Erstellt am 05. April 2016, 08:11

von Eva Hinterer

Angst vor Terror: „Der Bürger muss mitdenken". Geheimdienst-Experte Siegfried Beer über die Gefahr von Anschlägen und was Staat & Bürger tun müssen.

 |  NOEN, Foto: David Stuart Productions/Shutterstock.com
Die Terrorangst geht um und einer, der schon für das vergangene Jahr einen Anschlag auch in Österreich für möglich gehalten hatte, ist der Historiker und Geheimdienst-Experte Siegfried Beer. Die NÖN bat den aus Scheibbs stammenden Wissenschaftler um seine Einschätzung der Gefährdungslage.

x  |  NOEN, Foto: privat
„Österreich ist kein Primärziel, es gibt aber auch Sekundärziele – Europa ist insgesamt im Visier der Terroristen“, sagt Siegfried Beer. Es gebe einen Auftrag der IS-Führung, in Europa Gewalt zu säen, das sei die Erkenntnis der letzten zwei Jahre. „Im Irak und in Syrien werden auch deutschsprachige Islam-Kämpfer ausgebildet, das ist bekannt“, sagt Beer, weil die IS-Propaganda von westlichen Geheimdiensten analysiert wird. Beer beobachtet seit 30 Jahren die historische Entwicklung der Geheimdienste und vergleicht dabei verschiedene Länder dieser Welt.

Österreich sei derzeit in einer Situation, die „leicht in Richtung Anschlag gehen könnte“, sagt er. Rund 250 Personen werden aktuell in unserem Land observiert – ein Aufwand, der die Geheimdienste ans Limit bringe. Beers Kritik: „Die Europäer sind geheimdienstlich auf einem Status wie die USA vor 9/11.“ Im Gefolge der Anschläge des 11. September 2001 hätten die Amerikaner ihre „Intelligence“ (Geheimdienst, Anm.) stark aufgerüstet.

Mangelnde Kooperation als Problem

An den europäischen Diensten kritisiert er den mangelnden Informationsaustausch. Innenministerin Johanna Mikl-Leitner und Justizminister Wolfgang Brandstetter haben erst Ende März eine bessere Kooperation der Geheimdienste in der EU gefordert.

In Österreich selbst ist es laut Beer nicht anders: Die drei heimischen Geheimdienste unterstehen zwei politisch unterschiedlich besetzten Ministerien, da gäbe es Konkurrenz und auch unterschiedliche Kulturen. Für eine wirksame geheimdienstliche Arbeit zur Terrorvermeidung sei es aber essenziell, dass zivile und militärische Einrichtungen zusammenarbeiten. „Es müsste in Österreich mehr von oben kommen“, sinnvoll wäre ein „Sicherheitskoordinator, der schaut, dass die Ministerien nicht getrennt voneinander arbeiten.“

"Wir dürfen uns nicht darauf verlassen,
dass die Sicherheitskräfte alles regeln."

Aber auch der Bürger muss mitdenken: „Terroristen sind ja auch Menschen, die Fehler machen.“ Etwa der Verkäufer im Baumarkt, der sich wundert, warum eine Person verdächtige Mengen an Chemikalien kauft – und das meldet. „Beispiele dafür, dass ganz normale Leute, die Verdächtiges gemeldet haben, Anschläge verhindert haben, gibt es einige.“ Die Sicherheitskräfte könnten nicht alles regeln, darauf dürfe man sich nicht verlassen. „Und“, meint Beer, „wir wollen ja nicht alles überwacht haben und nicht überall gefilzt werden.“