Erstellt am 11. November 2017, 02:21

von NÖN Redaktion

Experteninterview mit NÖ-Banksprecher Vieghofer. Johann Vieghofer, NÖ Bankensprecher, über Veränderungen in der Bankenwelt und das richtige Tempo.

„Eigentlich sind die gar nicht so schlecht, weil sie die Banken fordern, selbst auch schneller zu werden“ – Banken-Spartenobmann Johann Vieghofer über die Konkurrenz von Start-up-Banken und Gratiskontenanbietern.  |  Erich Marschik

NÖN: Was die heimische Bankenlandschaft angeht, waren und sind Filialschließungen und Fusionen Dauerthema. Wie wird es diesbezüglich weitergehen?

Johann Vieghofer: Fakt ist, dass uns das noch länger beschäftigen wird. Da gibt es mehrere Einflussfaktoren: Regulatorik, Digitalisierung und das Niedrigzinsniveau, das den Retail-Bankbereich extrem schwierig darstellbar macht. Diese Faktoren führen dazu, dass in allen Banken Kostenprogramme gefahren werden müssen, die Bankstellen und Personalressourcen betreffen.

Was tragen diese Faktoren genau zu Filialschließungen bei?

Vieghofer: Aus Bankensicht ist die Regulatorik nicht unbegründet, aber oft überzogen. Speziell, was die niederösterreichischen Bankinstitute angeht – hier gibt es ja fast nur kleine Banken. Grundsätzliches Problem ist, dass das Tempo zur Umsetzung neuer Regeln zu hoch ist. Was die Digitalisierung angeht, stehen wir erst am Beginn der Entwicklung. Ich glaube, dass in Zukunft alles, was digitalisiert werden kann, auch digitalisiert werden wird. Das hat natürlich großen Einfluss auf Bankstellen. Als dritter Punkt führt das Niedrigzinsniveau dazu, dass sich Banken speziell im Privatkundenbereich schwer tun, die notwendigen Erträge zu erwirtschaften. Wenn die Niedrigzinsphase, was ich glaube, länger andauert, wird der Druck auf die Margen in den Banken größer.

Wie lange wird diese Phase denn noch andauern?

Vieghofer: Ich glaube, dass das nicht in 2, 3 Jahren erledigt ist, sondern länger dauern wird. Die Frage ist, wie könnte man das überhaupt umkehren? Die EZB hat massiv Anleihen aufgekauft – das zurückzufahren dauert Jahre. Und: Der politische Wille, das Niedrigzinsniveau zu ändern, ist auch nicht erkennbar.

Gibt es die Idee vom mobilen Bankberater? Irgendwie muss man dem ja entgegengehen.

Vieghofer: Ich glaube, dass man als Bank flexibler werden und genau solche Lösungen andenken muss. Außerdem darf man nicht immer Schwarz-Weiß-Malen: Bankstellen zusperren heißt ja nicht, dass es keine Nahversorgung mehr gibt. Nahversorgung hat früher natürlich anders ausgesehen – da hatten wir aber nicht die Technik und die Mobilität wie jetzt.

Was bedeutet diese Entwicklung für die Mitarbeiter-Zahlen? Müssen wir mit einem flächendeckenden Mitarbeiter-Abbau rechnen?

Vieghofer: So drastisch würde ich das nicht sehen. Fakt ist aber, dass man heute nicht davon ausgeht, dass in der Bankenbranche künftig mehr Mitarbeiter beschäftigt sein werden. Meines Erachtens muss ein Bankmitarbeiter der Zukunft in der Veranlagung, bei Lebensereignissen und in der Kreditfinanzierung beraten. Die Mitarbeiter müssen dafür noch mehr Kompetenz haben – weil der Kunde mehr Grundwissen hat.

Haben die Banken nicht Angst, dass gerade durch Digitalisierung auch bei Veranlagung/Krediten die Kunden sich immer mehr selbst informieren und auch diese Dinge selbst können?

Vieghofer: Absolut. Ich glaube nur, in komplexeren Themen holt man sich trotzdem Rat. Ein Wertpapiergeschäft könnte heute bereits vollautomatisch abgewickelt werden – nur ganz wenige Kunden machen das heute aber End-to-End selbst. Ich glaube, dass das bei komplexeren Geschäften so bleiben wird.

Wie sehr bereiten Ihnen Start-up-Banken und Gratiskontenanbieter Sorgen?

Vieghofer: Eigentlich sind die gar nicht so schlecht, weil sie die Banken fordern, selbst auch schneller zu werden. Es sind auch viele gute Unternehmen dabei – ich sehe das als Herausforderung für den Bankbereich.

Schneller bezüglich was?

Vieghofer: In der Entwicklung neuer Produkte und neuer Geschäftsmodelle. Ich glaube, dass da die Geschwindigkeit enorm zugenommen hat – wie auch im Rest der Geschäftswelt. Langsamkeit können wir vergessen.

Wie wird sich das Regionalbankgeschäft im Vergleich zu Großbanken verändern?

Vieghofer: Die Stärke der Regionalbanken ist die Nähe – und das ist kein Widerspruch zu dem, was ich vorher gesagt habe. Nähe ist heute etwas anderes als vor 15 Jahren. Ich glaube, dass diese Nähe auch im Zeitalter der Digitalisierung ein Kundenwunsch ist. Die Kunden wollen jede Information weltweit haben und regional entscheiden. Das kann die Stärke der Regionalbanken sein.

Nähe heißt also Verfügbarkeit?

Vieghofer: Genau, Verfügbarkeit über verschiedene Kanäle. Dass ich jederzeit mit meinem Bankberater telefonisch Kontakt aufnehmen kann. Jederzeit – und nicht nur von 8 bis 17 Uhr.

Es gibt jetzt das OGH-Urteil zur Weiterverrechnung von Negativzinsen – nämlich, dass die Banken das Geld zurückzahlen müssen. Wie sehr schmerzt Sie das?

Vieghofer: Das schmerzt sehr. Jede Bank hat dafür bereits Rückstellungen gebildet. Das sind Einmalbeträge, die sich in der Bilanz 2017 widerspiegeln werden. Ein weiteres Thema ist die zukünftige Reduzierung der Erträge. Wir als Banken haben argumentiert, dass wir eine Refinanzierung haben, die vielfach aus Spareinlagen besteht. Bei den Spareinlagen hat der OGH entschieden, dass der Mindestzinssatz nicht unter Null sinken darf. Unsere Sicht war: Wenn das auf der Refinanzierungsseite so ist, dann muss das auch auf der Finanzierungsseite so sein. Der OGH hat das anders entschieden, und das wird von den Banken akzeptiert.

Vor rund einem Jahr ist das Thema Bankomatgebühren durch Euronet aufgekommen, ein Anbieter, der quasi über die Hintertür Bankomatgebühren in Österreich eingeführt hat. Bankomatgebühren sind immer wieder auch politisch ein Thema. Wie stehen Sie dazu?

Vieghofer: Zu den politischen Debatten will ich mich nicht äußern, ich habe nur eine eigene Meinung dazu: Dass für mich Gesetzesvorlagen eine Einmischung in betriebswirtschaftliche Überlegungen von Unternehmungen sind. Verbietet man Bankomatentgelte, müssen die Kosten anders umgelegt werden. Wobei man hier immer nur von Fremdkunden spricht.

Faktum ist, dass es Bankomatgebühren innerhalb der EU in vielen Ländern schon gibt.

Vieghofer: Es gibt eine Ausnahme, nämlich Portugal – dort sind Bankomatentgelte gesetzlich verboten. Aber sonst ist deren Einführung in der EU dem Bankapparat überlassen.

Sie sind dafür, für Fremdkunden Bankomatgebühren einzuführen?

Vieghofer: Derzeit stellt sich die Frage nicht. Fakt ist aber, dass es mit erheblichen Infrastrukturkosten verbunden ist, Bankomate zur Verfügung zu stellen.

Also werden wir nicht drum herum kommen?

Vieghofer: Langfristig kommen wir nicht darum herum, dass Infrastruktur kostet. Und dass Kosten einer Bank vom Kunden zu bezahlen sind. Sonst würde sich mittelfristig die Infrastruktur verringern.

Es gab kürzlich einen OECD-Bericht, laut dem Banken in Österreich zu wenig profitabel sind. Die OECD empfiehlt, Kosten im Banksektor zu senken. Das kann eigentlich nur mehr über Mitarbeiterreduktion oder Kostenerhöhung für Kunden gehen, nicht?

Vieghofer: Das ist völlig richtig. Die OECD-Studie unterstreicht, was ich eingangs gesagt habe. Mittel- bis langfristig wird es dazu führen, dass in Österreich die Konditionen erhöht werden – Entgelte wie auch Zinsen.

Das kann also nicht lange dauern?

Vieghofer: Wenn Vernunft einkehrt, nicht.

In dem OECD-Bericht steht auch, dass Chancen der Digitalisierung verschlafen wurden. Inwiefern?

Vieghofer: Verschlafen ist zu rigoros ausgedrückt. Aber es sind alle Banken gefordert, ihren Service zu digitalisieren und Geschäftsmodelle einfacher zu strukturieren.

Was braucht es da für die Banken? Vieghofer: Wir würden uns da vom Gesetzgeber Unterstützung wünschen, um die bereits möglichen Dinge tun zu dürfen. Dass wir zum Beispiel dem Kunden die Wahlmöglichkeit lassen, bei Nutzung von Elektronic Banking auch über diese Plattform informiert zu werden – und nicht, dass ihm jedes Mal ein Brieferl geschickt werden muss. Da sind wir oft weiter als das Gesetz. Vielfach bedarf es der Briefform, bei Konditionsänderungen zum Beispiel – und das ist nicht mehr zeitgemäß. Es geht hier nicht darum, einen Kunden weniger zu schützen, sondern um Wahlfreiheit der Kundinnen und Kunden.