Erstellt am 08. März 2016, 06:34

von Gila Wohlmann

Die Angst als Lebenschance. Kriminalpsychologe Thomas Müller über subjektives Sicherheitsgefühl und Selbstwert.

Thomas Müller: Basis eines guten Sicherheitsgefühls ist, sich eigenen Ängsten zu stellen.  |  NOEN, Gila Wohlmann
„Irgendwo in Niederösterreich“ beantwortet Kriminalpsychologe Thomas Müller die Frage, wo er als gebürtiger Tiroler seine zweite Heimat gefunden hat.

Aber kann man sich eigentlich in Niederösterreich – wo auch immer – umfassend sicher fühlen? Gerade in weltpolitischen Krisenzeiten? In einer Gesellschaft multimedialer Vernetzung, wo unendlicher Raum zum Schüren von Ängsten geboten wird, während zeitgleich das grenzenlose Europa wieder Grenzen oder auch Obergrenzen schafft?

Der renommierte Profiler, Strafrechtsexperte und Buchautor möchte weder auf mögliche Auswirkungen von Migrationsströmen und daraus resultierende Verunsicherung mancher Bürger eingehen, auch keine Kriminalstatistik analysieren. Ihm geht es vielmehr um die Auseinandersetzung jedes Einzelnen mit dessen subjektivem Sicherheitsgefühl. Dem Erkennen und Erfahren desselben. Vor allem aber mit dem „Damit-Umgehen-Lernen“ mit bewussten wie unbewussten Ängsten des modernen Menschen.

Wie man Einbrüche verhindern kann

Dies legte er am Donnerstag im St. Pöltner Landhaus bei der Auftaktveranstaltung zu „Gemeinsam Wohnen. Gemeinsam sicher – Sicherheit schafft Lebensqualität“ – eine gemeinsamen Initiative von ARGE Wohnen und Kriminalprävention NÖ – nahe. Dort werden Tipps gegeben, wie man Einbrüche verhindern kann.
Um das Sicherheitsgefühl zu stärken, empfiehlt Müller, sich mit den eigenen Ängsten auseinanderzusetzen. Keine Angst zu haben, sei der falsche Weg, das fördere nur die Risikobereitschaft, meint Müller: „Wer keine Angst vor Einbrechern hat, sperrt sein Haus nicht zu.“

„Gelassenheit. Perspektivenwechsel.
Sich in eine Stubenfliege versetzen und beobachten,
wie man in Stresssituationen agiert.“ 
Thomas Müller, Profiler

Essenziell ist für den früheren Polizisten Müller das Selbstwertgefühl. Doch was ist Selbstwert überhaupt? Für Müller fußt dieser auf den Säulen „berufliche Tätigkeit und Privatleben – nur ich selbst“. Wenn eine Komponente, zum Beispiel der Beruf, überwiegt und dann der Job verloren geht, dann kann das Selbstwertgefühl ins Wanken geraten. Die Folge: Die psychische Gesundheit ist erschüttert.

„Depressionen zählen zu den häufigsten Krankheiten unserer Gesellschaft. Manche brechen in Krisensituationen zusammen und viele versuchen durch Suchtverhalten verschiedenster Art, das erschütterte Selbstwertgefühl zu kompensieren.“ Ein gefährlicher Weg. Suizid sei immer wieder tragische Folge eines gescheiterten Umgangs mit Ausnahmesituationen. Krisenmanagement, schon im Vorfeld betrieben, bietet laut Müller eine Chance.

Sein Tipp: „Gelassenheit. Perspektivenwechsel. Sich in eine Stubenfliege versetzen und beobachten, wie man in Stresssituationen agiert. Die Bereitschaft zur Weiterentwicklung. Offene und ehrliche Kommunikation.“ Das sind die Zutaten für einen positiven Umgang mit Ängsten und in der Folge auch ein besseres Sicherheitsgefühl. Sei es nun am Arbeitsplatz, in den eigenen vier Wänden oder wo auch immer. Der Blick in das eigene Seelenleben ist somit Basis, begründete wie unbegründete Angst als Lebenschance zu erkennen.