Erstellt am 29. Dezember 2015, 05:23

von Gila Wohlmann

Besondere Kollegen im Dienst. In der Polizeiverwaltung gibt es für blinde und gehörlose Menschen neue Berufschancen.

Natalia Kuttner (vorne) ist unverzichtbare Mitarbeiterin in der Bürgerservicestelle der Landespolizeidirektion NÖ in der St. Pöltner Linzerstraße, im Bild mit ihren Kolleginnen Irene Maron, Katrin Simek, Martina Böckl, Anna Brandstetter und Rafaela Wieland (hinten, von links).  |  NOEN, Gila Wohlmann
Wenn Natalia Kuttner sich in der Bürgerservicestelle der Landespolizeidirektion (LPD) NÖ in der Linzerstraße in St. Pölten voller Akribie an die Arbeit macht, herrscht gute Stimmung, auch wenn nicht viel gesprochen wird. Non-verbale Kommunikation ist angesagt, denn die 32-Jährige aus Neufurth bei Amstetten ist gehörlos und kann nicht sprechen.

Geboren in Kasachstan, aufgewachsen in Deutschland, hat die ursprünglich zur Seniorenbetreuerin und Heimhelferin Ausgebildete nun im Verwaltungsdienst der Exekutive „ihren Traumjob gefunden“, wie sie im NÖN-Gespräch per Gebärdensprache kundtut. Der Weg dorthin war gar nicht so einfach, denn seit ihrer Geburt musste sie drei Gebärdensprachen erlernen, da diese in Kasachstan, Deutschland und Österreich differieren. Seit 1. Juni 2015 versieht Kuttner nun Schreib- und Protokollarbeiten im Front-Office-Bereich der Bürgerservicestelle. Hier werden neben Vereinsanmeldungen zum Beispiel Wunschkennzeichen ausgestellt oder L-17-Übungsfahrten angemeldet. Auch die Verarbeitung der täglichen Post obliegt der zweifachen Mutter.

Ihre Kolleginnen haben sich Grundkenntnisse der Zeichensprache angeeignet. Es wird aber auch auf schriftliche Verständigung zurückgegriffen. Polizistin Ingrid Strasser hat die Gebärdensprache erlernt und hilft beim Übersetzen. Kuttner selbst kann „sehr gut Lippenlesen“, wie sie betont, was die Kommunikation erheblich erleichtert.

„Die Zusammenarbeit mir ihr ist sehr bereichernd“, betonen Kollegin Martina Böckl und Karl Perchthaler, Leiter der sicherheits- und verwaltungspolizeilichen Abteilung der LPD. Beide loben ihr großes Engagement, die EDV-Programme der Bürgerservicestelle perfekt zu erlernen. Kuttner ist eine Auserwählte des Pilot-Projektes „Vielfaltsmanagement“ der Generaldirektion für öffentliche Sicherheit.

„Wollen individuelle Fähigkeiten nützen“

„Damit wollen wir die individuellen Fähigkeiten dieser Menschen nützen“, erklärt Alexander Marakovits vom Innenministerium. Sieben Arbeitsplätze für Menschen mit schweren Seh- und Gehörbeeinträchtigungen hat das Bundeskanzleramt neu genehmigt. Vier Personen mit Gehörbeeinträchtigung sind beim Bundeskriminalamt tätig, ein blinder Mitarbeiter agiert beim Landeskriminalamt Oberösterreich, mit Jänner wird eine weitere Stelle vergeben.

Menschen mit Behinderungen arbeiten seit Jahren bei der Polizeibehörde. Beste Erfahrungen mit einer blinden Kollegin hat Anton Aichinger vom Polizeikommissariat Wiener Neustadt gemacht: „Seit 1983 unterstützt uns die Dame in der Telefonvermittlung sowie bei Schreibarbeiten.“

Im Innenministerium ist man stolz auf Werner Schiefer. Mittlerweile 75 Jahre alt, greift man bis heute gerne auf die Kenntnisse des gebürtigen Pitteners und des einstigen Referenten der Personalabteilung zurück. Schiefer ist Pensionsberechnungsexperte. „Aus dem Stegreif“ weiß er das Datum einer Pensionierung, welchen Betrag der Beamte monatlich erhalten wird, wie diese Summe gesplittet ist und was dazugerechnet wird. „Er verfügt über eine außerordentlich hohe Gedächtnisleistung im Zahlenbereich“, so Marakovits. Auf Zetteln kann er ja auch nicht nachschauen, denn Schiefer ist von Geburt an blind.