Erstellt am 28. Juni 2016, 08:07

von Gila Wohlmann

Mensch als Feind des Wildes. Erschossen, aufgespießt, vergiftet: Die Attacken gegen Hoch- wie Niederwild häufen sich.

Dieser Marder in Zistersdorf im Bezirk Gänserndorf ist an Carbofuran verendet, das Unbekannte im Juni ausgelegt hatten.  Foto: EGS/Stefan Knöpfer  |  EGS/Stefan Knöpfer, EGS/Stefan Knöpfer

Vor wenigen Tagen verendete ein Reh elend in einem Garten in Türnitz (Bezirk Lilienfeld). Der Grundbesitzer hatte sich durch das Wild gestört gefühlt und es skrupellos mit Pfeil und Bogen „erlegt“.

In den Bezirken Hollabrunn und Horn wurden drei Rohrweihen und zwei Mäusebussarde durch Schrotkugeln getötet. Auch Vogel- und Kastenfallen mit Ködern waren ausgelegt.

Im Naturpark Buchenberg in Waidhofen/Ybbs zwickten unbekannte Täter vor zwei Wochen den Maschendrahtzaun des Rothirschgeheges auf, zwei Hirschkühe entwischten. Erst im Vorjahr wurden hier ein Storch erschlagen, ein Graureiher aufgespießt und ein weiterer Storch schwer verletzt. Attacken gegen Wildtiere häufen sich.

„Grundsätzlich sind Angriffe gegen Wildtiere als Tierquälerei zu werten“, sagt Markus Haindl von der Landespolizeidirektion. In Niederösterreich wurden 2014 rund 70 Fälle zur Anzeige gebracht, bundesweit wurden an die 270 Fälle von Eingriff in fremdes Jagd- oder Fischereirecht gemeldet.

„Tatverdächtige sind zumeist männlich und im Alter zwischen 25 und Ende 40“, weiß Haindl. Die Strafdrohungen reichen von Geldstrafen bis zu Freiheitsstrafen zwischen sechs Monaten und drei Jahren.

Von der Affekthandlung bis Machtdemonstration

Patricia Göttersdorfer, Psychotherapeutin aus Mödling, meint zum Vorfall in Türnitz, dass das Reh stellvertretend für gestaute Aggressionen hätte herhalten müssen. „Eine typische Affekthandlung, bei der die Impulskontrolle verloren gegangen ist und eine völlig unverhältnismäßige Reaktion. Das Tier in seinem Privatbereich hat bloß das Fass zum Überlaufen gebracht. Hätte er laut geschrien, hätte ein scheues Tier wie ein Reh sicher auch das Weite gesucht“, meint sie.

Ganz andere Motive ortet sie in tierquälerischen Vorfällen wie im Naturpark Buchenberg: „Hier geht es dem Täter um Machtgehabe, um Erhabenheit gegenüber dem schwächeren Individuum. Wildtiere gelten als unnahbar und besonders; das reizt den Täter dann vielleicht noch mehr.“ Bei Attacken mit Carbofuran, einem seit 2007 verbotenen Insektizid, mutmaßt sie zum Teil Kollateral-Schäden, hervorgerufen durch schwarze Schafe unter Landwirten. „Hier steht der Profit und nicht die Ökologie im Vordergrund – nach dem Motto ,ich kann mir alles untertan machen‘. Wildtiere werden da mitunter sogar als Konkurrenz gesehen.“

Der Generalsekretär der Landesjagdverbände, Peter Lebersorger, analysiert: „Vielen Leuten ist einfach alles egal. Sie glauben, dass sie mit allem, was sich frei in Wald und Flur bewegt, machen können, was sie wollen.“ Eine Tat wie jene in Türnitz empfindet er als „völlig gedankenlos“ und untermauert als Jurist: „Das ist Tierquälerei, Eingriff in fremdes Jagdrecht und Wilderei!“ Nicht nur der ökologische Schaden für den Wildbestand, sondern auch Verlust finanzieller Natur sei gegeben: „Eine Rehgeiß wird bei widerrechtlichem Entzug aus freier Wildbahn mit 460 Euro beziffert.“ Scharf ins Gericht geht er auch mit jenen, die das verbotene Gift Carbofuran auslegen, so wie im Bezirk Gänserndorf, wo mehrere Seeadler verendet sind. „Das ist nicht nur skrupellos, diese Menschen haben kein Unrechtsbewusstsein.“

„Ob Wildtier oder Haustier – das Tierleid ist immer gleich und nicht nötig!“, ärgert sich Lebersorger.