Erstellt am 19. Januar 2016, 09:03

von Gila Wohlmann und Eva Hinterer

Leute setzen auf Selbstschutz. Immer mehr Bürger legen sich Waffen zu. Die sexuellen Übergriffe in Köln geben erneut Anlass dazu.

Die Anträge zur Erlangung der Waffenbesitzkarte steigen. Das bestätigen Irene Forst, Karl Perchthaler, Leiter der sicherheits- und verwaltungspolizeilichen Abteilung der Landespolizeidirektion, Edith Sulzbacher, Leiterin der Bürgerservicestelle St. Pölten und Reinhard Arlt, Obmann des Polizeisportvereins, Sektion Schießen (v. l.).  |  NOEN, Gila Wohlmann

Österreich bewaffnet sich: Terroranschläge, aber auch die jüngsten Vorfälle sexueller Übergriffe gegen Frauen in Köln und Salzburg führen offenbar zu einem steigenden Trend zur Selbstbewaffnung und Selbstverteidigung. 

Robert Siegert, Gremialvorstand der Waffenhändler Österreichs, hat fünf Waffengeschäfte in Österreich, eines davon in Neunkirchen. Offizielle Zahlen für Waffenverkäufe in NÖ gebe es nicht, aber die Frage, ob Verkäufe steigen, beantwortet er eindeutig mit ja. Diesen Trend beobachte man seit drei Jahren. Besonders Pfefferspray steht hoch im Kurs: Er ist der beliebteste Gegenstand, weil man keinen Körperkontakt mit dem Angreifer braucht und bei Pfefferspray auch keine langfristigen Beeinträchtigungen zurückbleiben. Und: Er ist für alle ab 18 zu erwerben. Und zwar nur im Fachhandel. Das mache durchaus Sinn, so Siegert, weil hier ja auch die Beratung gegeben sei.

„Ein Taxilenker, der sich auf sehr kurze Distanz wehren muss, braucht ein anderes Produkt als ein Spaziergänger, der vom Angreifer weiter entfernt ist“, sagt Siegert. Es gehe eben bei der Selbstverteidigung um persönliche Bedürfnisse. Zielgruppe für Selbstverteidigungsinstrumente sind laut Siegert „alle von 18 bis 80“. Besonders in letzter Zeit zeige sich, dass „der Familienvater kommt und gleich vier Pfeffersprays für die ganze Familie kauft“.

Pefferspray: Umgang erfordert Übung

„Wer einen Pfefferspray bei sich tragen möchte, sollte wissen, wie dieser reagiert“, sagt Andreas Bandion, Leiter der Kriminalprävention im Landeskriminalamt NÖ, denn: „Es besteht die Möglichkeit, dass der Spray dem Träger entrissen wird und gegen diesen selbst eingesetzt wird.“ In die gleiche Kerbe schlägt Wolfgang Lahomsek, Polizeitrainer in der Sicherheitsakademie Traiskirchen. Er bietet privat Selbstverteidigungskurse an und sagt: „Wer sich für einen Pfefferspray entscheidet, der sollte unbedingt zuvor eine Schulung besuchen.“ Denn wer ungewollt in den Sprühregen des beißend scharfen Pfeffers kommt, läuft Gefahr, sich selbst außer Gefecht zu setzen. Er rät daher Laien zu Schaumpfeffersprays, denn: „Die Streuung ist nicht so breit.“ Das Interesse an Selbstverteidigungskursen sei aufgrund der jüngsten Vorfälle „hoch wie nie, insbesondere bei Frauen jeden Alters“. Vereinzelt gibt es Anfragen von Männern, in Einzelfällen in Bezug auf Waffen zum Schutz des Eigenheims. „Sie fragen nach einer Möglichkeit, mit der sie sich und ihr Hab und Gut schützen können, die aber nicht lebensgefährlich ist“, so Lahomsek.

Karl Perchthaler, Leiter der sicherheits- und verwaltungspolizeilichen Abteilung der Landespolizeidirektion NÖ, merkt, „dass mehr Frauen sich bewaffnen“. „Die Antragsteller geben zumeist Selbstschutz und sportliche Betätigung an“, so Irene Forst, zuständig für Waffenanträge in der St. Pöltner Bürgerservicestelle. Reinhard Arlt ist Obmann der Sektion Schießen des Polizeisportvereins St. Pölten: „Wir haben derzeit im Verein Aufnahmestopp. Die Nachfrage zur Erlangung der Waffenbesitzkarte ist seit Mitte 2015 gewaltig gestiegen!“ Appell der Polizei: „Lieber der Griff zum Telefon, um den Notruf zu wählen, als der Griff zur Waffe!“

Zum Thema Waffen

  • Registrierungen: In NÖ wurden im Vorjahr 5.230 Waffenbesitzkarten und 602 Waffenpässe ausgestellt. Es gibt 256.000 registrierte Waffen und 69.000 Waffenbesitzer, bundesweit sind 266.000 Waffenbesitzer und 922.280 Waffen regis-triert*

 

  • Voraussetzungen: Die Waffenbesitzkarte bedarf eines Mindestalters von 21 Jahren, einen einwandfreien Leumund, ein ärztlich-psychologisches Gutachten, eine Einschulung an der Waffe und eine sinnvolle Begründung. Waffenpässe werden nur bei entsprechendem Bedarf ausgestellt.

  • Neue EU-Richtlinie: Um Waffenbesitz einzudämmen, sieht eine neue EU-Richtlinie Verschärfungen bei Erwerb, Besitz und Einfuhr ziviler Schusswaffen vor. Halbautomatische Schusswaffen sollen verboten werden, Gaswaffen, Schreckschusspistolen, deaktivierte Waffen und Spielzeugwaffen sollen registrierungspflichtig werden. Hintergrund sind die Anschläge in Paris. Waffenhändler halten das für wenig sinnvoll: Terroranschläge würden mit illegalen Waffen verübt, da mache es wenig Sinn, legale zu verbieten, so Robert Siegert, Gremialvorstand der Waffenhändler Österreichs.

    *Stand 1. 1. 2016