Erstellt am 24. Mai 2016, 06:14

von Gila Wohlmann

Cannabis boomt weiterhin. Kokain in Zuckerln, Hanf in Parks und synthetische Drogen aus dem Web. Fahnder gefordert.

Stadtpark Wiener Neustadt: Um das Verstecken von Drogen zu erschweren, wurden im Frühjahr die Sträucher gestutzt.  |  NOEN, Franz Baldauf

84 Packungen Kokain, als Pralinen getarnt, mit einem Gesamtgewicht von 1,5 Kilogramm hat ein Nigerianer bei sich, als er am Flughafen Wien kontrolliert wird. 27 Drogenpäckchen entdeckt die Wiener Neustädter Polizei im örtlichen Stadtpark, weitere 18 Cannabis-Päckchen in einer Wohnung. In Wien hat die Linie U6 mittlerweile den Ruf einer Drogenhandels-Straße. Die Bevölkerung fordert Maßnahmen von den Behörden. Im Wiener Neustädter Stadtpark wurden etwa Sträucher gestutzt, um Drogenverstecke zu vermeiden.

„Suchtmittelkriminalität hat so wie Kriminalität an sich immer mehrere Gründe, ist also multifaktoriell“, sagt Markus Haindl von der Landespolizeidirektion NÖ. Er ortet in Wiener Neustadt keinen besonderen Drogen-Hotspot im Land. „Eine besondere Herausforderung stellt das Wiener Umland an sich dar, aber auch die Grenzregion zu Tschechien hat ihre Besonderheit“, stellt er fest. Natürlich wird „Stoff“ auch in der Bundeshauptstadt beschafft.

Laut Suchtmittelbericht konsumieren junge Menschen vor allem Cannabis. „Auf Grund der bereits seit Jahrzehnte andauernden Diskussion über die Legalisierung von sogenannten weichen Drogen, mangelt es hier am Verständnis für die Rechtswidrigkeit“, sagt Haindl.

Dass Cannabis boomt, bestätigt auch Ewald Reichmann, Kriminaltechniker in der kriminaltechnischen Untersuchungsstelle im Landeskriminalamt: „Die Mengen werden immer mehr und die Qualität wird besser.“

Neue Substanzen fordern die Experten

Viele Drogen – natürliche wie künstliche – landen bei ihm im Labor. „Klassische Drogen wie Heroin, Kokain oder eben Cannabis gibt es immer“, weiß der Experte. Eine besondere Herausforderung für die Laboranalyse sind aber synthetische Drogen. Was dabei als Droge gilt, ist genau im Neue-Psychoaktive-Substanzen-Gesetz (NPSG) geregelt. Die Aufgabe des Chemikers ist, diese Substanzen mittels Infraspektroskop auf ihre Intensität und ihre Zusammensetzung zu untersuchen. Sollte damit eine Analyse nicht möglich sein, wird der Stoff ins Bundeskriminalamt geschickt und mit dem Gaschromatograph weiter zerlegt. Ergibt diese Untersuchung auch nichts, kann bei Bedarf noch auf Spezialgeräte der AGES (österreichische Agentur für Ernährungssicherheit) zurückgegriffen werden.

Gefährliche Drogen aus dem Internet

Was er von der Wirkung all dieser Drogen hält? „Weiß ich nicht, ich habe ja noch nie etwas genommen, ich untersuche die Stoffe ja nur“, schmunzelt Reichmann, äußert aber seine Bedenken, dass es noch immer viel zu leicht möglich sei, dass junge Menschen an legale wie illegale Drogen herankommen. Nicht zuletzt kann man ja in sogenannten „Growshops“ legal Cannabis-Samen und Gerätschaften zur Aufzucht erstehen. Internet und auch das Darknet spielen hierbei eine nicht zu unterschätzende Rolle, die so bezogenen Stoffe sind umso gefährlicher, da ihre Herkunft und Produktion oft unklar ist.

Suchtmitteldelikte sind Kontrolldelikte. „Das bedeutet, dass ein großes Dunkelfeld besteht, das nur erhellt wird, wenn die Polizei proaktiv Maßnahmen setzt“, erklärt Haindl. Kurz gesagt: Wird mehr kontrolliert, wird mehr aufgedeckt und mehr Delikte scheinen auf. „Die einseitige Interpretation der Kriminalstatistik, also lediglich eine quantitative Analyse, zeichnet somit ein verzerrtes Bild“, sagt Haindl. Ein plötzlicher Anstieg an Anzeigen bedeutet demnach nicht zwingend, dass die Drogenproblematik ausufert.