Erstellt am 07. Juni 2016, 16:36

Clemens Wenger im Interview: "Neapel ist Jazz". Vielen ist CLEMENS WENGER als Pianist der 5/8ERL IN EHR‘N oder als Triebfeder hinter der Wiener JAZZWERKSTATT ein Begriff. Sein erstes Soloalbum „Neapel“ zeigt allerdings, welch hervorragender Komponist er auch ist.

 |  NOEN, Clemens Wenger / Neapel (c) Rania Moslam

Im mica-Interview mit Markus Deisenberger erzählte er, weshalb er noch suchte, als viele seiner Kolleginnen und Kollegen schon ihr drittes, viertes Album aufgenommen hatten, wie er schließlich seinen Eigensinn fand und wie man sich einen Ort auflegt. 

„Der Mann empfiehlt sich eindeutig und dringend für das Komponieren von Soundtracks“, schrieb der Standard über Ihr aktuelles Album „Neapel“. Dem ist nichts hinzuzufügen. Aber damit nicht genug. Der Falter schrieb: „Filmkomponist gesucht? Wenger is your man!“ Hat Hollywood schon angerufen?
Clemens Wenger [lacht]: Nein.

War diese Rezeption in Richtung Soundtrack überhaupt so geplant?
Das war kein Ziel von mir, nein. Aber ich beschäftige mich schon sehr viel und lange mit programmatischer Musik, habe auch ein postgraduales Maserstudium über Filmkomposition absolviert. Wahrscheinlich kommt daher der Einfluss, eher zu Bildern und Geschichten zu komponieren, als nur vom Klang auszugehen.

Mir ist wichtig, dass ich etwas erzählen kann. Ich will nichts ins Blaue hinein komponieren, sondern die Bilder, die sich in meinem Kopf formen, so gut wie möglich nacherzählen. Vielleicht rührt es daher, dass man glaubt, eine Geschichte zu hören.

Geht es bei „Neapel“ um eine durchgehende Geschichte oder um unterschiedliche Geschichten?
Pro Nummer gibt es ein Thema. Das durchgehende Thema aber ist Neapel, weil das die Stadt ist, in der ich gerne Urlaub mache. Eigentlich bin ich ja ein Teamplayer und mit den 5/8erln und der JazzWerkstatt Wien sehr viel in Gruppen unterwegs. Aber nach Neapel fahre ich seit ein paar Jahren, um dort allein Urlaub zu machen. Dort habe ich auch den Mut gefasst, ein Soloalbum zu machen.

Was ist für Sie das Faszinierende an Neapel?
Erstens liegt es am Meer und hat eine wunderschöne, ewig lange Strand- bzw. Hafenpromenade. Das wäre mal das Oberflächliche: Ich fühle mich dort wohl. Darüber hinaus ist es aber auch irrsinnig laut und chaotisch. Es ist wahnsinnig viel los.

Das Chaos und das Gedränge führen eher dazu, dass ich ruhig werde, den Stress fallen lasse. Was ich auch liebe, ist, dass es ganz uneuropäisch nichts von einem Museum hat. In unserer Kultur wird ja oft das Alte so hochgehoben, so verehrt, dass es stehen geblieben, museal wirkt. In Neapel hat man offenbar zu wenig Geld, um die alte Innenstadt so wie bei uns in Mitteleuropa zu renovieren.

In Kirchen finden sich unten Geschäfte. Überhaupt ist die Akzeptanz, das Alte zu verabschieden und sich dem Moment und der Zukunft zu widmen, eine größere, scheint mir. Vielleicht ist der Vesuv, der dafür sorgt, dass die Menschen verinnerlicht haben, dass alles sehr schnell vorbei sein kann und dieses Klammern an das Alte wenig Sinn macht. Das sind natürlich nur Mutmaßungen. Aber ich habe das Gefühl, dass es dort genau deshalb so lebendig ist.

 In Baden-Baden, wo ich neulich war, hatte ich genau das gegenteilige Gefühl. Man darf dort im Park keine Wiese betreten. Das Alte ist so heilig, wird so hochgehalten, dass daneben wenig Platz hat. Und das geht in die Mentalität der Künstlerinnen und Künstler über, die sich zu wenig trauen, sich vom Alten zu verabschieden und etwas Neues zu probieren.

„Wenn ich allein bin, fällt mir viel ein.“

Genau dort, in Neapel nämlich, haben Sie den Entschluss gefasst, es wäre an der Zeit, etwas Neues auszuprobieren?
Genau, da habe ich meinen Eigensinn gefunden. Wenn ich allein bin, fällt mir viel ein. Ich führe Selbstgespräche und irgendwann fange ich an, zu singen. Unter Leuten passiert mir das viel seltener, weil ich soziale Kontakte pflege, rede.

Die Geräusche, die man zwischen, aber teilweise auch in den Stücken wahrnimmt – Straßenlärm, Geplauder –, sind das Field Recordings, die Sie vor Ort aufgenommen haben?
Ja, genau.

War Ihnen das wichtig, um Lokalkolorit zu transportieren?
Das war für mich aus dieser filmmusikalischen Perspektive wichtig. Ich habe öfter etwas gemacht, was sich „Oral Story“ nennt, das heißt, ich nehme eine Soundscape, die für mich zur Grundlage für Improvisation wird. Und diese Soundscape spiele ich mir dann zu Hause vor …

… und dieser Klangteppich führt Sie wieder an den fernen Ort, von dem er stammt?
Ja, das bringt mich wieder dorthin zurück. Oder es erzeugt eine andere Stimmung. Ich sitze ja sonst allein vor meinem Klavier, das ist immer dasselbe. Vielleicht höre ich noch ein bisschen den Verkehrslärm von der Wallensteinstraße. Manchmal lege ich mir deshalb einen anderen Ort auf. Das inspiriert mich. Die Geräusche – das hat ja auch schon John Cage gesagt – haben ja etwas Musikalisches. Aber auch das Tempo einer Stadt, das Rauschen im Wald.

Das heißt aber auch, dass durch das Reinholen anderer Orte kompositorische Inspiration kommt.
Ja, und bei einem Stück auf dem Album habe ich es bewusst collagiert und den Straßenlärm als Kompositionselement verwendet. Aber oft nehme ich es nur als Hintergrund für mich als Inspiration zum Komponieren.

Würden Sie sich selbst als Cineasten bezeichnen?
Weniger eigentlich.

Wie kommt man dann dazu, sich so für Filmmusik zu interessieren, dass man sogar ein postgraduales Studium in diese Richtung absolviert?
Über das Theater. Ich habe oft Theatermusik gemacht, unter anderem für Paulus Mankers „Alma“ und auch für Lesungen mit Klaus Maria Brandauer – das hat mir unheimlich viel Spaß gemacht.
 Die Arbeit mit Stoffen also hat mir von Anfang an gefallen. Ich liebe auch Filme, ja, habe aber eher die Krankheit, dass ich oft einschlafe. Ich bin sicherlich keiner von denen, die alle Filme großer Regisseure dreimal gesehen haben.

Wäre es eher ein Kompliment oder eine Beleidigung für Sie, wenn jemand über Ihre Musik sagen würde, dass er dazu gut eingeschlafen ist?
Hm, kommt darauf an, wie es gemeint ist. Wenn es als langweilig gemeint ist … Aber sauer würde es mich nicht machen.

Sie sind kein Vielhörer?
Nein, neben der Arbeit als Musiker und Komponist muss man eher schauen, dass man Ruhe findet.

„Ich verlasse mich auf meine Intuition und mein Gehör.“

Woher kommt die Inspiration?

Clemens Wenger: Ich verlasse mich auf meine Intuition und mein Gehör. Als Teenager hatte ich schon Phasen, in denen ich auf beinahe jedes Konzert ging, das gespielt wurde. Aber wenn man viel probt, komponiert, spielt, wird man empfindlicher und selektiver.

Ist es vorstellbar, dass Sie irgendwann voll und ganz auf Soundtrack umstellen oder ist die Breite an unterschiedlichen Projekten eine künstlerische Notwendigkeit? Wirtschaftlich notwendig ist sie ja meistens ohnedies.
Es ist nicht undenkbar, aber auch unrealistisch, weil es in die Richtung einfach zu wenige Angebote gibt. Hollywood hat eben noch nicht angerufen. Ich habe schon für einige Studentenfilme Soundtracks gemacht, ja, aber leben könnte ich davon nicht. Künstlerisch interessieren würde es mich schon, aber zurückschrauben mit vielem anderen würde ich deshalb auch nicht.

Wie oft spielen Sie mit den 5/8erl in Ehr‘n?
Wir hatten Jahre, da spielten wir 90 Konzerte, haben aber reduziert und schauen, dass wir „nur noch“ zwischen vierzig und sechzig Konzerte im Jahr spielen. Dass das so läuft, da muss man schon glücklich sein. Und das ist auch eine wichtige Inspirationsquelle für meine persönliche Musik. Da geht es viel um das Lied und Inhalte, was mir sehr geholfen hat, meine eigene Musik zu finden. Ich komme ja aus dem Jazz, aus der Improvisation, wo alles möglich ist. Das hat mich zerstreut. Die Konzentration darauf, einen Klang zu finden, der ansprechend ist, hat geholfen.

Die Reduktion war das Entscheidende?
Ja, da wird man dann fokussierter, achtet mehr auf die essenziellen Dinge und wird detaillierter


Würden Sie „Neapel“ denn überhaupt als Jazz-Album bezeichnen?
Gute Frage. Wenn ich Marketingleiter eines Kaufhauses wäre, würde ich es nicht unter Jazz einreihen. Ich sehe mich allerdings schon als Musiker und Komponist in der Jazztradition. Das werde ich auch immer bleiben. Ich komme von der Improvisation, sehe aber Jazz so, wie ihn Miles Davis sah: Man entwickelt sich ständig neu, blickt nach vorne, aber auch nach links und rechts. Davis hat immer wieder Rock, Pop und experimentelle Musik gestreift. Jazz ist etwas, was mir im Nacken sitzt und mich vorantreibt.

Ich weiß nicht, ob ich das Bild, dass einem Miles Davis im Nacken sitzt, als angenehm empfinden würde.
Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich bin alles andere als ein großer Fan. Aber er ist wie ein großes Rufzeichen. Dass man sich nach vorne entwickeln muss.

Heute wird Jazz oft als museale Übung interpretiert. Andererseits wird er dann, wenn es darum geht, Festivals auszubuchen, wieder sehr offen in Richtung Pop, Weltmusik und Clubkultur interpretiert …
Das sehe ich sehr kritisch. Auch sehr viele junge Jazzmusikerinnen und Jazzmusiker sehen sich ganz restriktiv als Vertreterinnen und Vertreter der konservativen Schiene. Auf den Hochschulen bilden sich da „Eliten“, wobei sie in Wahrheit eh keine sind, weil sie keine Gigs bekommen.

Sollten sie deshalb alle nach Neapel fahren?
Ja, Neapel ist Jazz und weitaus interessanter als New York. Da ist nämlich wirklich was los.

Ähnlich wie bei Romanen des kürzlich verstorbenen Umberto Eco kann man bei Ihrem Album an einer leicht verständlichen Erzählung andocken – an einer eingängigen, simplen Melodie –, ebenso kann man aber auch die komplexe Gesamtstruktur goutieren und sich auf die Instrumentierung etc. einlassen.
Danke, ich nehme das als Kompliment.

War auch so gedacht. Worauf ich hinaus will ist: Ein Burt Bacharach etwa schrieb schmissige Melodien, die jedes Tanzorchester spielen könnte, wenn es nur die Komplexität dahinter verstünde – das genaue Gegenteil von Jazz. Jazz, zumindest der herkömmliche, kommt zumindest für Nicht-Jazzer kompliziert daher. Nach eingängigem Studium ist er es dann aber gar nicht, weil er meistens nach gewissen Schemata abläuft. Insofern wäre Ihr Album das genaue Gegenteil von Jazz. Eher Bacharach als Wynton Marsalis …
Ganz verallgemeinern lässt es sich nicht, aber die Idee ist interessant. Und es stimmt insofern, als in der Klangkultur sehr viel mehr Details stecken können, wenn man eine leichte Melodie- und Harmonieführung anstrebt, die einen im Nachhinein sehr viele Details hören lässt. Andererseits gibt es ja so viele verschiedene Arten von Jazz.

Was mich am Jazz oft stört oder nicht so inspiriert, ist, dass unter der Oberfläche die Soundkultur, die Liebe zur Textur, zu feinen Details, an denen man weiterhören kann, oft vernachlässigt wird, auch im Livebetrieb. Die meisten Bands setzen sich überhaupt nicht damit auseinander, wie sie sich verstärken und in welchen Räumen sie spielen sollen. Die spielen schlicht und ergreifend für sich. Aber wir leben in einer Welt, in der Elektroakustik und Verstärkung wichtige künstlerische Bestandteile bilden.

Da haben sich oft Popmusikerinnen und Popmusiker sowie Popkomponistinnen und Popkomponisten viel mehr Gedanken darüber gemacht. Einen Burt-Bacharach-Song kann ich in jedem Rahmen spielen, bei einem akustischen Jazz-Quartett wird es da schon viel schwieriger. Außer, die Musik ist so gut gemacht, dass man sie wirklich auch auf den großen Bühnen der Festivals spielen kann. Vielleicht ist das zu fachspezifisch, was ich jetzt sage, aber in mir denkt es immer noch über die Frage nach.

Ihre Musik ist fordernd, ich kann sie auf verschiedenen Ebenen wahrnehmen, aber sie überfordert mich nicht.
Ob das Jazz ist, ist die Frage. Es ist, glaube ich, noch immer viel da, wo ein Außenstehender sagen wird: „Das ist Jazz.“ Wenn man das fertige Ergebnis hört, dann ist das fast ganz auskomponiert. Aber es entsteht, indem ich zum jeweiligen Hintergrund einer kleinen Melodie improvisiere. Das Ergebnis nehme ich dann auf und forme es wieder zusammen. Das heißt, im Entstehungsprozess ist sehr viel Improvisation enthalten.

„Plan war es schon, diese beiden Welten miteinander in Einklang zu bringen […]“

Ist das Wechselspiel zwischen Akustik und Elektronik – irgendwann wird bei manchen Nummern des Albums der elektronische Anteil größer, übernimmt gewissermaßen das Ruder – Improvisation oder kalkuliert?
Das ist insofern Impro, als ich sehr viel probieren muss, bis es gut klingt. Das ist eine feine und waghalsige Geschichte, funktioniert nicht immer. Plan war es schon, diese beiden Welten miteinander in Einklang zu bringen, zu verschmelzen, und dass es eine schöne Überblendung wird, die man als Hörerin beziehungsweise Hörer nicht bemerkt. Das hat viel Zeit gebraucht.

Ein Drehbuchautor hat einmal zu mir gesagt, der Hauptteil seines Berufes bestünde darin, verzweifelt aus dem Fenster zu starren. Ist das Komponieren für Sie ein ähnlich quälender, selbstzerfleischender Prozess oder geht es Ihnen leicht von der Hand?
Der Prozess ist nicht quälend, aber mühevoll und man ertappt sich mitunter dabei, nicht mehr weitermachen zu wollen, tendiert oft zur Aufgabe und muss sich immer wieder dazu motivieren, die Musik fertig zu machen. Den ersten Studiotermin für ein Soloalbum habe ich ja schon vor elf Jahren ausgemacht. Mit einem Jazz-Trio. Den habe ich damals abgesagt.

Wieso?
Weil ich mir nicht sicher war, dass das ein Sound war, auf dem „Clemens Wenger“ stehen sollte. Ich dachte damals: „Gut, ich spiele Klavier, habe ein paar Stücke komponiert, der Rest wird schon improvisiert, habe ja super Musiker dabei.“ Aber das war mir dann doch zu wenig. Ich habe immer noch gesucht, während meine Kolleginnen und Kollegen alle schon ihr drittes, viertes Album aufgenommen hatten. Ich wollte nichts machen, was so klingt wie vieles andere. Dass ich so lange gebraucht habe, bis ich 33 Jahre alt war, hat mich sehr beschäftigt.

Wobei das „erst mit 33“ natürlich sehr relativ ist.
Ich weiß. Wann macht man seinen ersten Film als Regisseur …

Spät zu starten ist manchmal besser als früh Unsinn zu produzieren.
Schon, aber der Druck ist halt da. Neulich hat die JazzWerkstatt Wien für ein Festival ausgeschrieben. Innerhalb von Stunden haben sich zig Bands beworben. Wir hatten dann irgendwann achtzig Bewerbungen. Minuten später sind da Electronic-Press-Kits da, Tonträger, professionell gedrehte Videos.

Dass die Leute das alles schon in jungen Jahren so beieinanderhaben, so professionell aufgestellt sind, ist schon bemerkenswert. Ich frage mich da halt auch immer, ob noch genug Zeit bleibt, einen wirklich eigenen, unverwechselbaren Sound zu finden. Dass es üblich ist, sich gegenseitig immer noch weiter nach vorne zu pushen, stimmt mich schon ein wenig nachdenklich.

Wenn ich mir das ansehe, bin ich fast glücklich, dass es bei mir ein so langer Prozess war. Aber um auf die Frage mit dem Verzweifelt-aus-dem-Fenster-Starren zurückzukommen: Es gibt die Momente, in denen man kurz den Mut verliert und sich fragt: „Wer braucht das?“ Je öfter man die Entscheidung dann trifft: „Ja, das braucht es!“, umso stärker wird es dann. Lange aus dem Fenster zu starren ist deshalb wahrscheinlich notwendig.

Die JazzWerkstatt wurde von Ihnen, Clemens Salesny und anderen ja deshalb gegründet, um einen Bedarf zu decken, das heißt, um einen Mangel an Auftrittsmöglichkeiten durch Eigeninitiative zu kompensieren. Wie hat sich die Szene aus Ihrer Sicht entwickelt? Ist es besser geworden?
Da muss man unterscheiden: Es gibt sehr viele Privatinitiativen und Vereine. Die Orte, an denen man sich präsentieren kann, sind deshalb mehr geworden. Die Entlohnung aber hat sich nicht gebessert. Wir als JazzWerkstatt haben klein angefangen. Mittlerweile können wir Gagen zahlen. Für uns hat es sich also klar verbessert.

Vielen Dank für das Gespräch.


In Kooperation mit mica – music austria