Erstellt am 16. Februar 2016, 06:19

von Tina Jedlicka

Gefängnis: So ist es wirklich. Justizwachebeamter erzählt an Schulen, wie der Alltag hinter Gittern in der Praxis aussieht.

Bernhard Schaller kennt den Gefängnisalltag - und vermittelt ihn Jugendlichen recht anschaulich. In Händen hält er das »Willkommenspaket« für Insassen. Es enthält die Basisausstattung für die tägliche Körperpflege.  |  NOEN, Tina Jedlicka
Bernhard Schaller ist seit Jahren in der Justizanstalt Wiener Neustadt für die jugendlichen Insassen zuständig. Stundenlange Gespräche, viele Geschichten, zahlreiche Schicksale hat er dort gehört. „Im Jugendgesetz steht, dass man alles tun muss, damit Jugendliche nicht eingesperrt werden“, erzählt Schaller. Dieser Satz sei ihm nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Bis er die Idee hatte, selbst Präventivmaßnahmen zu ergreifen.

Seit ein paar Monaten ist Schaller in Landesberufsschulen in NÖ unterwegs, um mit Schülern über den tristen Gefängnisalltag zu sprechen. Der Mann, der mit Häftlingen arbeitet, hinterlässt damit bei den Jugendlichen mächtig Eindruck. „Ich habe meine Idee Wiener Neustadts Bürgermeister Klaus Schneeberger präsentiert, der mich an Landeshauptmann-Stellvertreter Wolfgang Sobotka verwiesen hat. Innerhalb kurzer Zeit war ich beim Verein ,Jugend und Arbeit‘ in St. Pölten, wo ich große Unterstützung bekommen habe“, sagt Schaller.

In den Schulen berichtet er zunächst vom Aufbau eines Rechtsstaates. Das schmückt er – und das macht seine Arbeit besonders – mit Geschichten aus dem Leben aus. „Dann gehen wir die diversen Deliktgruppen durch. Vom Diebstahl bis zum Mord“, so Schaller. Auch Drogen werden angesprochen.

„Häftlinge müssen sich im Alltag fügen“

Am meisten fesselt die Schüler jedoch immer der letzte Teil: Das Leben hinter Gittern. Was erwartet Straftäter wirklich? Sind Gefängnisse so, wie man sie im Fernsehen sieht? Wie ist es, mit einem Mörder zu sprechen? Welcher Umgangston herrscht in einer Justizanstalt?

„Als Erstes zeige ich den Kinder ein Willkommenspaket, das man bei uns bekommt. Das wird dann genau erläutert. Häftlinge müssen sich dem Alltag im Gefängnis fügen. Da wird geduscht, wenn es erlaubt ist, nicht wenn man gerade will. Es gibt das zu essen, was man vorgesetzt bekommt.“ Das Willkommenspaket beinhaltet zwei Zahnbürsten, Duschgel, Zahnpasta, Rasierer und Kondome. Der Satz „Kein Facebook, kein Handy, kein Internet“, schockiere die Jugendlichen am meisten. Schaller erzählt vom Umgang der Häftlinge miteinander, ohne Namen, Orte oder Ähnliches zu nennen. Es sind Lebensgeschichten, die seine Zuhörer interessieren. Wie schnell kann es gehen, dass man in falschen Kreisen landet, falsche Entscheidungen trifft und im Gefängnis landet?

Beispiele aus dem Leben danach werden erörtert. „Mit einer Vorstrafe ist es schwerer, einen Job zu finden, auch im sozialen Umfeld gibt es oft Probleme, wieder Fuß zu fassen“, berichtet Schaller. Zwar stehen den Ex-Häftlingen Bewährungshelfer und Vereine zur Verfügung – leicht sei es aber trotzdem nicht, sich wieder zu integrieren.

„Gefährlich, wenn die Hemmschwelle fällt“

„Viele Wünsche, kein Geld – das ist der Teufelskreis, in dem sich viele Jugendliche heutzutage befinden, die dann oft falsche Entscheidungen treffen. Wenn sich viele solcher Jugendlicher dann zusammentun, ist man auch vor Radikalisierungen nicht gefeit“, sieht Schaller eine der großen Gefahren heutzutage. Das Anerkennen von Grenzen, ein fürsorgliches Elternhaus und gute Bildung seien Dinge, die bei einigen fehlen. Schaller weiter: „Gefährlich wird es dann, wenn die Angst weniger wird, die Hemmschwelle fällt und die Angst vor Konsequenzen fehlt.“

Mit seiner Arbeit hofft er, einigen rechtzeitig die Augen zu öffnen. Nach seinen Vorträgen sammeln sich regelmäßig Grüppchen um ihn. „Da hört man nicht nur einmal von Gewalt in der Familie oder Ähnlichem“, so Schaller. Aber hier muss er auf die zuständigen Schul-Sozialarbeiter verweisen.

Info: www.bernhard-schaller.at