Erstellt am 12. April 2018, 20:29

von NÖN Redaktion

Enträtselung des Schicksals vieler Vermisster. Nach Jahrzehnten kann nun geklärt werden, wie es rund 4000 Menschen in russischer Kriegsgefangenschaft im Zweiten Weltkrieg, viele davon aus Niederösterreich und Wien, ergangen ist.

Karl Ettinger

Unterlagen in einem Moskauer Archiv ermöglichen einem Team um Historiker Stefan Karner einen neuen Zugang. 500 betroffene Angehörige haben schon wegen Auskunft angefragt.

„Das Schicksal von 4000 Betroffenen könnte geklärt werden.“ Für Stefan Karner, Grazer Historiker am Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung, eröffnet die Entdeckung umfangreicher, bisher nicht bekannter und nicht gesichteter  Dokumente Anfang Februar dieses Jahres in einem Archiv in Moskau, eine neue Dimension.

Es geht um die Frage, was aus Soldaten geworden ist, die die Schlacht um Stalingrad im Winter 1942/43 zwar überlebt haben, aber in Russland in Kriegsgefangenschaft gekommen sind. Darunter sind viele Betroffene aus der 297. Infanteriedivision, die ihren Hauptsitz in Wien und Niederösterreich hatte.

Für Angehörige, inzwischen vor allem auch schon die Enkelgeneration der Vermissten, gibt es damit neue Hoffnung, dass sie nach rund 75 Jahren doch noch Informationen erhalten. Nämlich wie lange Soldaten nach der Kapitulation der 6. Armee Anfang Februar 1943 in Stalingrad überlebt haben, wohin sie transportiert wurden und wie ihr weiteres Schicksal in den Kriegsgefangenenlagern im Osten verlaufen ist.

500 Angehörige wollen bisher Auskunft

Das Interesse ist selbst nach Jahrzehnten groß: Nach einem Aufruf nach der Entdeckung der Unterlagen in Moskau Anfang Februar 2018 haben sich mittlerweile rund 500 Angehörige gemeldet, wie Karner am Donnerstag vor Journalisten gemeinsam mit seinem Historikerkollegen Harald Knoll in Wien erläutert hat.

So wird beispielsweise erst durch nun einsehbare Listen deutlich, in welche Lager zumindest ein Teil der betroffenen Kriegsgefangenen von Stalingrad wegtransportiert wurde. Manche wurden auf diese Weise bis ins mittelasiatische Usbekistan verschleppt. Zur Illustration zeigte Karner einen Zettel mit einer ellenlangen Transportliste versehen mit Namen. „Jede dieser Zeilen sind 500 bis 1000 Schicksale“,  sagte Karner, um zu unterstreichen, welche Bedeutung diese Unterlagen aus dem russischen Archiv haben – und welche Arbeit auf die Forscher jetzt erst wartet.

500 Meter an Akten müssen ausgewertet werden 

Rund 500 Meter an Akten und Dokumenten sind zu sichten, zu übersetzen und zu bewerten. Karners Team steht erst am Beginn der Aufgabe. Vorerst hat man Informationen für sechs Angehörige ausgewertet.

Insgesamt gerieten nach der Kapitulation in Stalingrad innerhalb von zwei Tagen 90.000 Soldaten aus Österreich und Deutschland in russische Kriegsgefangenschaft. Es gab nur 6000 Überlebende, darunter schätzungsweise 700 Österreicher, die den Schrecken der Transporte und Lager überstanden haben.

Manche sind in der Nacht erfroren

So sind laut einem Augenzeugenbericht in einem der Lage, das in Wahrheit einem „Viehgehege“ ähnelte, anfangs bereits viele Kriegsgefangene in der kalten Nacht einfach erfroren. Bei Stalingrad mussten Kriegsgefangene erst einmal in Erdhöhlen um ihr nacktes Überleben kämpfen, danach selbst Baracken für ein Lager aufstellen.

Interesse bei der Enkelgeneration

Auffallend ist für Karner, dass inzwischen zunehmend Angehörige der Enkelgeneration noch wissen wollen, was mit ihren seinerzeit verschollenen und nie aus Russland heimgekehrten Großvätern tatsächlich passiert ist. Einer davon ist Ascan Breuer, ein Deutscher, der seit mittlerweile 20 Jahren in Wien lebt. Dessen  Großvater hat von der Front rund 100 Briefe an die Großmutter daheim geschrieben. Anfang Februar 1943 kam das letzte Schreiben, danach nur mehr eine Nachricht von einem späteren Rückkehrer, der Breuers Großvater im März 1943 noch gesehen haben will.