Erstellt am 22. März 2016, 06:14

von Michaela Fleck-Regenfelder

Bullis, Demos und Debatten. Das Jahrzehnt der großen und kleinen Revolten zeigt die Schallaburg seit Freitag in einer quietschbunten Schau.

»Wir wollten den Bogen bis ins Heute spannen«: Hannes Etzlstorfer in einem »Debattenraum« der 70er-Schau auf der Schallaburg.  |  NOEN, Franz Gleiß

Ein ganzes, noch dazu ein heftig bewegtes Jahrzehnt auf 1.300 Quadratmetern Ausstellungsfläche? Keine leichte Aufgabe. Auch wenn man dafür einen Kulturhistoriker, eine Architektin, drei Kunstvermittlerinnen und fünf Künstlerinnen und Künstler im Team hat.

Aber die Schallaburg hat mit Jahrzehnten schon Erfahrung. 2010 standen die 60er am Ausstellungsprogramm. Sechs Jahre, einen neuen künstlerischen Leiter und ein neues Gesamtkonzept später schreibt man sich die 70er auf die neuen, strichcode-bunten Fahnen. Und lässt mit rund 800 Ausstellungsobjekten in sieben Ausstellungskapiteln das Jahrzehnt „mit sehr vielen Widersprüchen“, so Hannes Etzlstorfer, Revue passieren.

Der Kulturhistoriker hat auf der Schallaburg schon die 60er kuratiert. Und hat jetzt, für die 70er, das „laufende Band“ bespielt. Das erinnert nicht nur an Rudi Carrells gleichnamige TV-Show aus 1974. Das läuft auf der Schallaburg tatsächlich (fast) durch die ganze Schau. In Knallorange lackiert. Mit größeren und kleineren Holzschaukästen bestellt. Und mit vielem bestückt, was für das Jahrzehnt der großen und kleinen Revolten steht.

Sonnengelbe Unterleiberl, froschgrüne Kanister und orangerote Telefone (alle aus dem AKW Zwentendorf) zum Beispiel, Polizeihelme, Milchkannen und Straßenschilder, Kochtöpfe, Trockenhauben und Pommes-Frites-Schneider, Lohnstreifen, Baukastenkräne und Fahrkartenautomaten, Hüpfbälle, Dreiräder und Brummkreisel, Heizlüfter, Feldstecher und Designer-Brillen, Sturmgewehre, Flugzeugmodelle und angeschossene Cola-Schilder.

„Die 70er waren ein Jahrzehnt
mit sehr vielen Widersprüchen.“
Ausstellungskurator Hannes Etzlstorfer

Darüber fahren Fahrräder und fliegen Superheldinnen durch die Luft, hängen Ski (nämlich die von Karl Schranz) und eine ganze Armada von Fernsehern an der Wand und winken Darth Vader aus der Vitrine, Nina Hagen vom Club(2)-Sofa und Bruno Kreisky vom Bildschirm.

Den Anfang der Schau (die heuer dort beginnt, wo in den vergangenen Jahren meist der Ausgang war) macht eine „Wunderkammer“, das Ende eine Disko-Tanzfläche, vor der noch ein paar Highlights, wie Elton Johns Piano, Bruce Springsteens Gitarre oder Keith Richards Schlangenledermantel glitzern. Und im Hof, über dem ein Stück „laufendes Band“ und der Untertitel der Schau, „Damals war die Zukunft“, schweben, parkt der grasgrüne Bulli, der in den 70ern auf jeder Anti-Atomkraft-Demo Halt machte.

„Den haben wir gewaschen, hergeschleppt und aufgestellt“, lacht Schalla burg-Leiter Kurt Farasin. Und meint zur Schau: „Wir wollten die Welt noch größer machen!“ „Aber wir müssen die 70er ja nicht nachbauen“, so Ausstellungsarchitektin Gabu Heindl. Statt dessen hat man mitten in die Ausstellungsräume fünf Inseln gebaut, jede von einem anderen Künstlerteam gestaltet. Und gedacht „zum Diskutieren und zum Debattieren“.

Geöffnet bis 6. November, www.schallaburg.at

„Die 70er waren ein Jahrzehnt

mit sehr vielen

Widersprüchen.“

Ausstellungskurator

Hannes Etzlstorfer