Erstellt am 30. April 2016, 17:50

von Wolfgang Zarl

Ackermann: "Keine Frau macht das freiwillig!". In den über 30 Jahren ihres Engagements zugunsten von Prostituierten sei ihr eines klar geworden: „Begleitet man sie über ein paar Jahre, erkennt man: Keine einzige Frau macht das freiwillig – keine einzige!“

Lea Ackermann referierte auf Einladung von Missio in St. Pölten.  |  NOEN, Wolfgang Zarl
Das betonte die renommierte deutsche Frauenrechtsaktivistin und Ordensfrau Sr. Lea Ackermann bei einem Vortrag über „Handel mit Frauen und Kindern“ auf Einladung von „Missio St. Pölten“ im St. Pöltner Bildungshaus St. Hippolyt. Sämtliche Frauen, die in der Prostitution sind, seien traumatisiert und krank – körperlich und seelisch. Prostitution sei nur der Versuch zu überleben.
 
Die Trägerin des Augsburger Friedenspreises Sr. Lea Ackermann gründete 1985 die Hilfsorganisation "Solwodi" (Solidarity with Women in Distress), deren Mitarbeiterinnen versuchen, den Frauen Wege aus der Prostitution zu eröffnen, ihnen einen geschützten Rahmen anzubieten und sie auch psychisch zu stabilisieren.

Frauen und Kinder erhalten Unterstützung beispielsweise bei Unterbringung, Wohnung, Arbeitssuche und Behördengängen. "Solwodi" betreibt derzeit eine Schutzwohnung in Wien und demnächst auch in Tirol, sowie 18 Beratungsstellen und 7 Schutzwohnungen in Deutschland, eine Beratungsstelle in Rumänien sowie 34 Beratungsstellen und Projekte in Kenia.
 
Als Missionsschwester lernte Sr. Lea Ackermann das Problem der Prostitution in Ruanda und Kenia kennen. In diesem wunderbaren Urlaubsparadies habe sie auf die Palme gebracht, dass einheimische Mädchen ihren Körper an reiche Touristen verkaufen mussten.

"Lass mich bloß nicht hängen!"

„Keinem dieser Mädchen und Frauen macht es Spaß mit diesen Männern abzuziehen und sich Krankheiten einzufangen und oft kein Geld zu bekommen“, so Sr. Lea. Sie haderte einst: „Lieber Gott, ich kümmere mich jetzt um Deine chancenlosen Töchter – lass mich bloß nicht hängen!“
 
Familien und Eltern in armen Ländern würden die Mädchen oft nicht stärken, sie hätten „null Selbstbewusstsein“ und würden daher leicht auf die Verlockungen und Versprechungen von Menschenhändlern reinfallen. Notwendig sei „Empowerment“, also die Ermächtigung der Frauen zu Selbstbewusstsein und Bildung.

Wenn sie bestärkt würden, seien sie ganz andere Frauen. Ihre Organisation "Solwodi" versucht verschiedenste Wege zu gehen, um die Mädchen in Kenia aufzubauen: etwa mittels Fußballspielen. Hier würden sie Werte wie Pünktlichkeit, Fairness und Teamgeist lernen. Oder: Viele Mädchen müssen in armen Ländern Wasser holen und können daher nicht zur Schule gehen.

Daher brachte „Solwodi“ das Wasser kurzerhand zu den Schulen. Sie sei froh, die Früchte der Arbeit zu sehen, weil es den Mädchen und Frauen hilft, wenn es Arbeitsplätze in Bäckereien oder Schulen gibt. Dann würden die Frauen auch nicht nach Europa kommen wollen.

Ausweg aus der Prostitution sei also, dass sich die Frauen etwas aufbauen können. Die Ordensfrau kritisierte: Den Himmel gebe man Frauen gerne, bei der Erde bzw. Land werde das schon schwieriger und die Forderung der Abgabe von Macht an Frauen sei vielfach chancenlos.

Viele Dramen für Mädchen und Frauen 

Sr. Lea Ackermann plädiert für ein offenes Ansprechen des Problems und fordert ein Verbot von Prostitution. Mit einem Verbot von Diebstahl sei der Diebstahl zwar auch nicht aus der Welt geschaffen worden, aber gesetzliches Vorgehen sei in diesem sinnvoll und es ginge eine große Symbolkraft davon aus. Sie kritisierte ihr Heimatland Deutschland, wo Sexkauf quasi als Beruf angesehen wurde und damit hätten sich die Bordelle und Laufhäuser massiv vermehrt.

Prostitution würde viele Dramen nach sich ziehen: für die Mädchen und Frauen ohnehin. Aber auch für die Männer, die oft in Sexsucht verfielen, und diese würden ihre Familien ins Elend stürzen. Dass NGOs nicht übertreiben, hätte zuletzt eine Polizeirazzia in einem Bordell in Deutschland gezeigt. Dort wurden 300 Männer angetroffen und 8 junge Frauen. Da werde schon mal geworben um 8,90 Euro 1 Bier, 1 Würstchen und 1 Frau.
 
Erschreckt habe sie jüngst ein deutsches Gerichtsurteil gegen Menschenhändler und das fehlende Gespür in der Gesellschaft. Ein Mädchen packte trotz großer Angst aus, wie sie in die Fänge von solchen Verbrechern geriet und deren Machenschaften aus. Diese seien nur zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden.