Erstellt am 21. März 2017, 02:00

von Gila Wohlmann

„Keiner hat einfach böse Gene“. Franz Polzer, Leiter des Landeskriminalamtes NÖ, geht in Pension und blickt auf seine großen Fälle zurück.

Franz Polzer  |  Wohlmann

Wein-Skandal, Pumpgun-Ronny, der Fall Blauensteiner oder der Fall Fritzl: Franz Polzer ist eine „personifizierte Kriminalgeschichte“, wie er sich selbst vor seinem Pensionsantritt mit 1. April bezeichnet. Er blickt auf 42 Dienstjahre, davon 35 Jahre als Führungskraft im Kriminaldienst und 22 Jahre als Leiter des nö Landeskriminalamtes (LKA) zurück.

Bereut hat er seine Berufswahl nie. Praktisch sollte der Job sein. Finanziell sicher. Und rechtschaffen. „Vor allem wollte ich aber mit Menschen arbeiten“, erzählt Polzer, der seine Jugend in St. Leonhard/Forst (Bezirk Melk) verbracht hat. Seine „soziale Ader“ hatte dem jungen Gendarmen in den 70er-Jahren gleich eine ordentliche Rüge seines Vorgesetzten eingebracht. „Ich habe gerne ein Auge zugedrückt und auf manch Organmandat verzichtet, wenn Lenkerinnen ein paar Stundenkilometer zu schnell gefahren sind“, schmunzelt er.

"Die Kremser Bäche waren blutrot"

Rasch stieg er bei der Kriminalabteilung die Karriereleiter hinauf. Ab 1983 war er Stellvertreter und von nun mit den „wirklich großen Fällen“ betraut, wie mit der „Wein-Pantsch-Affaire“ der 80er-Jahre. „Wir hatten 30.000 Delikte wegen gewerbsmäßigen Betrugs zu bearbeiten“, umreißt er das Ausmaß des Skandals, bei dem renommierte Weinbauern verurteilt wurden. „Einige haben ganze Weinlesen weggeleert. Die Kremser Bäche waren blutrot“, bleibt ihm dieser Akt unvergessen. Ebenso wie der von Udo Proksch. „Ich habe ihm zugehört. Man hätte ihm beinahe alles glauben können“, so Polzer, über den Unternehmer, der 1992 wegen sechsfachen Mordes und sechsfachen Mordversuchs im Fall Lucona zu lebenslanger Haft verurteilt wurde.

Die wochenlange Flucht des „Pumpgun-Ronny“ durch den Wienerwald mit Geiselnahme und tragischem Ende des Täters, der sich mit einer Polizeidienstwaffe das Leben nahm, ist für ihn Beispiel eines Falles, von dem er hofft, dass er sich nie wiederholt. Noch mehr Tragik hat für ihn der „Wilderer von Annaberg“ mit drei erschossenen Polizisten und einem toten Rot-Kreuz-Mann.

„Der Fall Annaberg war wie Krieg“

„Diese Stunden waren wie Krieg für uns. Die Brutalität und Vorgangsweise von Alois Huber waren unfassbar und im Vorfeld nicht einschätzbar“, sagt er.

Skrupellos waren für ihn auch die Taten von Elfriede Blauen-steiner, die ihre männlichen Opfer mit Gift zu Tode pflegte. Dennoch merkt er an: „Kein Mensch hat von Natur aus böse Gene. Das Umfeld, von der Erziehung bis hin zu schweren Rückschlägen, spielt immer eine Rolle.“ So hätte sich der Männerhass von Blauensteiner auch durch Enttäuschungen, die sie im Zuge polizeilicher Einvernahmen ausbreitete, entwickelt. Geldgier und Narzissmus seien ihr aber nicht abzusprechen gewesen.

Der 63-jährige Polzer ist bekennender Familienmensch. Zum unumstritten schlimmsten Akt zählt für ihn daher der Fall Fritzl. „Ich spreche der Tochter, die 24 Jahre im Keller eingesperrt war und hier ihre Kinder zur Welt brachte, meine Hochachtung für ihre mentale Stärke aus.“ Fritzl sei ein Meister der Verstellung gewesen. Polzer: „Alles war bis ins kleinste Detail geplant. Er hat seine Frau und die Behörden perfekt getäuscht.“

Lohnt es sich nicht, seine spannenden Erfahrungen niederzuschreiben? „Durchaus, aber für mich kommt das nie in Frage“, stellt Polzer klar. Seinem Nachfolger, der noch nicht feststeht, möchte er keine Ratschläge geben.

Im Zitat

„Polizei hatte für mich immer einen sozialen Touch. Nicht nur Kriminelle einsperren, sondern für das Opfer, soweit möglich, Gutes oder zumindest eine Erleichterung bewirken“, Polzer über seine ganz persönliche Definition von Exekutivarbeit.

„Unter meiner Dienstzeit wurde von 20 auf 60 Diensthunde aufgestockt. Ein Diensthund ist ein wichtiges Einsatzmittel. Ich hege für die Diensthundeführer höchstes Ansehen. Sie gehen immer hinaus, auch bei widrigsten Witterungsbedingungen, wo andere lieber im Dienstwagen bleiben.“ 
Polzer war Diensthundereferent.

„Ich war schon immer für eine Zusammenlegung von Polizei und Gendarmerie. Vorher haben mehrere das Gleiche gemacht. Das brachte unnötig Reibungsflächen.“Polzer über die Zusammenführung der Wachkörper 2005.