmenden Boulevardisierung aussetzen.
Auf der Habenseite steht im Programm die ORF-Information. Im Radio ohnehin seit Jahren unumstritten, berichteten nun auch für die Fernseh-Information viele ORF-Journalisten von einem erhöhten Maß an Freiheit und Vielfalt. Für ORF eins gab es darüber hinaus ein neues und klareres Informationsprofil. Zuletzt wurde der Kanal nicht nur mit einem neuen On Air-Design versehen, sondern auch pointierter auf die junge Zielgruppe ausgerichtet. Die Marktanteile der beiden ORF-Fernsehprogramme sackten unter Wrabetz freilich weiter ab, eine leichte Erholung zeichnete sich erst in den vergangenen Wochen ab.
Politisch sah es eine Zeit lang sehr düster für Wrabetz aus. Der frischgebackene Bundeskanzler Werner Faymann (S) wollte sich nach geschlagener Wahl im November 2008 als "eine meiner ersten Maßnahmen" mit dem ORF beschäftigen und ortete einen möglichen Reformstau. Wrabetz musste der Regierung ein Reformkonzept für den finanziell am Abgrund stehenden ORF vorlegen, stets begleitet von wenig ermunternden Zurufen. "Ich will dem Generaldirektor nicht sagen, was er tun soll", war etwa ein Satz von Medienstaatssekretär Josef Ostermayer (S), der in aller Freundlichkeit eine eiskalte Message zu camouflieren suchte: Wrabetz soll so rasch wie möglich weg, und die Verantwortung für die ORF-Finanzkrise gleich mitnehmen. Dieser ließ sich aber nicht unterkriegen und lieferte der Kanzlerpartei in Hinkunft immer weniger offene Flanken.
Der ORF-Chef drillte das Unternehmen auf einen harten Sparkurs, der spätestens im Vorjahr Wirkung zeigte und das Unternehmen wieder in ruhigere Gewässer brachte. Nebenbei erfüllte Wrabetz der SPÖ nach Meinung interner und externer ORF-Kritiker auch so manchen Personalwunsch: Radiodirektor wurde Karl Amon, Fernsehchefredakteur Fritz Dittlbacher, Magazinchefin Waltraud Langer und zum Radiochefredakteur avancierte Stefan Ströbitzer - vor allem die ÖVP vermutete hinter all dem politisches Kalkül, unter unerwünschten Vorzeichen. Die ÖVP kam im Gegenzug lediglich mit ihrem Wunsch nach einem Finanzdirektor Richard Grasl durch, der als "Mitgift" die VP-Zustimmung zur Gebührenrefundierung im Ausmaß von 160 Mio. Euro mitbrachte.
Über weite Strecken seiner Amtszeit galt Wrabetz als überaus harmoniebedürftig, was nicht zuletzt der fragilen Konstruktion der Regenbogenkoalition geschuldet war. Die sprichwörtliche Sanftmut streifte der stets verbindlich auftretende ORF-General im vergangenen Jahr zusehends ab. Informationsdirektor Elmar Oberhauser etwa dürfte sich bei der Geduld seines Chefs - und hinsichtlich seiner eigenen Unterstützung durch den Stiftungsrat - nachhaltig verschätzt haben. Nach der Bestellung von Dittlbacher zum TV-Chefredakteur, die über Oberhausers Kopf hinweg erfolgt war, schickte der Informationsdirektor ein geharnischtes Mail an einen großen internen Verteilerkreis, woraufhin das Schreiben auch den Weg in die Medien fand. Wrabetz entdeckte daraufhin den "Killerinstinkt" in sich und reagierte überraschend hart: Der ORF-Chef stellte im Stiftungsrat einen Abwahlantrag gegen Oberhauser, der knapp durchging. Nicht nur, dass der ORF-Chef damit einen möglichen Konkurrenten für die ORF-Wahl ausgeknockt hatte, zog Wrabetz sich das Fell des erlegten Bären auch noch selbst an und macht den Job des Infodirektors seitdem persönlich.
Die Schlacht gegen Oberhauser gewann Wrabetz allerdings nicht ohne Kollateralschäden im eigenen Lager. Pius Strobl, bis dahin ORF-Kommunikationschef, "Bad Cop" und engster Vertrauter von Wrabetz, stolperte rund um die Abwahl über von ihm angeordnete Audio-Mitschnitte am Rande der Stiftungsratssitzung. An vorderster Front der Strobl-Demontage agierte dabei Programmdirektor Wolfgang Lorenz, der Wrabetz in der Folge noch die Contenance kosten sollte. Als sich Lorenz in einem Interview gewohnt undiplomatisch ausdrückte, antwortete Wrabetz per Mail mit bemerkenswert expliziter Wortwahl. Er bezeichnete Lorenz als "Oberintrigant" und: "Du hast es wieder einmal nicht lassen können, das Unternehmen anzubrunzen."
Für die Wiederwahl am 9. August braucht Wrabetz mindestens 18 Stimmen im 35-köpfigen ORF-Stiftungsrat. Wie sich diese Mehrheit im Detail zusammensetzen soll, ist bis dato noch offen, auch wenn es aus heutiger Sicht gut für den ORF-Chef aussieht. Die größte Gefahr droht ihm ohnehin weiter aus den eigenen Reihen. Der ebenfalls von der SPÖ forcierte Radiodirektor Karl Amon will sich zwar nicht gegen Wrabetz aufstellen lassen, könnte aber in letzter Minute immer noch als Kompromisskandidat aus dem großkoalitionären Zylinder gezaubert werden und zu Generalsehren kommen. Und mit Gerhard Zeiler, seines Zeichens ehemaliger ORF-Generalintendant und erfolgreicher RTL-Boss, steht ein weiterer möglicher Kandidat für Spekulationen bereit.
Der dreifache Vater Wrabetz, der mit einer Ärztin verheiratet ist, wurde am 21. März 1960 in Wien geboren. Seine Karriere startete er zunächst im Bankenbereich. Von 1987 bis 1992 war Wrabetz als Assistent des Vorstands der Österreichischen Industrieholding AG für Hugo Michael Sekyra tätig, 1992 zog er als Geschäftsführer in das ÖIAG-Handelshaus Intertrading ein, von dort wechselte er als Vorstand zur ÖIAG-Tochter Vamed. Darüber hinaus übernahm er diverse Aufsichtsratsfunktionen innerhalb der ÖIAG und war auch Mitglied des ORF-Kuratoriums, das inzwischen Stiftungsrat heißt, bevor er 1998 von Generalintendant Gerhard Weis als Kaufmännischer Direktor in den ORF geholt wurde. Wrabetz' politische Gesinnung ist kein Geheimnis: Er war Bundesvorsitzender der SPÖ-Studentenorganisation VSStÖ und organisierte 1983 den erfolgreichen Vorzugsstimmen-Wahlkampf für den heutigen SPÖ-Mediensprecher Josef Cap. Ursprünglich stammt der promovierte Jurist aus einem freiheitlichen Elternhaus.
Wrabetz-Kandidatur für nächste Woche erwartet

Kommentare
Artikel kommentieren
zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden
Kommentar schreiben
Mehr zum Thema Kultur & Medien
Song Contest: Trackshittaz scheitern im Halbfinale
Kultur & Medien / Die beiden Mühlviertler Mundartrapper Lukas Plöchl und Manuel Hoffelner ...
>> mehr
Von Mördern & Musikern
Kultur & Medien / Star-Autorin Donna Leon ist mit dem Ensemble Il Complesso Barocco, bei den ...
>> mehr
Yahoo bekommt für Alibaba-Vekauf 7 Mrd. Dollar
Kultur & Medien / Der kriselnde US-Internet-Konzern Yahoo bekommt 7,1 Mrd. Dollar (5,6 Mrd.
>> mehr
Tod eines Eigenwilligen
Kultur & Medien / NACHRUF / Hans Freilinger (87), Schöpfer des NÖN-Leopold, ist ...
>> mehr
Tango für einen Unbequemen
Kultur & Medien / LITERATUR & MUSIK / Zwei Stimmen, ein Akkordeon – und Thomas ...
>> mehr
ORF: Was kommt
Kultur & Medien / NEU / Ein Magazin zu Mittag, eine Doku-Soap am Mittwoch und eine ...
>> mehr
ARTIKELARCHIV






