Erstellt am 08. Dezember 2015, 05:03

von Eva Hinterer

NÖ: 79.000 Stunden Einsatz. Retter ziehen österreichweit Zwischenbilanz. Herbe Kritik an Politik und Behörden.

Österreich, Niederösterreich, Schwechat, 12.9.2015, in einem Notquartier in der Messe Tulln sorgen Rotkreuz-Mitarbeiter/innen für trocken Kleidung, Essen, Verteilung von Willkommenspaketen und eine Notunterkunft. Augenbehandlung. Querformat.  |  NOEN, Österreichisches Rotes Kreuz
Seit 5. September hat das Rote Kreuz Österreich – gemeinsam mit anderen Freiwilligen-Organisationen – weit über eine halbe Million Flüchtlinge betreut. Bei der Pressekonferenz zum Flüchtlingseinsatz des Roten Kreuzes sparten Präsident Gerald Schöpfer und Rettungskommandant Gerry Foitik nicht mit Kritik an Politik und Verwaltung: zu langsam, zu bürokratisch laufe vieles ab.

Ein Beispiel: Mit Stand 3. Dezember verfügte das Rote Kreuz Ö über 19.400 Plätze in Notquartieren, davon sind 8.000 belegt, 600 von Transitflüchtlingen, die restlichen 7.400 Personen haben um Asyl angesucht.

Und eigentlich sollten sie damit in die Grundversorgung kommen, doch die Kapazitäten des Innenministeriums sind erschöpft. Und so verbleiben die Flüchtlinge in Notquartieren, die aber eigentlich nur für die Erstversorgung und für maximal eine Nacht gedacht sind. Es gibt dort kaum Sanitäranlagen und null Privatsphäre.

Im Ministerium bestreitet man das nicht: „Wir sind aktuell in einer Krisensituation. Das Innenministerium sieht die Beiträge der Freiwilligen alles andere als selbstverständlich an“, sagt Sprecher Karl-Heinz Grundböck. Aber er sagt auch, dass es „in Krisensituationen es aber nicht sein kann, dass diese Menschen nur, weil sie den Asylantrag in Österreich gestellt haben, keinen Zutritt zu Notquartieren haben.“

Viele Akuteinsätze nach Schleppungen

In NÖ sind die Transitlager derzeit leer, wie Rotkreuz-Pressesprecherin Sonja Kellner weiß. Von den angesprochenen 7.400 Asylwerbern ist keiner im Bundesland und man lebe hier auch eine strenge Trennung zwischen Transit- und Asylquartieren.

Das Rote Kreuz NÖ ist in der Flüchtlingskrise seit Mitte Juni aktiv, als die erste Notbetreuung in der Arena Nova in Wiener Neustadt eröffnet wurde; rund 400 Personen wurden dort betreut. Neben der Akutbetreuung in insgesamt acht Transitquartieren haben Rotkreuz-Helfer aus NÖ Kollegen im Burgenland und in der Steiermark unterstützt und viele Akuteinsätze, zum Beispiel nach Aufgriffen durch Schleppungen, bewältigt.

Eine, die sowohl in Transitquartieren als auch an der Grenze im Einsatz war, ist die Notfallsanitäterin Daniela Angetter. Nicht jeder, sagt Angetter, findet die Flüchtlingshilfe gut, „ich werde durchaus auch kritisiert, aber ich wäre nicht beim Roten Kreuz, wenn ich nicht helfen wollte“, sagt sie.

Die Dankbarkeit der Flüchtlinge, ja, die sei unglaublich. Und dass man ihnen die Angst nehmen müsse: So habe es zu Beginn in den Versorgungsstellen regelrechte Schlachten ums Essen gegeben, bis die Leute gemerkt haben, dass es drei Mal täglich Essen gibt. Und man müsse sich auch ihre Geschichten anhören, um bei der Bewältigung der Traumata zu helfen. Integration, sagt Angetter, müsse ebenso wie Deutschkurse rasch passieren.

Zwei Zahlen, die Rotkreuz-Präsident Schöpfer nennt, unterstreichen das: Bis Jahresende rechnet man mit 90.000 Asylanträgen. Für 2016 prognostiziert Schöpfer 120.000.