Erstellt am 18. Mai 2016, 06:44

von Gila Wohlmann

„Mail-Terror muss aufhören!“. Zwei Familien aus dem Mostviertel werden seit fast zwei Jahren via Mail bedroht.

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„Ich will endlich, dass der Absender ausgeforscht wird! Das kann nicht sein, dass da nichts weitergeht!“ Ernst Längauer aus Opponitz im Ybbstal gibt sich kämpferisch.

Seit rund zwei Jahren werden er und seine Familie, darunter auch die minderjährige Tochter, sowie die Nachbarn von einem hartnäckigen Stalker bedrängt.

Ordinärste Beschimpfungen, Folterszenarien und sogar konkrete Todesdrohungen gegen einzelne Familienmitglieder kommen per Mail. Regelmäßig. Zu Weihnachten. Zum Muttertag. Und zwischendurch, das letzte Mal vergangene Woche.

Der Absender betont den Hass, den er gegen diese Familien hegt. Dass Leben der Längauers ist nicht mehr das, was es einmal war. Und es kommen nicht nur Mails: „Ich erhielt bis zu 150 Anrufe in Folge“, erzählt Ernst Längauer. Einen Grund für diese tiefe Abneigung kennt er nicht. „Man weiß nicht mehr, wem man trauen kann, neigt dazu, möglicherweise Unschuldige zu verdächtigen“, sagt er. Von Justiz und Exekutive fühlt er sich im Stich gelassen. „Man erfährt nichts. Das kann doch nicht ewig so weitergehen!“

Zumeist passiert Stalking im privaten Bereich, 
als Folge unerfüllter Beziehungswünsche.
Marlies Leitner, Gewaltschutzzentrum NÖ

Seitens der Staatsanwaltschaft St. Pölten wird auch gegenüber den NÖN auf das „laufende Ermittlungsverfahren verwiesen“. Informationen gibt es keine. Markus Haindl von der Landespolizeidirektion NÖ erklärt, warum solche Ermittlungen mitunter andauern: „Sofern Ermittlungsansätze gegeben sind, werden die rechtlichen Möglichkeiten ausgeschöpft. Verschiedene Ermittlungsmaßnahmen setzen allerdings die Anordnung der Staatsanwaltschaft oder eine richterliche Bewilligung voraus.“

Andreas Bandion, Leiter der Kriminalprävention NÖ, rät Opfern grundsätzlich, zuerst klarzumachen, dass kein weiterer Kontakt erwünscht ist. „Dann keinesfalls auf solche Mails reagieren. Sonst wird das nicht als Stalking gewertet!“ Und: „Alles dokumentieren.“

Das Gewaltschutzzentrum NÖ ist für solche Fälle Ansprechpartner, hier gibt es eine Stalkingberatungsstelle: „Wir bieten psychosoziale und rechtliche Beratung sowie eine kostenlose Prozessbegleitung“, informiert Geschäftsführerin Marlies Leitner, die feststellt: „Zumeist passiert Stalking im privaten Bereich, als Folge unerfüllter Beziehungswünsche, manchmal geschieht dies auch aus Rache.“

Stalkinggesetz wird erweitert

Den Fall in Opponitz kannte sie bislang nicht, was sie bedauert: „Ich würde mir wünschen, dass uns die Exekutive flächendeckend über alle Stalkingfälle informieren würde.“ Was sie begrüßt ist, „dass das Stalkinggesetz heuer um einen Cybermobbing-Paragraphen erweitert worden ist“. Ganz zufrieden ist sie mit dem Anti-Stalkinggesetz dennoch nicht: „Der Strafrahmen gehört erhöht und es sollte bei einer Verurteilung auch die Möglichkeit einer Einweisung in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher geben.“

Schließlich sei das Leben der Opfer massiv beeinträchtigt, die psychischen wie auch gesundheitlichen Auswirkungen oft enorm. „Das reicht von Schlafstörungen bis hin zu Panikattacken. Manche trauen sich nicht mehr, das Haus zu verlassen“, weiß sie aus der Praxis. Andere Opfer wechseln die Handynummer, den Arbeitsplatz oder ziehen um. Das kommt für Ernst Längauer nicht infrage. „Der Mail-Terror muss aufhören! Ich will einfach nur meine Ruhe. Aufgeben tut man einen Brief, ich gebe aber sicher nicht auf!“


Stalkinggesetz

  • Seit 1. Jänner 2016 ist „Cyber-Mobbing“ (§ 107c StGB: Fortgesetzte Belästigung im Wege einer Telekommunikation oder eines Computersystems) strafbar. Bei Verstoß ist mit einer Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bis zu 720 Tagessätzen zu rechnen.

 

  • Im Jahr 2016 gab es 132 Ermittlungsverfahren und fünf Anklagen wegen § 107c StGB.

 

  • Am 1. Juli 2006 ist das „Anti-Stalkinggesetz“ (§ 107a StGB: Beharrliche Verfolgung) in Kraft getreten, das Opfer von Belästigungen besser schützt. Der Stalker/die Stalkerin ist mit Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bis zu 720 Tagessätzen zu bestrafen.

 

  • Sowohl für Stalking als auch für Cybermobbing gilt: Hat die Tat den Selbstmord oder einen Selbstmordversuch der betroffenen Person zu Folge, so ist die Täterin/der Täter mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren zu bestrafen.

 

Quelle: BMJ