Erstellt am 11. Februar 2016, 11:01

von Gila Wohlmann und Eva Hinterer

Bürgerwehren: Wehrhaft auf Facebook. Angst, Wut, Unzufriedenheit: Private formieren sich, um für Sicherheit in Gemeinden zu sorgen.

 |  NOEN, Facebook
Manche patrouillieren. Andere kontrollieren und überwachen. Einige begleiten im Bedarfsfall. Aktuell warnen aber die meisten über soziale Netzwerke. Wenn unter Bürgern Unsicherheit herrscht, formieren sie sich und wollen das verloren gegangene Sicherheitsgefühl wiederherstellen: Sie gründen Bürgerwehren.

In Zistersdorf hat sich – als Folge auf die sexuellen Übergriffen gegen Frauen in Köln – eine Bürgerwehr gebildet. „Verdächtige Vorkommnisse werden der Polizei gemeldet“, man wolle dieser aber keine Konkurrenz machen, so die Gründerin, die anonym bleiben möchte. Ihre Mitstreiter findet sie per Facebook (FB).

"Wir sind besorgte Bürger"

Aktuell wirbt dort auch eine Bürgerwehrgruppe in Wiener Neustadt mit folgendem Aufruf: „Wir sind besorgte Bürger, die genug haben von mangelnder Zivilcourage!“ Die Bürgerwehr Wien/Wien-Umgebung warnt indes vor möglichen Gefahren durch neue Zuwanderer und befasst sich mit einem Begleitservice für Frauen.

x  |  NOEN, Facebook


Dass viele Bürgerwehren nur auf Facebook aktiv sind, wundert Reinhard Kreissl vom Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie nicht, denn das sei vergleichsweise einfach: „Wenn eine Bürgerwehr praktisch werden soll, dann muss sie eine Logistik haben, organisiert sein, auf die Straße gehen. Das ist so anstrengend, wie einen Verein zu führen.“ Die Lebensdauer von Bürgerwehren sei meist, sagt er, auf ein paar Wochen oder Monate beschränkt.

Nicht automatisch als „Rechte“ stigmatisieren

Denn sie entstünden, so Kreissl, „aus einer spontanen Regung von Angst oder Wut“. Und das habe keine dauerhafte Tragfähigkeit. Dazu betont er: „Man muss aufpassen, besorgten Bürgern nicht gleich das Stigma ,rechts‘ umzulegen, denn die sind verunsichert. Es geht um die Frage, wie man ihnen diese Angst nehmen kann.“

x  |  NOEN, Foto: Brey
Die Bürgerwehr Mödling/Baden/Traiskirchen, Guntramsdorf, die sich Anfang Jänner per Facebook formiert hat, sah sich als „vorläufige Bürgerinformation“. Die Seite ist seit der Vorwoche offline.

"Wir sind jederzeit wieder startbereit!"

Edmund Ertl, SP-Vorsitzender aus Reinthal, hat 2012 eine „echte“ Bürgerwehr ins Leben gerufen. „Anlass war damals eine Einbruchsserie wegen grenzüberschreitender Kriminalität“, erinnert er sich. Rund 70 Personen waren über ein Jahr intensiv auf Streife. „Es hat gewirkt, es gab keine weiteren Vorfälle“, sagt er. „Wir sind aber bei Bedarf jederzeit wieder startbereit!“

Was sagt die Polizei zu den Privaten? „Grundsätzlich ist gelebte Solidarität – in Form von nachbarschaftlichen Beobachtungen zur Verhinderung von strafbaren Handlungen – sehr zu begrüßen. Fraglich ist, ob es notwendig ist, sich zu organisieren“, so Oberst Markus Haindl von der Landespolizeidirektion NÖ. Er gibt zu bedenken: „Verlagert sich die Ausübung behördlicher Gewalt an Private, muss jeder damit rechnen, bei Anhaltungen und Notwehr – mehr Möglichkeiten stehen Privaten nicht zur Verfügung – gegen das Gesetz zu verstoßen.“