Erstellt am 19. April 2016, 06:04

von Gila Wohlmann und Eva Hinterer

Unfall mit Kind als Albtraum. Ob Unfalllenker, Eltern oder Einsatzkräfte: Verkehrsunfälle mit Kindern sind Ausnahmesituationen.

 |  NOEN, ÖRK / Hechenberger

Am 5. April prallt in Penk im Bezirk Neunkirchen ein Auto gegen einen Baum und überschlägt sich. Der Lenker und ein zweijähriges Kind werden verletzt. Nur fünf Tage später kollidieren zwei Fahrzeuge bei Ternitz, unter den Verletzten ist ein sechsjähriges Kind. In der Nacht vom 7. auf den 8. April verunglückt eine junge Mutter mit ihren Töchtern im Salzburger Tennengau, die Kleinkinder im Alter von 15 Monaten und vier Jahren sterben.

Unfälle auf den heimischen Straßen, in die Kinder involviert waren, häufen sich in den letzten Tagen. Im Jahr 2014 wurden 511 Kinder bei Verkehrsunfällen in Niederösterreich verletzt, drei davon kamen ums Leben.

Ferdinand Zuser, Leiter der Verkehrsabteilung der Landespolizeidirektion, mahnt richtige Kindersicherung ein: „Das kontrollieren wir rigoros, im Privat- wie im Linienverkehr.“

„Das traumatisierende Ereignis 
ist  im Gehirn gespeichert. 
Bilder, Geräusche, Gerüche und Emotionen.“
Dieter Krainz, Verkehrspsychologebeim 
Kuratorium für Verkehrssicherheit

Unfälle mit Kindern sind für alle Beteiligten – Unfallverursacher, Angehörige und Rettungskräfte – immer eine besondere psychische Herausforderung, posttraumatische Belastungsstörungen sind oft die Folge. „Betroffene erleben ein Gefühl der Leere, Hoffnungslosigkeit, Nervosität. Sie haben Albträume und Panikanfälle. Sie kapseln sich von Gefühlen völlig ab, weil sie den erlebten Schmerz nicht mehr zulassen wollen“, erklärt Dieter Krainz, Verkehrspsychologe beim Kuratorium für Verkehrssicherheit (KfV).

Manche Betroffenen meiden sämtliche Aktivitäten und Situationen, die an das Unfallszenario erinnern. Manche verzichten sogar auf das Auto.

Besonders belastend sind Flashbacks: „Das traumatisierende Ereignis ist im Gehirn gespeichert. Bilder, Geräusche, Gerüche und Emotionen. Dieses Informationspaket kann jederzeit aktiviert werden; ein auslösender Reiz genügt, zum Beispiel, wenn man einen am Unfall beteiligten Fahrzeugtyp sieht. Das Szenario wird neu abgespult, das Ereignis passiert gerade wieder“, erläutert der Psychologe.

Wie geht es den Angehörigen, wenn ein Kind Opfer eines Unfalles wird? Sandra Pitzl, Leiterin des AKUTteams NÖ, ist in solchen Situationen zur psychologischen Unterstützung oft vor Ort. „Als Erwachsene fühlen wir uns verantwortlich für Kinder, somit sind Selbstvorwürfe und Schuldgefühle, auch wenn sie gar nicht berechtigt sind, häufige Reaktionen“, sagt sie. Sorgen und Ängste der Eltern sollten ernst genommen werden, Vorwürfe solle man sich sparen. „Schuld und Verantwortung werden später geklärt, das kann oft schon beruhigend wirken. Eltern wollen oft aktiv etwas für ihr Kind tun, daher könnten ihnen einfache Aufgaben, wie z.B. das Halten einer Infusionsflasche oder Ähnliches, aufgetragen werden“, so Pitzl.

Auch für Polizisten sind solche Ereignisse nicht nur Berufsalltag, sondern bleiben unvergessen, sogar über die Dienstzeit hinaus. Walter Strebinger, Polizist im Ruhestand, kann bis heute einen tragischen Unfall nicht vergessen, bei dem ein Vater – am Beifahrersitz saß seine Tochter –, als er aus dem Haus fuhr, wegen eines Hundes das Auto verriss. Der Wagen geriet auf die Böschung und kippte zur Seite: „Das Kind war nicht angeschnallt. Es gab keine Rettung mehr.“ Ebenso in unauslöschlichen Gedanken bleibt Walter Strebinger ein Unfall, bei dem ein kleiner Junge über die Bundesstraße lief und von einem Lkw erfasst und getötet wurde. „Das Kind hatte noch das Eis in der Hand, das es sich zuvor gekauft hatte.“