Erstellt am 28. September 2015, 05:02

von Christine Haiderer

Glückskind mit Narben. Nina Gussger lebt in Mödling. Sie wurde schon mit vielen Schicksalsschlägen konfrontiert und leidet an Multipler Sklerose. Aber dennoch ist sie ein fröhlicher Mensch.

Nina Gussger  |  NOEN, Katharina Schiffl

Mit fünf Jahren war Nina Gussger zum ersten Mal auf einer Intensivstation. Starke Verbrennungen an ihren Beinen. Jahre später hatten ihre Eltern einen schweren Verkehrsunfall in Rom. 2008 erhielt sie die Diagnose Multiple Sklerose. Und fünf Jahre danach kämpfte ihr Mann ums Überleben. Aortenaneurysma, eine gerissene Hauptschlagader. Wieder Intensivstation.

"Habe begonnen alles von der Seele zu schreiben"

„Da habe ich begonnen, mir alles von der Seele zu schreiben“, erinnert sie sich. Was mit Tagebucheinträgen und einem Blog begann, wurde ein Buch: „Zerrissene Welt“.

Derartige Schicksalsschläge, sagt sie, sind, als ob man den Boden unter den Füßen verlieren würde. „In der Früh geht man in die Arbeit. Und: Abends ist alles anders.“ Sicher: „Stück für Stück wird wieder alles zusammengefügt, aber es bleiben Narben, sehr viele Narben.“ Aber dennoch ist sie ein fröhlicher Mensch. Wie sie das geschafft hat?

"Auch extrem viel Glück gehabt"

„Ich glaube, ich habe auch extrem viel Glück gehabt.“ Obwohl so viel passiert ist und es oft sehr knapp war: „Es leben alle noch. So gesehen bin ich ein Glückskind.“ Schwer war vor allem die Erkrankung ihres Mannes. „Die Zeit auf der Intensivstation war furchtbar für mich.“

Ihre Strategie damals? „Für mich war es sehr wichtig, in diesem ganzen Wahnsinn, am Abend einen gewissen Alltag zu haben.“ Eine Tasse Tee und ein gutes, heißes Bad. „Da hatte ich etwas, worauf ich mich freuen konnte.“ Wie auch auf ihre Katzen. „Sie waren die Einzigen, die am Abend auf mich gewartet haben, die mir das Gefühl gegeben haben, wir sind für dich da“, während ihr Mann im Krankenhaus lag.

„Es ist gut, wenn man sich um etwas kümmern muss, in der Früh aufstehen und Futter geben muss.“ Und sie war viel im Wald. Dort übrigens gibt es einen Baum, der damals durch einen Sturm auch Schaden erlitt. „Der Baum knickte ein. Aber er ist immer noch da. So wie ich.“

Angehörigen eine Auszeit schenken

Den Kopf frei kriegen, eine kurze Auszeit nehmen, einen kleinen Wunsch erfüllen. Das möchte die in Mödling lebende Autorin auch anderen Angehörigen ermöglichen. Denn: Für sie ist es besonders schlimm, weiß sie aus Erfahrung, wenn Kinder, Eltern oder Partner im Krankenhaus liegen.

Daher ist „Zerissene Welt – Kinder“ entstanden. Im Zuge dessen konnte sie schon Karten für die Vorpremiere von Mozart oder Mary Poppins, einen Wien-Abend, einen Ausflug zu Madame Tussaud’s und Karten fürs Musiktheater in Linz organisieren und betroffenen Angehörigen eine kurze Auszeit ermöglichen. Und das will sie auch in Zukunft tun.

Apropos Zukunft: Ein zweites Buch ist auch schon geplant. Eines über die Frage, ob all das Schicksal oder Bestimmung ist. Gussger glaubt an Bestimmung. Oft hat sie sich gefragt, warum gerade ihr das passiert. Ihre Antwort: „Vielleicht, damit ich jetzt dadurch ,Zerrissene Welt – Kinder’ machen und Menschen helfen kann. Es war nicht umsonst.“ Eventuell wird sie in Zukunft auch Vorträge halten. Darüber, dass es in schwierigen Situationen Unterstützung gibt, wie das Akutteam NÖ, zu dem sie immer noch Kontakt hat. Und darüber, wie man in Beziehungen mit einem solchen Ereignis umgehen kann.

„Es verändert einen schon“, meint sie. „Mein Mann und ich sind noch enger geworden. Wir würden uns in der Früh nie nicht verabschieden. Und: Ich freue mich wahnsinnig, wenn ich ihn am Abend sehe.“