Erstellt am 13. April 2017, 12:38

von APA Red

Hanekes "Happy End" im Wettbewerb von Cannes. Michael Haneke setzt zum Sprung auf die dritte Goldene Palme an: Der österreichische Regisseur wurde mit seinem neuen Film "Happy End" in den Wettbewerb der 70. Filmfestspiele Cannes (17. bis 28. Mai) geladen, gab das Festival am Donnerstag bekannt.

Haneke ist quasi Stammgast in Cannes  |  APA (AFP)

"Happy End" erzählt von einer gutbürgerlichen Familie im nordfranzösischen Calais, deren Schicksal von Migranten betroffen ist. Als erster Regisseur überhaupt könnte der 75-jährige Österreicher damit drei Mal den Hauptpreis des bedeutendsten Filmfestivals der Welt gewinnen: Zuletzt erhielt er die Palme d'Or zweimal hintereinander - 2009 mit der Faschismusparabel "Das weiße Band" und 2012 mit dem Sterbedrama "Amour".

Vor ihm war es nur sechs weiteren Regisseuren gelungen, zwei Goldene Palmen zu holen - darunter Größen wie Francis Ford Coppola, Emir Kusturica sowie die Dardenne-Brüder. Die neuerliche Einladung vonseiten des Festivals in den offiziellen Wettbewerb ist Hanekes achte; 2003 jedoch lief die Endzeitstudie "Wolfzeit" außer Konkurrenz, da Jurypräsident Patrice Chereau in einer Nebenrolle mitwirkte.

Seit beinahe drei Jahrzehnten ist Haneke der österreichische Fixstarter an der Croisette. All seine Kinoarbeiten - mit Ausnahme des US-Remakes von "Funny Games" - feierten hier ihre Premiere. Schon sein Kinoerstling "Der siebente Kontinent" war 1989 in der renommierten Nebenschiene "La Quinzaine des Réalisateurs" gelaufen.

Mit der aufsehenerregenden Gewaltstudie "Funny Games" wurde 1997 in der traditionsreichen Geschichte des Festivals das erste Mal überhaupt eine heimische Produktion in die Hauptkonkurrenz geladen. Haneke gastierte als erster Österreicher nach 35 Jahren im Wettbewerb und läutete damit die jüngere Welle heimischer Filmerfolge ein. (1962 konkurrierten u.a. der gebürtige Österreicher Herbert Vesely mit der deutschen Produktion "Das Brot der frühen Jahre" sowie die austro-amerikanische Regiegröße Otto Preminger mit "Sturm über Washington" um die Goldene Palme.)

Den ersten großen Erfolg erzielte Haneke 2011 mit der Elfriede-Jelinek-Verfilmung "Die Klavierspielerin": Der Film gewann neben den beiden Darstellerpreisen für Isabelle Huppert und Benoit Magimel auch den Großen Preis der Jury, die zweitwichtigste Auszeichnung des Festivals. Für "Caché", seinen fünften Film im Wettbewerb, gewann er 2005 die Auszeichnung als bester Regisseur.

Alles in allem hielt Haneke die rot-weiß-rote Fahne im Wettbewerb öfter hoch als alle anderen heimischen Filmemacher zusammen. Dazwischen liefen 2004 "Die fetten Jahre sind vorbei" von Hans Weingartner und 2007 "Import Export" von Ulrich Seidl im Wettbewerb, 2003 war Virgil Widrich mit "Fast Film" in die Kurzfilmkonkurrenz eingeladen, 2011 trat Markus Schleinzer - seines Zeichens Hanekes Castingdirektor - mit seinem Regiedebüt "Michael" den Weg an die Croisette an. Ebenfalls Cannes-Geschichte schrieb Christoph Waltz, der 2009 für seine Rolle in "Inglourious Basterds" den Darstellerpreis erhielt. 2012 gab es mit "Amour" und Seidls "Paradies: Liebe" das erstmalige österreichische Doppel in der Hauptkonkurrenz.

Haneke ist seit beinahe drei Jahrzehnten Fixstarter an der Croisette. Bereits 1989 lief sein Kinoerstling "Der siebente Kontinent" in der Nebenschiene "Quinzaine des Réalisateurs", seitdem feierten all seine Kinofilme - mit Ausnahme des US-Remakes von "Funny Games" - in Cannes Premiere. Sein Gewaltschocker "Funny Games" war 1997 die erste österreichische Produktion überhaupt im Wettbewerb.

Produziert wurde Hanekes französischsprachige "Momentaufnahme einer bürgerlichen europäischen Familie" vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise abermals von der in Wien ansässigen WEGA Filmproduktion gemeinsam mit Les Films du Losange aus Frankreich und X-Filme Creative Pool aus Deutschland. Der Filmtitel "Happy End" "mag so scheinen, als würde er nicht zum Inhalt passen", meinte Festivaldirektor Thierry Fremaux, der heuer seine zehnte Ausgabe verantwortet, bei der Programmpräsentation. "Aber es ist ein Film, der das Kino Hanekes selbst wieder aufgreift und die Motive, die Ästhetik seiner Arbeiten aufzeigt."

Haneke ist im 18 Werke umfassenden Wettbewerb der einzige Filmemacher, der bereits zwei Goldene Palmen verbuchen konnte. "Und er könnte eine Dritte gewinnen - nicht, dass ich die Jury beeinflussen will", scherzte Fremaux. Über die Vergabe der begehrten Preise entscheidet eine internationale Wettbewerbsjury, der heuer der spanische Autorenfilmer Pedro Almodovar vorsteht. Konkurrenz für Haneke kommt von Regie-Stars wie Francois Ozon, Todd Haynes und Hang Sangsoo. Mit Sofia Coppola, Lynne Ramsay und Naomi Kawase befinden sich diesmal drei Regisseurinnen in der traditionell sehr männerdominierten Hauptkonkurrenz.

Eine deutsch-österreichische Koproduktion läuft in der renommierten Nebenschiene "Un Certain Regard": Die deutsche Regisseurin Valeska Grisebach drehte "Western" in der bulgarischen Provinz, wo eine Gruppe deutscher Bauarbeiter von Abenteuergefühlen übermannt wird, wie aus der Ankündigung der Austrian Film Commission (AFC) hervorgeht. Die Produktion der Komplizen Film, die im Vorjahr mit Maren Ades gefeierter Vater-Tochter-Geschichte "Toni Erdmann" im Wettbewerb zu Gast war, entstand gemeinsam mit der Wiener coop99 filmproduktion und wurde u.a. vom Österreichischen Filminstitut gefördert.

Als spezielle Screenings kündigte Fremaux u.a. die Virtual-Reality-Erfahrung "Carne y Arena" von Oscarpreisträger Alejandro G. Inarritu sowie "An Inconvenient Sequel", die Fortsetzung von Al Gores bedeutender Klimawandel-Doku "An Inconvenient Truth", an. Zwei Schauspielerinnen präsentieren an der Croisette ihre Regiedebüts: Kristen Stewart zeigt ihren Kurzfilm "Come Swim", Vanessa Redgrave das Flüchtlingsdrama "Sea Sorrow". Auch dem Fernsehen öffnet sich das Festival zunehmend mit Screenings von Episoden von "Top of the Lake: China Girl" von Jane Campion sowie der "Twin Peaks"-Fortsetzung von David Lynch.