Erstellt am 13. Oktober 2015, 05:37

von Tina Jedlicka

„Der lügt, der lügt!“. Sogar der Vater eines jugendlichen Angeklagten versucht, dem Sohn beim Prozess die Wahrheit zu entlocken.

Richter Kurt Weisgram verurteilte den Angeklagten zu einer bedingten Strafe.  |  NOEN, Franz Baldauf
Dienstagvormittag am Landesgericht Wiener Neustadt: Richter Kurt Weisgram ruft zur Verhandlung auf. Keiner kommt. Erst beim dritten Versuch betritt der Angeklagte in Begleitung seines Anwalts und seines Vaters den Saal. Der junge Bursche, der kurz vor der Matura steht, wurde von der Staatsanwaltschaft wegen schweren Einbruchsdiebstahls angeklagt. Er soll Ende Dezember 2014 in Wiener Neustadt einen Möbeltransporter gestohlen haben. Beim Ausflug mit dem Fahrzeug passierte ein Unfall, der Wagen wurde dabei schwer beschädigt.

„Ich wollte nur einmal ein Auto haben“, meint der Angeklagte auf die Frage, warum er das getan hat. Der Schlüssel sei auf dem Gehsteig gelegen, er habe ihn genommen, sei in die Tiefgarage des Möbelhauses gegangen und habe sofort das richtige Auto erwischt, sagt er. Dabei will er ganz alleine unterwegs gewesen sein.

Zeugen sahen zwei Männer

Einige Zeugen meinen unabhängig voneinander, dass aus dem verunfallten Auto zwei junge Männer geflüchtet seien. Nach wiederholtem Beteuern, dass er ganz alleine gewesen sei, kann sich der Vater des Angeklagten, der schon zuvor unruhig auf seinem Sessel hin und her gerutscht ist, nicht mehr halten, springt auf und schreit: „Der lügt, der lügt!“ Da hat auch Richter Weisgram Mühe, sich ein Grinsen zu verkneifen, nachdem auch er schon wiederholt versucht hat, vom Angeklagten die Wahrheit zu erfahren.

„Ich glaube es Ihnen auch nicht, das ist nicht die ganze Wahrheit, die Sie hier erzählen“, versucht der Richter sein Glück. Schließlich wird die Verhandlung unterbrochen und der Angeklagte wird mit seinem Anwalt und dem Vater vor den Saal geschickt.
Richter Weisgram verurteilt ihn aufgrund seines Geständnisses zu drei Monaten bedingt (nicht rechtskräftig).