Erstellt am 21. September 2015, 04:32

von Gila Wohlmann

"Immer im Kopf". Eine Niederösterreicherin wurde bei einem Raubüberfall im eigenen Haus brutal niedergeschlagen. Die seelischen Folgen eines Überfalls verfolgen die Opfer oft ein Leben lang. Beim „Weißen Ring“ gibt es Hilfe für sie.

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Zitternde Hände. Schlafstörungen. Panikattacken. Isolation.Unter posttraumatischen Folgen leiden viele Opfer von Gewaltverbrechen. „Es kommt mir einfach immer in den Kopf“, sagt Marta Postl.

Pensionistin wurde im Schlaf überrascht

Die Pensionistin wurde in ihrem Haus in Puchberg von Räubern im Schlaf überrascht. „Einer hat einfach zugeschlagen“, erinnert sie sich. Erst als sie epileptische Anfälle vortäuschte, ließen die Männer von ihr ab und flüchteten. Die Beute: 70 Euro Bargeld und etwas Schmuck. Die rumänische Bande sitzt nun hinter Gittern. Den Männern konnten mehrere Raubüberfälle, einer sogar unter Anwendung sexueller Gewalt, in Österreich, Deutschland und der Schweiz nachgewiesen werden.

Ein bayerischer Pensionist starb an den Folgen der Misshandlungen. Seine Gattin musste zwei Tage in einer Abstellkammer, eingesperrt neben der Leiche ihres Mannes, verharren. Josef Deutsch, Leiter des Bereichs Raub im Landeskriminalamt (LKA), ist fassungslos: „In 35 Jahren Dienstzeit habe ich noch nie so eine brutale Vorgangsweise erlebt!“ Über den Auslöser für die exzessive Gewalt rätseln die Ermittler. „Die Gruppe sehr unterschiedlichen Alters hat sich vermutlich gegenseitig aufgeputscht“, meint LKA-Chef Franz Polzer.

Opfern solcher Gewaltverbrechen hilft der „Weiße Ring“. Jährlich gibt es rund 24.000 Opferkontakte. 2015 wurden bislang 102 Fälle in NÖ? intensiv betreut, 2014 waren es 112.

„Viele schämen sich auch, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Man will nicht als schwach erscheinen.“ Udo Jesionek, Präsident WeißerRing

 

Experten helfen bei der Verarbeitung des Vorfalls

Experten helfen bei der Verarbeitung des Vorfalls und informieren über die Ansprüche, wie kostenlose psychosoziale und juristische Prozessbegleitung oder Ansprüche nach dem Verbrechensopfergesetz. „Doch nicht alle nutzen und wissen um diese“, bedauert Udo Jesionek, Präsident des Weißen Ringes. „In vielen Fällen erfahren sie nicht von ihren Rechten. Viele schämen sich auch, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Man will nicht als schwach erscheinen, dabei ist ein?Trauma eine natürliche Reaktion auf eine bedrohliche Situation“, so Jesionek. Er bedauert, dass es bei Verbrechensopfern keine Verständigungspflicht der Polizei gibt, wie das etwa im Gewaltschutzgesetz für Opfer häuslicher Gewalt vorgesehen ist. „Dadurch kommt es vor, dass Opfer um ihre Rechte nicht wissen, respektive zu spät informiert werden.“

Peter Walter, einstiger Polizeipsychologe im Innenministerium, ist ehrenamtlicher Helfer beim Weißen Ring. Er kennt viele Überfallsopfer, die von „quälenden Gedanken am Tag, Schlaflosigkeit oder Albträumen in der Nacht“ berichten. Manche leiden unter Flashbacks: „Plötzlich wird der Vorfall konkret wiedererlebt, es kann nicht mehr zwischen Realität und Fiktion unterschieden werden.“

Martha Postl hat jetzt eine Alarmanlage und einen Wachhund. Die Fenster sind vergittert. Und sie schreibt sich Kennzeichen fremder Autos nahe ihres Hauses auf: „Man wird vorsichtiger!“


Opfer-Notruf

Die Hotline des „Weißen Rings“ ist gratis von 0 bis 24 Uhr unter 0800 112 112 erreichbar.