Wieselburg

Erstellt am 17. Juli 2016, 09:10

von Wolfgang Zarl

Engagement von Frauen in Pfarren gewürdigt. Zum Abschluss der einwöchigen Sommerstudientagung der Katholischen Frauenbewegung Österreich (kfbö) in Wieselburg diskutierte eine hochkarätige Runde über „Frauen auf der Flucht“.

Vertreterinnen der Frauenbewegung Österreichs und der Diözesanleitung übergeben die kfb-Fahne an die nächsten Organisatoren der Sommerstudientagung: an die Kärntnerinnen
 
 |  Wolfgang Zarl

Kfb—Vorsitzende Veronika Pernsteiner, Fluchtexpertin Tirhas Habtu, der Wiener Pastoraltheologe Paul Zulehner und Rainald Tippow, Flüchtlingskoordinator der Erzdiözese Wien, verwiesen dabei auf das große Engagement von Frauengruppen in den Pfarren für geflüchtete Menschen.

Kfbö-Vorsitzende Pernsteiner unterstützt selber stark Menschen, die nach Österreich geflohen sind. Im Vorjahr sei sie selber auf Bahnhöfen gewesen und unterstützte Flüchtlinge. Ihr sei der Austausch mit den Frauen wichtig gewesen und sie habe selber durch diese Begegnungen viel Positives von ihnen zurückbekommen. Die kfbö-Vorsitzende aus der Diözese Linz habe mittlerweile die Beobachtung gemacht, dass sich ehrenamtliche Flüchtlingshelfer/innen heute oftmals rechtfertigen müssten, „wenn man aus dem Evangelium lebt und Flüchtlinge unterstützt“.

Sie ortet weiters eine zunehmende Radikalisierung der Sprache. „Wem bin ich Nächste? Wer ist mein Nächster?“, müsse man sich fragen angesichts der Anfeindungen gegen diejenigen, die den Menschen in Not zur Seite stehen, angesichts der schleichenden Radikalisierung in Sprache und Auftreten. Die Diskussion um Wertekurse für Geflüchtete sieht sie kritisch: „Vielmehr hilft es, Begegnungen zu schaffen und Menschen einzuladen.“ Sie schlägt konkret vor, dass bei den österreichweiten kfb-Benefizsuppenessen in der Fastenzeit Frauen mit Migrationshintergrund in den Pfarren Suppen aus ihrer Heimat zubereiten.

Rainald Tippow, Flüchtlingskoordinator der Erzdiözese Wien, Fluchtexpertin Tirhas Habtu, der Wiener Pastoraltheologe Paul Zulehner und Kfb—Vorsitzende Veronika Pernsteiner diskutierten über "Frauen auf der Flucht" 
 
 |  Wolfgang Zarl

Der Flüchtlingskoordinator Tippow der Erzdiözese Wien verweist darauf, dass „viele hundert österreichische Pfarren“ sich in der Flüchtlingsbetreuung engagieren, und diese Hilfe würden vor allem Frauen tragen. Er sagt, zahlenmäßig seien die Flüchtlinge „völlig problemlos bewältigbar“.

Von den 65 Millionen Menschen auf Flucht wären weit über 90 Prozent Binnenflüchtlinge oder kämen in Nachbarländer unter. Europaweit kämen auf 1000 Einwohner nur zwei Flüchtlinge. Das Problem seien Verängstigung in der Bevölkerung und Streit in der Politik. „Jede Form von Rationalität wird durch Emotionalität an die Wand gespielt“, so Tippow. Viel laste auf den Schultern der Zivilgesellschaft und er nennt hier die vielen Deutschkurse, die Pfarren oder Klöster für Flüchtlinge organisieren.

Ein Vorurteil kritisiert er scharf: Geld sei kein Anreiz für Flüchtlinge nach Österreich zu kommen. Um die Flüchtlingskrise wirklich einzudämmen, brauche es jedenfalls einen Marshall-Plan für Afrika, denn die Menschen die jetzt ua. aus Syrien kämen, wären sonst nur ein kleiner Vorausblick auf die noch zu erwartenden hohen Zahlen. Denn viele hätten aufgrund der fehlenden Perspektiven und Jobs in ihrer Heimat nichts zu verlieren. Abgesehen von der großen Hilfe könne jede und jeder ebenso helfen: etwa, indem Menschen mit Asylstatus zum AMS begleitet werden. Die Teilnahme an Beratungsgesprächen könne aufgrund von Zeitdruck und Sprachschwierigkeiten oft kleine Wunder bewirken.

Positive Lobbying-Arbeit der Frauenbewegung

Pastoraltheologe Zulehner lobt die „massive“ politische Lobbying-Arbeit durch die Katholische Frauenbewegung – etwa auf dem Gebiet der Mindestsicherung. Nicht nur konkret zu helfen, wie das die kfb tue, sondern auch sich politisch einzusetzen, sei ein Gebot der Stunde. Der Soziologe sieht in der Flüchtlingsthematik folgende Gefühle bei den Menschen: Verängstigte und Besorgte und Leute, die sich engagieren. Die Ängste seien oft archaisch und würden „zu kurz Gekommene“ und von Abstieg Betroffene Menschen betreffen.

Daher stelle sich die Frage: „Wie kann man Angst nehmen und diese zu jenen ziehen, die helfen?“ Österreich sei jedenfalls eines der reichsten Länder der Welt, niemand habe aufgrund der Flüchtlinge auch nur einen Cent weniger am Lohnzettel. Zulehner sieht sie überdies als Chance, weil Geflohene Leistungen und auch Werte mitbringen. Sie könnten bei kluger Investition auch der Wirtschaft viel bringen.

Fluchtexpertin Tirhas Habtu, die aus Eritrea stammt und aufgrund von Regierungskritik nicht mehr in ihr Land zurück kann, meint, dass die Entscheidung zur Flucht für Frauen schwierig sei. Denn sie würden oft viel verlieren – etwa Jobs oder den Anschluss an ihre Stammesgemeinschaft. Eines sei den neu ankommenden Frauen, die oft Traumata von den Kriegen haben, besonders wichtig: Sie wollen Informationen über ihre Rechte und Pflichten und wie das Zusammenleben hier funktioniert.

Auf die Frage, ob man Angst vor einer Islamisierung aufgrund der Zuwanderung haben müsse, sagt sie: „Wenn Menschen ehrlich ihren Glauben leben und darin verwurzelt sind, dann brauchen sie sich nicht zu fürchten, wenn Flüchtlinge aus anderen Kulturen und Religionen kommen.“ Generell sei vielen Frauen ihr Glaube wichtig und sie würden gerne hier Kirchen aufsuchen.

Kfbö-Vorsitzende Pernsteiner zog positive Bilanz

Veronika Pernsteiner, Vorsitzende der größten Frauenorganisation des Landes, dankte der gastgebenden kfb St. Pölten und ihrer Vorsitzenden Anna Rosenberger „für die liebevolle Vorbereitung und Gestaltung“ der Sommerstudientagung in Wieselburg. Neben hochkarätigen Vorträgen, Workshops und einem Ausflug zur Basilika Sonntagberg gab es für die Frauen aus allen Diözesen Österreichs und aus Südtirol die Möglichkeit zum Austausch und Begegnung.

Dass das Jahresthema „Frauen.Leben.Stärken“ sehr viele Themen und Inhalte einbeziehe, das hätten die Teilnehmer/innen auch an der Verschiedenheit der „exzellenten Referent/innen“ erlebt. Die Workshops hätten gezeigt, dass viel politische Arbeit vor der Frauenbewegung liege: sei es beim Thema „Gewalt an Frauen“, beim Thema „Gleichstellung“ oder um darauf aufmerksam zu machen, dass das BIP die unbezahlten Tätigkeiten der Frauen nicht einbeziehe und somit verfälsche. Entscheidungsgrundlage für den gesellschaftspolitischen Einsatz müsse das Evangelium sein. Intensiv beschäftigten sich die Frauen auch mit der Enzyklika „Laudato si“ von Papst Franziskus.

Referenten waren ua. Ordensfrau Sr. Melanie Wolfers, Landesrat Stephan Pernkopf, der dem Ökosozialen Forum Österreichs vorsteht, Martina Beham von der Linzer Johannes-Kepler-Universität, Lucia Göbesberger, Pastoralamt der Diözese Linz, oder Isabella Ehart, Spirituelle Begleiterin der kfbö.