Erstellt am 15. Juni 2016, 05:07

von Gila Wohlmann

... und dann über alle Berge. Ob Alkohol oder Drogenkonsum, Unachtsamkeit oder Fahrfehler: Manch Unfalllenker sucht das Weite.

Ende Mai überschlug sich in Krems ein BMW, der Lenker flüchtete. Bitter: Sieben Stunden lang suchten Dutzende Helfer nach vermeintlich verletzten Insassen - ohne Erfolg. Erst drei Tage später meldete sich der Zulassungsbesitzer, der allerdings nicht sagen wollte, ob er selbst gefahren ist.  |  NOEN, Manfred Wimmer
Vor wenigen Wochen verursachte ein 35-Jähriger bei Ziersdorf (Bezirk Hollabrunn) einen Massencrash mit drei Verletzten. Der Mann fuhr einfach weiter, konnte aber später aufgrund von Zeugenaussagen ausgeforscht werden.

Erst vor einigen Tagen zerstörte ein 61-Jähriger einen EVN-Schaltkasten bei Kilb: Eine Ölspur führte zum Unfallauto. Der Lenker wurde rasch gefunden – und war stark alkoholisiert.

Nur zwei von einer Reihe an Unfällen mit Fahrerflucht, die sich in Niederösterreich in diesem Jahr zugetragen haben. „Nicht selten ist Alkoholkonsum im Spiel, wenn Lenker die Flucht ergreifen, in der Hoffnung, dass man dann den Alkoholwert nicht mehr feststellen kann“, weiß Ferdinand Zuser, Leiter der Landesverkehrsabteilung der Landespolizeidirektion NÖ.

Eine andere gängige Variante ist die Behauptung, der Lenker hätte den Unfall gar nicht bemerkt, weiß Zuser.

Trotzdem: Die strafrechtlichen Konsequenzen, wenn es Verletzte gibt, können von unterlassener Hilfeleistung bis zur fahrlässigen Tötung unter besonders gefährlichen Verhältnissen reichen. Darauf stehen, je nach Unfallfolge, bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe.

Stressbelastung führt zu Fehlverhalten

Alkohol, Beeinträchtigung durch Suchtmittel, Unachtsamkeit oder Fahrfehler „können da schon zu panikartigem Fluchtverhalten aus Angst vor den Folgen führen“, bestätigt Dietmar Krainz, Verkehrspsychologe beim Kuratorium für Verkehrssicherheit. Wegen der enormen Stressbelastung sei „sachliches Denken vorerst nicht möglich“.
 

Dabei spiele aber auch die Furcht vor körperlicher Gewalt durch Passanten, die Angst vor der Entziehung der Lenkerberechtigung oder finanzieller Schaden eine Rolle. Bei Sachschäden sei der Gedanke, „von der Gesellschaft als untalentierter Autofahrer abgestempelt zu werden, ebenso nicht unwesentlich“.


Manche begehen aber auch Fahrerflucht, weil ihnen ihr moralisches Fehlverhalten gar nicht bewusst ist, „wie Psychopathen oder Jugendliche aufgrund falscher Erziehung“, so Krainz. Andere Lenker zeigen Reue oder schieben die Schuld auf externe Faktoren wie Fahrbahnbeschaffenheit oder ungünstige Witterungsverhältnisse. Es kommt auch vor, dass das Geschehene einfach verdrängt wird.

Und wie bewältigen nun Opfer oder deren Angehörige die Fahrerfluchtsituation? Für sie ist es „oft maßgeblich“, ob der Unfalllenker Reue zeigt, sagt der Psychologe.

Manche Betroffene versuchen, sich in die Psyche des Fahrerflüchtigen hineinzuversetzen. Wenige Opfer können sogar vergeben.