Erstellt am 05. Juli 2016, 02:45

von Michaela Fleck-Regenfelder

Auf der Flucht vor den Gräueln. Um Krieg, Politik, Vertreibung und 250.000 Flüchtlinge allein in NÖ geht es diese Woche in Amstetten.

Auf den Trümmern ihrer Existenz: die Zivilbevölkerung an der Ostfront des Ersten Weltkrieges – hier in Galizien, das bis 1918 zur Österreichisch-Ungarischen Monarchie gehörte und heute in der Ukraine bzw. in Polen liegt.  Foto: NÖLA  |  NÖLA

1915 werden bis zu 1,5 Millionen Armenier unter dem Vorhang des Krieges ausgelöscht. 1917 fliegt Russland in Stücke. 1918 wiegt ein k. u. k. Offizier an der Südfront 55 Kilo.

Nur ein paar Fakten aus dem ersten großen Krieg. Und im „Hinterland“? „Ging’s den Leuten noch schlechter als an der Front.“ Stellt Christoph Benedikter fest. Und, so der Historiker, Ethnologe und gebürtige St. Pöltner, weiter: „Wenn sich an den Fronten etwas Schlimmes abspielt, muss die Zivilbevölkerung im Hinterland woanders hin.“ Zum Beispiel: nach Niederösterreich.

Das war zwischen 1914 und 1918 zwar auch „Hinterland“. Gleichzeitig aber, „wie heute auch“, Zielland. Mindestens 250.000 Menschen kamen in Folge des Ersten Weltkrieges nach Niederösterreich. Als Geflüchtete, als Vertriebene, als Evakuierte oder auch als Gefangene. „Die Leute wurden evakuiert, das hieß deportiert.“

„Erster Weltkrieg und Flucht – das sind heute ganz aktuelle Themen!“

Christoph H. Benedikter

Wohin? Nach Gmünd etwa, das nach der Verwüstung von Galizien das größte Ruthenen-Lager, wie die Habsburgermonarchie die Ostslawen bezeichnete, beherbergte. Oder in eines der Kriegsgefangenenlager im Großraum Amstetten oder in Purgstall an der Erlauf. Mit Vernichtungslagern hatten die nichts zu tun. „Trotzdem war die Sterberate sehr hoch“, erklärt Christoph Benedikter. Das lag schlicht und tragisch am Hunger. Oder schon zuvor, am Chaos zwischen Flucht und Vertreibung.

Woher Niederösterreichs Kriegsflüchtlinge damals kamen, wohin sie wollten, was sie vertrieben hat und was das alles mit der auch heute noch immer höchst problematischen Lage in ihren Herkunftsländern zu tun hat – all das will man diese Woche klären. „Ungewisse Wege“ heißt das noch bis Mittwoch dauernde Symposium, das Christoph Benedikter vom Ludwig Boltzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung, Elisabeth Loinig von Niederösterreichs Landeskunde-Institut und Rita Garstenauer vom St. Pöltner Zentrum für Migrationsforschung konzipiert haben.

„Die Idee gibt’s schon seit drei Jahren“, erzählt Benedikter. Im vergangenen Jahr hat sich NÖs Landeskunde-Institut in seinem jährlichen Symposium mit den Kindern im Krieg beschäftigt, und zwar in Laa an der Thaya. Heuer, im Amstettner Rathaussaal, geht es um Flucht, Vertreibung und Genozid. „Wir fangen dabei in Galizien an und gehen die ganze Ostfront entlang bis nach Syrien und die Südfront bis nach Slowenien.“

Von überall dort hat man arrivierte und ganz junge Wissenschafter nach NÖ eingeladen, darunter Peter Gatrell aus Manchester oder Mehmet Perinçek und Vahap Polat aus Istanbul. „Wir wollten den Blick von beiden Seiten“, so auch den der Türkei auf den noch immer umstrittenen armenischen Völkermord. Und die Ergebnisse will sogar Cambridge Scholars Publishing verlegen.

Mit den Gästen des Symposiums will man auch hinausgehen ins „Hinterland“ – und dessen Bewohner, Heimatforscher und Zeitzeugen der zweiten und dritten Generation hineinholen, etwa ins „World Café“. Benedikter: „Wenn heute in Amstetten ein paar Leute die Argumente der anderen Seite anhören und zum Denken anfangen, war das schon ein Erfolg!“

Zum Symposium „Ungewisse Wege“

5. Juli, 11 Uhr: „Das Hinterland – Beispiel Niederösterreich“ mit Vorträgen von Elisabeth Loinig, Martina Hermann und Thomas Buchner
14.30 Uhr: Offenes „World Café“

6. Juli, ab 9 Uhr: Vorträge und Epilog
14 Uhr: Exkursion zum Kriegsgefangenenlager Purgstall / Erlauf
Genaues Programm, Anmeldung und Infos: www.aufhebenswert.at