Erstellt am 18. Oktober 2016, 09:29

von Eva Hinterer und Gila Wohlmann

Der Weg nach Traiskirchen. 200.000 Menschen flohen 1956 nach Österreich. Traiskirchen geriet in die Schlagzeilen.

Autor Wolfgang Bachkönig mit seinem jüngsten Werk „Heimat, warum musste ich dich verlassen? Ungarnaufstand 1956 – Zeitzeugen erzählen.“  |  Wohlmann

Vor sechzig Jahren, im Oktober 1956, begehrten große Teile der ungarischen Bevölkerung gegen ihre Regierung und die sowjetische Besatzungsmacht auf. In der Folge flüchteten 200.000 Menschen über die grüne Grenze nach Österreich. Wolfgang Bachkönig, Pressesprecher der Landespolizeidirektion Burgenland, hat darüber jetzt ein Buch geschrieben: „Heimat, warum musste ich dich verlassen?“

Aktuelle Bezüge zum Sommer 2015, als ebenfalls Tausende Flüchtlinge, nun aber aus dem Nahen Osten, über Ungarn nach Österreich geflüchtet sind, liegen da natürlich nahe.

Zur letztjährigen Flüchtlingswelle meint Bachkönig, dass es eine völlig andere Situation als 1956 gewesen sei: „Die Verbundenheit Österreich-Ungarn rührt ja schon von der Monarchie her, so gesehen ist ein Vergleich vom Herbst 1956 mit dem Sommer 2015 schwierig.“

Gierige Schlepper und Kritik an Traiskirchen

Probleme habe es mit den Flüchtlingen vor sechzig Jahren keine gegeben, wie Bachkönig zahlreiche Zeitzeugen, die er in seiner achtjährigen Recherche befragt hat, bestätigten. Unangenehm seien aber die Schlepper gewesen, die es auch damals schon gegeben hat, „sie haben den Flüchtlingen oft alles weggenommen“.

Zu Fuß oder auch mit dem Zug hätten Schlepper die Flüchtlinge an die Grenze gebracht, um sie von da nach Österreich zu schicken. Im Burgenland kamen sie dann in Auffanglager; Schulen, private Haushalte und Gemeindestuben dienten als Unterkünfte.

Tausende Flüchtlinge wurden nach der ersten Registrierung in den Auffanglagern an der Grenze nach Traiskirchen gebracht, das dadurch erstmals in die Schlagzeilen der Weltpresse geraten ist. „Bereits damals platzte dieses Lager aus allen Nähten. Es gab Kritik von allen Seiten, weshalb sich die Bundesregierung für einen Zubau entschied“, heißt es im Buch.

Und schon vor sechzig Jahren gab es heftige Kritik wegen baulicher Mängel sowie fehlender Unterkünfte in Traiskirchen. Die Tageszeitung „Freies Österreich“ schrieb in der Ausgabe vom 17. Jänner 1957: „Der Baustab hat Anfang November mit seiner Tätigkeit begonnen und innerhalb von fünf Wochen Arbeiten im Wert von 6,5 Millionen Schilling durchgeführt. 54 Firmen aus Wien und Niederösterreich bemühten sich, das Lager, das ursprünglich nur für einen Belag von 600 Flüchtlingen gedacht war, zu einer menschenwürdigen Heimstätte für 4.000 Flüchtlinge auszubauen.“

Die Flüchtlingskrisen von 1956 und auch die nach dem Fall des Eisernen Vorhanges 1989 seien in Traiskirchen noch „einigermaßen zu bewältigen“ gewesen, schreibt Bachkönig. Die Welle 2015 habe die Situation im Lager mit 6- bis 7.000 Flüchtlingen aber völlig eskalieren lassen.

Info und Autor

Beim Ungarischen Volksaufstand 1956 erhoben sich weite Teile der Gesellschaft gegen die Regierung der kommunistischen Partei und die sowjetische Besatzungsmacht. Die Revolution begann am 23. Oktober 1956 mit einer friedlichen Großdemonstration der Studenten der Universitäten in Budapest, die demokratische Veränderungen forderten.
Der Freiheitskampf endete mit der Invasion der durch Einmarsch verstärkten übermächtigen Sowjetarmee, die am 4. November 1956 eine pro-sowjetische Regierung unter János Kádár installierte. Hunderttausende Ungarn flüchteten vor der Diktatur in den Westen.

Wolfgang Bachkönig (geb. 1955), Autor des Buches „Heimat, warum musste ich dich verlassen?“, ist gebürtiger Ruster. Als Sohn einer aus Ungarn vertriebenen volksdeutschen Mutter hat er einen besonderen Bezug zu Flucht und Vertreibung. Das Buch über den Ungarnaufstand ist sein insgesamt fünftes; es ist im Verlag Innsalz erschienen.