Erstellt am 14. September 2015, 06:07

von Eva Hinterer und Gila Wohlmann

Radikale Tendenzen?. Trotz großer medialer Aufmerksamkeit sind Jugendliche laut Experten nicht radikaler als früher. Wachsamkeit ist trotzdem angesagt.

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Sie haben keine Perspektive, sie gehören nicht dazu, fühlen sich unterlegen. Und beginnen dann, nach Zugehörigkeit und Identität zu suchen. Und finden das oft in radikalen Gruppierungen, die einfache Antworten auf schwierige Fragen vorgeben.

Viel wurde in letzter Zeit über die Radikalisierung Jugendlicher berichtet, vor allem über religiöse. Die manchmal tatsächlich darin mündet, dass junge Menschen in den Dschihad ziehen oder das planen. Erst vor einer Woche wurde ein 18-Jähriger in Linz verurteilt, weil er in die Türkei gereist war, um sich dem IS anzuschließen.

Aber wie groß ist das Problem wirklich?

„Radikalisierung hat es immer gegeben“, sagt Andreas Zembaty vom Verein Neustart dazu, bis auf den aktuellen Religionsbezug sei das nichts Neues. Es gehe immer um die Tendenz zu schnellen Lösungen. Wenn seine Organisation, die sich auch um Resozialisierung Strafgefangener kümmert, mit religiös Radikalisierten konfrontiert wird, dann „suchen wir muslimische Pädagogen, die sich nicht nur dem Islam, sondern auch den Jugendlichen verpflichtet fühlen“. Man habe aber auch bemerkt, dass religiöse Radikalismen bei Jugendlichen schon fast ein Modetrend sind. „Da kommen Äußerungen, die uns als Erwachsene schrecken, und die Jugendlichen merken, dass sie damit gut provozieren können.“ Das Ausmaß an Sympathisanten sei nicht gestiegen, „aber wir sind natürlich sensibler, wenn wir merken, dass mehr daraus werden könnte“, sagt Zembaty.

„Radikale deklarieren sich nicht“

In der Justizanstalt Gerasdorf, der einzigen für männliche Jugendstraftäter in Österreich, nimmt man das Problem durchaus wahr, räumt der stellvertretende Leiter Thomas Binder ein: „Jugendliche sind leichter anfällig und Justizanstalten sind auch Orte, wo Radikalisierung stattfinden kann.“

Zwei Drittel der rund 90 Insassen sind Angehörige islamischen Glaubens, „aber die Radikalen deklarieren sich nicht“. Einer der Insassen ist ein Rückkehrer aus Syrien, er verhalte sich aber unauffällig. „Wir beobachten die Insassen natürlich, aber es ist schwierig, die Richtigen herauszufiltern.“

An wirklich Gefährdete komme man nur über muslimische Seelsorger heran, sagt Binder. Mit denen aber müssen die Insassen nicht zusammenarbeiten. Das Justizwachepersonal in Gerasdorf muss verpflichtende Schulungen zur Thematik besuchen, erst kürzlich gab es eine, in der speziell religiöse Themen behandelt wurden.

In der Fachstelle für Gewaltprävention des NÖ Landesjugendreferates sind erste Anfragen zu religiöser Radikalisierung erst mit Ende 2014 eingegangen. Es handle sich dabei aber eher um allgemeine Fragestellungen und weniger um konkrete Problemstellungen. Es gebe nur wenige Jugendliche, die tatsächlich von Radikalisierung betroffen sind, so die Fachstelle. Ziel einer erfolgreichen Sozialarbeit sei ja, dass es erst gar nicht dazu komme. „Wer mit jungen Menschen zu tun hat und Augen und Ohren offen hält, wird Auffälligkeiten bemerken.“

Was auch seitens der Fachstelle registriert wird ist, dass radikale Hetzer durch Internet und soziale Medien eine große Reichweite generieren. „Das Internet fungiert immer mehr als Radikalisierungsplattform“, bestätigt Roland Scherscher, Leiter des Landesamtes für Verfassungsschutz. „Vor allem durch den Syrienkonflikt ist in den letzten Jahren die Verbreitung islamistisch-extremistischer Propaganda im Internet sprunghaft angestiegen.“ Im gleichen Umfang, so Scherscher, werde aber auch rechtsradikales Gedankengut verbreitet.

Rat und Hilfe

Im Bundesministerium für Familien und Jugend gibt es seit 2014 die „Beratungsstelle Extremismus“.
www.familienberatung.gv.at/beratungsstelleextremismus
Hotline: 0800/20 20 44