Erstellt am 28. Oktober 2015, 07:02

von Michaela Fleck-Regenfelder

Gedichte aus der Anstalt Gugging. Ernst Herbeck, dem „stillen Poeten“ unter den „wilden“ Gugginger Künstlern, widmet das Gugginger Museum 24 Jahre nach seinem Tod die erste große biografische Schau.

»Wir Lebenden haben nur eine Pflicht - die Zeit zu verwerten. Man läuft Schlittschuh - den Tag hinein«: Ernst Herbeck. Der 1920 in Stockerau geborene Beamtensohn verbrachte 45 Jahre seines Lebens in der früheren Landesnervenklinik in Maria Gugging.  |  NOEN, Leo Navratil (1969)

Gesprochen hat er nie viel. Geschrieben umso mehr. Kleine, lustige Reime, kurze, praktische Listen, lange, empfindsame Briefe und große, traurige Gedichte. Gut 1.700 Texte und Hunderte Zeichnungen sollen es gewesen sein, die meisten gerade einmal postkartengroß.

„Er ist ein Kabinettstück. Das war er immer!“ Sagt Museumsdirektor und Psychiater Johann Feilacher. Er hat Ernst Herbeck die letzten fünf Jahre seines Lebens betreut – als Patient und als Künstler. Genauer: als Dichter. Das war der 1920 mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte Geborene aber schon viel länger. 1960, 20 Jahre nach seiner ersten Einweisung in eine psychiatrische Anstalt („Da war er 20, das war bei Schizophrenie so üblich“, so Feilacher), schrieb Herbeck sein erstes Gedicht. Und zwar im Arztzimmer von Gugging-Pionier Leo Navratil. Mit Bleistift, auf ein Blatt Papier, und mit einem vorgegebenen Titel: „Der Morgen“.

„Der Dichter ordnet die Sprache in kurzen Sätzen.
Was über ist, ist das Gedicht selber.“
Ernst Herbeck

Das gibt es in der von Gisela Steinlechner und Peter Karlhuber liebevoll gestalteten und eben eröffneten Schau im Gugginger Museumshaus auch zu sehen. Und zu hören, gelesen von Ernst Herbeck selbst. Dazu noch über 100 kleine, bunte Zeichnungen, von Weihnachtsbäumen und Ostereiern, Cola-Dosen und Zigaretten-Packerln, Gitterbetten und Elefantenkindern. Und: Texte („Der Dichter ordnet die Sprache in kurzen Sätzen. Was über ist, ist das Gedicht selber.“, Ernst Herbeck).

Sorgfältig und zeilenweise an der Wand, behutsam und original in der Vitrine (die Autografe stammen alle aus der Handschriftensammlung der Nationalbibliothek). Dazwischen erzählen winzige, gezeichnete U-Boote, vergilbte, alte Familienfotos und herzlichst gewidmete Briefe von Bootsausflügen in die Donauauen, vom Vater mit den „Tapferkeitsauszeichnungen“ und der Mutter mit dem Nervenzusammenbruch („Der Kuss ist Muttis Erfindung. Eine glanzvolle Tat.“, Ernst Herbeck), vom ersten und einzigen Job bei einer Pumpen-Firma in Enzersdorf und von poetischen Freundschaften wie der mit Gerhard Roth.

Daneben, im Gang, erzählen altmodische Garderobenhaken an der Wand, ein Kofferradio, ein Aschenbecher, ein schmaler Spiegel, ein Paar Schlittschuhe, ein paar Sessel und eine große, runde Uhr vom Alltag in der Anstalt und, vor allem, vom Warten. Sehr sehenswert!
www.gugging.at