Erstellt am 31. Mai 2016, 14:00

Florian Kargl: „Mir geht es grundsätzlich immer um das Zwischenmenschliche“. Gerade eben legte die Waldviertler Band FREISCHWIMMA ihr Studioalbum „Roda Fodn“ (VÖ. 27.05) vor.

Freischwimma  |  NOEN, Andreas Jakwerth
Im Interview mit Jürgen Plank erklärte Mastermind Florian Kargl, was sein roter Faden ist, warum er Texte im Dialekt schreibt und was für ihn Erfolg beim Musikmachen bedeutet.

Wie hat Ihr Musikmachen begonnen?
Florian Kargl: Ich komme aus einer musikalischen Familie, mein Vater hat Gitarre gespielt und Volksmusik gemacht. Ab meinem sechsten Lebensjahr habe ich auch Gitarre gelernt und als Teenager habe ich begonnen, die ersten Mädelsgeschichten, die man so in den Sand setzt, mit Musik zu verarbeiten. Und irgendwann ist das immer mehr und zu einer Band geworden, nämlich Freischwimma. Die gibt es jetzt seit fünf Jahren, aber im Alter von 15 Jahren hatte ich die Besetzung schon im Kopf.

Was machen Sie, wenn Sie nicht Freischwimma sind?
Wenn ich nicht Freischwimma bin, bin ich Sozialarbeiter, ich war beim letzten Sozialakademie-Jahrgang und arbeite 25 Stunden in der Woche im Wohnungslosenbereich. Der Rest ist Musik.

Wie verbinden Sie die beiden Themen, wirkt diese andere Seite auf die Musik zurück?
Es ist für mich ein guter Ausgleich. Auch nicht den Druck zu haben, nur von der Musik leben zu müssen, dem Publikum gefallen zu müssen und viel zu verkaufen. Sich selbst zu verkaufen, damit man davon leben kann. Ich habe einen Brotberuf, der mir Sinn gibt, und die Kombination ist sinnvoll. Ob das in der Musik hörbar ist, weiß ich nicht. Ich habe noch kein Lied über Obdachlosigkeit geschrieben, ich versuche, das zu trennen.

Wenn ich das neue Album richtig gehört habe, schwingen für mich aber schon soziale Fragen mit. Wie könnten wir als Gesellschaft weitermachen? Wie wird es weitergehen?
Jein. Mir geht es grundsätzlich immer um das Zwischenmenschliche. Wie gehen Menschen miteinander um? Das versuche ich auch, über die Texte zu transportieren. Da gibt es eine Nummer, die heißt „Kum Owa“ und da heißt es: „Kum owa von dein hohen Ross.“ Da geht es um Situationen, die jeder kennt: Wenn ein Freund oder Bekannter die ganze Zeit nur gescheit daherredet und man hält es eigentlich nicht mehr aus. Es geht viel um das Zwischenmenschliche, um Beziehungsthemen oder darum, wie wir miteinander umgehen. Das hat man natürlich in der Sozialarbeit auch, aber es ist ein allgemeingültiges Thema.

„Das ist jetzt eigentlich nur geil.
Die singen den Song, den du
irgendwann geschrieben hast.“

Wie war die CD-Präsentation im Chelsea?
Das war super, es war eine große Gaudi. Einige CDs verkauft und super Stimmung. Es ist echt cool, wenn ganz am Schluss der ganze Saal beim „Kastanienbaum“ mitsingt und du selbst gar nicht mehr singen musst. Du stehst dort und denkst dir: „Das ist jetzt eigentlich nur geil. Die singen den Song, den du irgendwann geschrieben hast.“

Die CD heißt „Roda Fodn“, was ist der rote Faden dieser CD, musikalisch und inhaltlich?
Es ist kein Konzept dahinter. Musikalisch machen wir so weiter, wie es uns taugt. Wir haben nicht gesagt: „Wir machen jetzt ein Blues-Album“, sondern es ist eine Blues-Nummer drauf und eine Reggae-Nummer. So wie wir halt sind, wir variieren ständig. Es gab den Song „Roda Fodn“ und der steht am Ende des Albums und löst die Themen von davor etwas auf. Das Lied sagt: „Vielleicht habe ich einfach Glück, ich kenne meinen roten Faden und an den halte ich mich.“

„Mein roter Faden bedeutet: ehrlich sein.“

Und was macht Ihren roten Faden aus?
Mein roter Faden bedeutet: ehrlich sein. Zu sich selbst und zu den Leuten rundherum ehrlich sein. Eigentlich ist es die Liebe zu sich und den Mitmenschen. Ob sich das übers Kochen oder über die Musik ausdrückt: Mir geht es um den Menschen.



Die Band Freischwimma kommt aus dem Waldviertel. Wie wichtig ist es für Sie, im Dialekt zu singen?
Das stimmt, wir sind alle gebürtige Waldviertler, aber ich habe den Waldviertler Dialekt nicht gelernt. Meine Mutter ist Tschechin und mein Vater Lehrer und so haben wir Hochdeutsch miteinander gesprochen. Mein Dialekt ist etwas, was ich über die letzten 20 Jahre aufgesaugt habe, ein bisschen Wienerisch, ein bisschen Waldviertlerisch und ich habe viel H. C. Artmann gelesen und mich viel mit Sprache beschäftigt. Mir ist es wichtig, dass ich das, was ich empfinde, ausdrücken kann.

Im Lied „Finstare Gossn“ heißt es: „Den letzten Schritt machst allan.“ Was ist der Hintergrund zu diesem Lied?
Im Lied „Finstare Gossn“ kann jeder selbst etwas für sich finden. Mein Zugang ist: Ich bin vor zwei Jahren wieder zurück nach Wien, ich war davor schon zehn Jahre lang in Wien und danach drei Jahre im Waldviertel gewesen. Nach drei Jahren im Waldviertel habe ich gemerkt, dass ich dort nicht mehr leben kann. Das Lied beschreibt diesen Abschied und was man dort so sieht: Alles verfällt, es ist eine Abwanderungsregion, es sind keine Leute auf der Straße. „Den letzten Schritt machst allan“ bedeutet: Wenn du von dort weggehst, musst du das selbst entscheiden.

Allein, weil schon alle weg sind?
Florian Kargl: Nicht nur, weil schon alle weg sind, sondern du musst selbst entscheiden. Das ist dasselbe in Beziehungen, man kann das Lied auch als Beziehungsnummer sehen.

Greifen Sie bitte noch ein Lied aus dem neuen Album heraus, das Ihnen besonders am Herzen liegt.
Das ist immer schwierig, weil jede Nummer sozusagen dein Baby ist. Mir persönlich macht es Spaß, dass mir eine Nummer wie „Kumm Owa“ passiert ist. Musikalisch ist es eine Mischung aus alter Gitarrenmusik und Blues-Rock und moderner Rockmusik. Textlich ist es eine Aufforderung dazu, dass die Leute einfach cool bleiben sollen und nicht nur gescheit daherreden sollen. Mir macht der Songs Spaß, weil mir das Riff eingefallen ist. Die Band hat den Song dann zum Song gemacht, das muss man ganz ehrlich sagen. Der Großteil der Freischwimma-Nummern entsteht ja mit der Band.

„Der wirkliche Erfolg ist, dass wir weitermachen
und uns nicht unterkriegen lassen.“

Freischwimma wird demnächst auf Tour sein, neben einem Heimspiel in Waidhofen wird es auch Auswärtsspiele in Deutschland geben. Was erwarten Sie sich, auch in Bezug auf die Textverständlichkeit?
Wir spielen in Ulm, ich kenne die Gegend und dort versteht man uns sehr gut. Wir haben auch schon in Tschechien gespielt und dort hat uns niemand verstanden, die Musik funktioniert also allein. Es wird sicher sehr spannend. Ich freue mich auf das Konzert in Ulm, denn wir spielen gemeinsam mit Playbackdolls und Der Nino aus Wien spielt mit dem Ernst Molden, das wird sicher ein netter Abend werden.

Wenn Sie die fünfjährige Bandgeschichte von Freischwimma überblicken: Was war ein schöner Erfolg?
Der schöne Erfolg ist, dass wir uns kontinuierlich weiterentwickeln, auch live. Es wird immer kompakter und jeder arbeitet an sich und ist mit Begeisterung dabei. Das ist eigentlich der größte Erfolg. Dass das, was ich mir zu Hause am Küchentisch einfallen lasse, fünf Leute begeistert, die sagen: „Das machen wir.“ Natürlich hat es ein paar schöne Konzerte gegeben, aber es ist im Prinzip jeder Abend super. Im RadioKulturhaus war’s geil und zum ersten Mal in Waidhofen am Musikfest zu spielen war geil, weil das ein Kindheitstraum war. Der wirkliche Erfolg ist, dass wir weitermachen und uns nicht unterkriegen lassen.

Danke für das Gespräch.


Freischwimma live:

  • 01.07. 37. int. Musikfest, Waidhofen/Thaya
  • 05.07. Donaufest, Ulm, D
  • 06.07. Donaufest, Ulm, D
  • 07.07. Black Horse Inn, Wels
  • 08.07. Seedose, St. Pölten
  • 09.07. Mundartfestival,  Bad Weihermühle
  • 10.07. Soundyard, Waidhofen/Thaya
  • 17.07. Lichtspiele, Groß Gerungs

In Kooperation mit mica – music austria