Erstellt am 12. September 2015, 19:05

von APA/Red

Tausende Flüchtlinge überquerten Grenze. Am Samstag haben erneut tausende Flüchtlinge die österreichisch-ungarische Grenze in Nickelsdorf überquert.

 |  NOEN, APA

Tausende weitere Menschen werden in der Nacht erwartet. Für diplomatische Spannungen mit Ungarn sorgte unterdessen ein Holocaust-Vergleich von Bundeskanzler Werner Faymann.

Rund 6.600 Menschen hätten am Samstag die Grenze überquert, sagte Polizeisprecher Helmut Marban am Abend. In der Nacht rechne er mit "Tausenden" weiteren Flüchtlingen: "Es können schon 3.000 bis 5.000 sein." Marban ist dennoch zuversichtlich, die Menschen über Nacht irgendwie unterbringen zu können. "Wir haben den Vorteil, dass unsere Sammelstellen, nach dem relativ ruhigen Tag gestern, leer sind", sagte er.

ÖBB hilft mit Sonderzügen und Bussen

Rund 5.000 Menschen seien bereits mit vier Sonderzügen und zahlreichen Bussen weggebracht worden, die Transporte würden auch am Abend fortgesetzt. In Nickelsdorf habe man eine Kapazität von 3.000 bis 4.00 Menschen, einige Flüchtlinge werde man aber wohl auch wieder weiter entfernt, etwa auf dem Festivalgelände in Wiesen unterbringen müssen, so der Polizeisprecher.

Großteil reist nach Deutschland weiter

Auf dem Wiener Westbahnhof befanden sich am Nachmittag zunächst rund 700 Migranten, am Hauptbahnhof waren es ungefähr 300. Im Vergleich zu den vergangenen Tagen war das eine relativ geringe Anzahl. Die Menschen wurden von Hilfsorganisationen betreut. Die Nacht hatten noch knapp 3.000 Flüchtlinge in Österreich vor allem in Notquartieren in Wien und Salzburg verbracht. Der Großteil reiste im Tagesverlauf nach Deutschland weiter, Asylanträge in Österreich gab es kaum.

In München bringt der große Andrang von Flüchtlingen die Stadt mittlerweile an die Grenze der Aufnahmemöglichkeiten. Die Stadt ruft um Hilfe. Nachdem vergangene Woche 40.000 Migranten eingetroffen waren, wurden bis Samstagabend weitere 10.000 Menschen in der Landeshauptstadt erwartet. Am Nachmittag fehlten noch mehrere tausend Schlafplätze.

Trotz anderslautender Gerüchte erwägen die deutschen Behörden aber bisher keine Schließung der österreichisch-deutschen Grenze: "Eine solche Planung ist dem Bundesinnenministerium nicht bekannt", sagte ein Sprecher am Samstag.

Helfer am Rande der Kapazitäten

Unterdessen kommen die Helfer in Österreich zunehmend an ihre Kapazitätsgrenzen. Zwei Wochen noch kommt das Rote Kreuz "über die Runden" - schon jetzt werden für den Flüchtlingseinsatz Mitarbeiter aus Vorarlberg angefordert, sagt Generalsekretär Werner Kerschbaum im APA-Interview. Er wünscht sich eine unbürokratischere Vernetzung mit dem Bundesheer und denkt einen "Vorratsbeschluss" für einen Assistenzeinsatz an.

Für Aufregung sorgten am Samstag Aussagen von Bundeskanzler Werner Faymann gegenüber dem "Spiegel". "Flüchtlinge in Züge zu stecken in dem Glauben, sie würden ganz woanders hinfahren, weckt Erinnerungen an die dunkelste Zeit unseres Kontinents", hatte Faymann in Anspielung an den Holocaust erklärt. Zudem hatte er Orban vorgeworfen, "bewusst eine Politik der Abschreckung zu betreiben" und "unverantwortlich zu handeln", wenn er "jeden zum Wirtschaftsflüchtling erklärt".

Ungarn übt harsche Kritik

Das ungarische Außenministerium zitierte daraufhin den österreichischen Botschafter, Ralph Scheide, ins Außenministerium und übte ausgesprochen harsche Kritik an Faymann. Dessen Worte seien "eines führenden Politikers im 21. Jahrhundert unwürdig". Österreichs Regierungschef betreibe seit Wochen eine "Lügenkampagne" gegen Ungarn, obwohl das Land alle EU-Regeln beachte und eine effiziente gemeinsame europäische Lösung für die Flüchtlingskrise suche, zitierte die ungarische Nachrichtenagentur MTI Außenminister Peter Szijjarto. Faymanns "Amoklauf" sei "unverantwortlich" und offenbare seine Unfähigkeit.

Ungarn begann am Samstag den letzten Durchlass an der Grenze zu Serbien zu schließen, wie MTI berichtete. Über ein Bahngleis zwischen dem serbischen Horgos und dem ungarischen Röszke waren in den vergangenen Tagen die überwiegende Mehrheit der Flüchtlinge ins Land gekommen, dieser soll nun mit einem Eisentor abgesperrt werden. Am Dienstag tritt zudem ein verschärftes Einwanderungsgesetz in Kraft, das hohe Gefängnisstrafen für illegalen Grenzübertritt sowie Schnellverfahren zur Abschiebung von "Wirtschaftsflüchtlingen" vorsieht.

23.000 Menschen in Serbien erwartet

Dennoch rechnen die serbischen Behörden weiterhin mit hohen Flüchtlingszahlen. Binnen einer Woche würden bis zu 23.000 Menschen in Serbien eintreffen, berichtete der staatliche TV-Sender RTS am Samstag.

Gegner und Befürworter der Aufnahme von Flüchtlingen sind am Samstag in Prag, Warschau und Bratislava auf die Straße gegangen. In der polnischen Hauptstadt Warschau protestierten knapp 5.000 Menschen gegen die Aufnahme von Flüchtlingen. Viele der Demonstrationsteilnehmer skandierten islamfeindliche Parolen. Auf einer Gegendemonstration hießen etwa tausend Menschen Flüchtlinge in Polen willkommen.

Als Teil eines europaweiten Aktionstags unter dem Titel #EuropeSaysWelcome (Europa heißt Willkommen) haben am Samstag in London Zehntausende Menschen den britischen Premierminister David Cameron zur Aufnahme von mehr Flüchtlingen gedrängt. "Öffnet die Grenzen" und "Das Leben der Flüchtlinge zählt", stand auf ihren Plakaten.

Auch in Dänemarks Hauptstadt Kopenhagen forderten laut Polizei etwa 30.000 Menschen die Aufnahme von mehr Einwanderern, die derzeit nach Europa gelangen. Nach Angabe der Organisatoren fanden Veranstaltungen in 100 Städten und 30 Ländern statt. Auch in Wien versammelten sich 1.500 Menschen zu einem Solidaritätsmarsch vom Westbahnhof zum Schubhaftzentrum Rossauer Lände.

Auch in Dänemarks Hauptstadt Kopenhagen forderten laut Polizei etwa 30.000 Menschen die Aufnahme von mehr Einwanderern, die derzeit nach Europa gelangen. Nach Angabe der Organisatoren fanden Veranstaltungen in 100 Städten und 30 Ländern statt. Auch in Wien versammelten sich 1.500 Menschen zu einem Solidaritätsmarsch vom Westbahnhof zum Schubhaftzentrum Rossauer Lände.