Erstellt am 01. März 2016, 06:09

von Gila Wohlmann

Wenn der Neffe Geld braucht. Vermeintliche Verwandte bitten ältere Menschen um Geld. Infofilm soll Banken sensibilisieren.

Ließ sich nicht vom Betrüger am Telefon hereinlegen: Renate Glaw aus Hainburg rief die Polizei, als der Anrufer um Geld bat.  |  NOEN, Josef Rittler
„Hallo, kennst du mich denn nicht mehr? Rat’ mal, wer dran ist!“ Renate Glaw aus Hainburg (Bild) erinnert sich noch genau an das Telefonat mit einem Mann mit deutschem Akzent, der auf hinterhältige Weise an das Ersparte der pensionierten Lehrerin heranwollte.

„Mein verstorbener Gatte und ich hatten Freunde in Berlin und so war ich zuerst gar nicht so verwundert. Doch als er mir zuerst von seiner Wohnung in Wien erzählte, die er gekauft hätte, und dann auf einmal sagte, dass er in einem Hotel wohne und dringend Geld benötige, wurde ich skeptisch“, erzählt sie. Als sie den Anrufer um seine Telefonnummer bat, legte er auf. Glaw rief trotzdem die Polizei.

Neffentrick nimmt zu

Doch nicht jeder Angerufene reagiert so cool wie die Hainburgerin. Der Telefonbetrug, insbesondere der Nichten- und Neffentrick, nimmt zu. Die Täter sind gewieft – und erfolgreich. Schäden in Millionenhöhe werden bundesweit verzeichnet. Die Dunkelziffer an Vorfällen ist hoch. Viele genieren sich, Anzeige zu erstatten. Ein Fehler, denn so können Kriminelle weiter agieren. Deren Vorgangsweise ist fast immer dieselbe.

„Der Anrufer sucht sich zumeist altmodisch klingende Namen aus dem Telefonbuch. Mittels gefinkelter Fragetechnik erschleicht er sich zuerst das Vertrauen des auserwählten Opfers. Dann gibt er eine finanzielle Notlage an. Dringend würde Geld benötigt, abgeholt würde es aber durch einen Mittelsmann, da der liebe Verwandte verhindert sei“, schildert Andreas Bandion, Leiter der Kriminalprävention im Landeskriminalamt NÖ.

Anrufer sitzen im Ausland

„Seit rund zehn Jahren tritt diese Betrugsform, durchaus in gewerblicher Form, auf und kommt in Wellen“, weiß Markus Haindl von der Landespolizeidirektion NÖ, auch „dass die Anrufer zumeist im Ausland sitzen, ihre Mittelspersonen zur Geldabholung vor Ort haben.“

Warum der Neffen-/Nichtentrick immer wieder funktioniert, ist für Bandion leicht erklärt: „Die Täter zielen auf das schlechte Gewissen des Angerufenen ab und drohen mit Aussagen wie ,Wenn du mir jetzt nicht hilfst, siehst du mich nie mehr!‘“

Alleinstehende sind beliebte Opfer

Das sitzt. Und tut weh. Gerade älteren, alleinstehenden Menschen, die Ansprache suchen. Spätestens dann gehen sie zur Bank. Jetzt sind nicht nur Angehörige oder Pflegekräfte, sondern insbesondere auch Bankangestellte gefordert, an die Vernunft der Betroffenen zu appellieren, keine unüberlegten Geldgeschenke zu machen.

Kriminalpräventionsbeamte haben in den letzten Monaten Bankangestellte geschult, um sie für diese Vorfälle zu sensibilisieren. Vom Bundeskriminalamt wurde gemeinsam mit der österreichischen Nationalbank (OeNB) ein zweiminütiges Informationsvideo für Bankmitarbeiter hergestellt. Es zeigt den typischen Ablauf dieser Betrugsform, liefert Verhaltensanleitungen und gibt allgemeine Informationen zu diesem Delikt. Das Ziel ist Bewusstseinsbildung. Präsentiert wurde der Film kürzlich in der Nationalbank, wo er auch produziert wurde.

Ratschlag: Telefonat abbrechen

Anlässlich der Präsentation des Films in der Oesterreichischen Nationalbank am 18. Februar sagte Kurt Pribil, Mitglied des Direktoriums der Nationalbank „Die OeNB macht beim Thema Sicherheit nicht an den Mauern der Bank halt, sondern unterstützt diese Initiative als Beitrag für ein sicheres Geldwesen“. Die Bundessparte Bank und Versicherung der Wirtschaftskammer Österreich unterstützt das Projekt.

Doch wie kann sich nun der Angerufene selbst vor dem „unliebsamen Verwandten“ schützen? „Ganz einfach“, sagt Bandion: „Keinesfalls auf Forderungen eingehen, das Telefonat abbrechen. Nie unüberlegt Geld abheben!“

Denn ist einmal das Geld übergeben, sind beide für immer weg: der vermeintlich liebe Verwandte und das Ersparte.