Erstellt am 26. Januar 2016, 05:58

von Gila Wohlmann

Die Tücken der Körpersprache. Wer unter Stress gerät, gibt oft ungewollt viel von sich preis. Das hilft der Polizei bei Einvernahmen.

Heinz Schneider ist Polizist und Körpersprachen-Experte. Er gibt sein Wissen auch international weiter.  |  NOEN, Schneiderp
Wahrheit, Täuschung oder Lüge? Wenn die Polizei Verdächtige einvernimmt, dann ist die Körpersprache oft aussagekräftiger als das gesprochene Wort.

Um Körpersprache korrekt deuten zu können, bedarf es jahrelanger Erfahrung und professioneller Schulung. Heinz Schneider lehrt das an der Sicherheitsakademie in Wien im Zentrum für internationale Angelegenheiten. In einem Fron-tex-Seminar an der Zollbehörde in Tiflis (Georgien) unterrichtete der 49-Jährige sogar schon Grenzschutzbedienstete zum Thema „Körpersprache des Lügens und Täuschens“.

„Niemand kann sehen, ob der andere wirklich lügt,
aber man kann die Stress-Signale des Gegenübers deuten“,
Heinz Schneider, Polizeiexperte für Mikromimik

„Lügen verursacht Stress. Und Stress verursacht körperliche Veränderungen“, sagt Schneider. Für ihn ist die richtige Interpretation der Körpersprache auch ein Steckenpferd. „Oft sind körperliche Veränderungen ganz unauffällig: ein Blick nach links oder rechts, der Griff zur Nase, ein Rutschen im Sessel, ein Griff an den Kragen, weil der Lügner das Gefühl hat, das Hemd wird ihm zu eng.“ Wer aber diese non-verbalen Zeichen richtig zuordnen will, muss achtsam sein. „Es kann niemand sehen, ob der andere wirklich lügt, aber man kann die Stress-Signale des Gegenübers deuten“, sagt Schneider. Diese „Mikromimik“, wie sie im Fachjargon genannt wird, „dauert nur einen Bruchteil von Sekunden“.

Mikromimik kann eine minimale Pupillenreaktion, ein Zusammenpressen der Lippen oder ein Rümpfen der Nase sein. Akustische Signale wie die Stimme, die sich überschlägt, geben ebenfalls Auskunft über den Stress-Level.

Angeborenes Verhalten als „Verräter“

„Man muss sämtliche körperliche Zeichen lesen können“, ist Schneider überzeugt, dass ein gut ausgebildeter Beamter wie ein Lügen-Detektor agiert. Letzterer misst Körperfunktionen, die sich in Stresssituationen, für andere unsichtbar, ändern, wird aber in Österreich nicht eingesetzt.

Schneider: „Ein Mensch unter Stress zeigt ureigene Verhaltensweisen, die er nur, wenn er sehr gut geschult ist, unter Kontrolle hat.“ Im Zuge von Einvernahme-Techniken kann der Druck erhöht werden, indem man etwa nachfragt, was denn Auslöser für diese Nervosität sei. Diese Verhaltensmuster, sagt Schneider, „sind angeborene, kulturunabhängige Urinstinkte“.

Das bestätigt Polizeisprecher Johann Baumschlager, der international Einvernahmetechnik-Seminare gehalten hat: „Jeder Mensch hat eine Belastbarkeitsgrenze. Wenn er mit einer Stresssituation wie einem belastenden Sachverhalt konfrontiert wird und dabei eine gewisse Stress-Schwelle überschritten wird, reagiert der Körper und zeigt ein Verhaltensmuster, das dann entsprechend bewertet wird.“ Das kann zum Beispiel ein Fluchtsignal wie nervöses Wegschauen sein; oder ein Angriffssignal, etwa ein verbaler Konter wie „So eine Unverschämtheit!“. Lügen Frauen oder Männer besser? Schneider sieht da keine besonderen Unterschiede. Auch hier scheint Übung den Meister zu machen.
Heinz Schneider ist akademischer Lehrer der Exekutive, hat die Ausbildung an der FH Wiener Neustadt abgeschlossen und besucht hier derzeit den Bachelorstudiengang „Polizeiliche Führung“.