Erstellt am 11. Oktober 2016, 06:10

von Gila Wohlmann

Die „angepasste“ Wahrheit. Gerade das Web bietet Spielraum für Falschmeldungen. Verein „Mimikama“ sieht sich als „Fake-Jäger“.

Tom Wannenmacher und Andre Wolf (v. l.) sitzen in Wien und sind mit der Aufklärung von Falschmeldungen im Netz beschäftigt.  |  NOEN, Barbara Wirl

Täuschung oder Wahrheit. Reale Meldung oder nur gezielte Inszenierung. Gerade in Zeiten globaler Vernetzung, social-media-Plattformen sowie Bildbearbeitungsprogrammen ist es ein Leichtes, Gerüchte zu streuen und Falschmeldungen zu publizieren. Eine zunehmende Herausforderung für die Exekutive, wie Markus Haindl von der Landespolizeidirektion NÖ bestätigt. Eine strafrechtliche Verfolgung ist nicht immer klar gegeben. Dennoch gehe man sämtlichen verdächtigen Wahrnehmungen zuerst nach, denn es kann mitunter z.B. der Tatbestand der Verhetzung auftreten.

„Behauptungen sind selten sofort als falsch zu erkennen. Viele davon werden über soziale Netzwerke und über Umwege verbreitet, mitunter werden sie Boulevard-Medien ungefiltert zugespielt. Ich sehe es aber auch als deren Aufgabe, dies zu prüfen, bevor es veröffentlicht wird“, weiß er, auch dass „Fake-Meldungen linker wie rechter politischer Einstellung mehr werden, denn: „Die Migrationslage und die erhöhte terroristische Bedrohung in Europa haben zu einer Verschärfung geführt.“ Er erinnert sich an ein vermeintliches Terrorbild, wo von einer Brücke – angeblich an der B 37 – ein Transparent mit IS-Propaganda aufgetaucht ist. „Es stellte sich heraus, dass dieses Foto gar nicht in Österreich aufgenommen wurde“, gibt er zu bedenken. Im Bereich der Internetgerüchteküche seien auch sexuelle Übergriffe ein „sehr sensibles Thema, dem die Polizei zwar ausnahmslos nachgehe, doch immer wieder stellen sich vermeintliche Übergriffe dann ganz anders dar“, so Haindl.

Der Verein „Mimikama“ mit Sitz in Wien hat sich auf die Aufklärung von Falschmeldungen und „Lügenpresse“ spezialisiert. Mimikama.at ist eine internationale Koordinationsstelle zur Bekämpfung von Internetmissbrauch und Anlaufstelle für Internetuser, die verdächtige Internetinhalte melden möchten.

„Wir leben heute in einer Welt der Extreme“

Die Köpfe hinter „Mimikama“ sind Andre Wolf und Tom Wannenmacher. „Gerade im Web werden Informationen oft unreflektiert, unkritisch und ungeprüft weitergegeben, was Nutzer anfällig für Falschmeldungen macht. Daraus resultiert, dass verschiedene Informationsgeber das Netz nutzen, um bewusst falsche Inhalte zu streuen“, weiß Andre Wolf. An dieser Stelle sieht das Team von Mimikama, das rund 20 ehrenamtliche Helfer in verschiedenen Ländern hat, seine Aufgabe: Falschmeldungen entlarven, verdrehte Inhalte klarstellen, auf Nutzerprobleme reagieren. Dabei gehen die „Fake-Jäger“ wissenschaftlich an die Sache, ob Bild-, Videodatei oder schriftliche Meldung. „Wird prüfen alle eingehenden Meldungen. Auf Basis der gewonnenen Erkenntnisse verfassen wir auf unserer Webseite Quellenanalyse- und Rechercheberichte darüber, die über unsere Facebook-Seiten zu den Nutzern gelangen“, erklärt er. Schlimme Fälle werden den Behörden weitergeleitet.

Die Gründe für Falschmeldungen und warum diese so oft ernst genommen werden, kennt Psychologin Natalia Olsböck: „Wir leben heute in einer Welt der Extreme und viele nehmen nur das Erschütternde wahr, ohne zu überprüfen.“ Auch manche Spendenaufrufe seien erfunden, nur um sich zu bereichern, ist ihr aufgefallen. Fake-Meldungen sieht sie als Nährboden, um zu polarisieren. Und manch Gerücht wird so hartnäckig geteilt und „zurechtgerückt“, bis es in das eigene Weltbild passt.