Erstellt am 30. März 2016, 07:34

von Thomas Jorda

Illusionen und die Wirklichkeit. Intendant Michael Schade über schädliche Spiegel, den Glauben und die Musik.

»Michael, schau nicht in den Spiegel«, sagte die Mutter. Der kanadisch-deutsche Tenor ist die dritte Saison künstlerischer Leiter der Internationalen Barocktage Stift Melk.  |  NOEN, photo-graphic-art

NÖN: Die wichtigste Frage: Wie geht der Kartenverkauf?

Schade: Wunderbar. Wir haben bisher mehr als doppelt so viele Karten verkauft wie im Vorjahr. Das gibt viel Mut und zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Es scheint, dass viele junge Menschen mit alter Musik nicht viel anfangen können. Trotzdem boomen Festivals.

Schade: Man darf nicht vergessen, dass dem Festspiel das Fest zugrunde liegt. Und bei allen großen Festen, ob Festen der Freude oder in einer Lebenskrise, brauchen wird die großen Dichter und Musiker, die Religion und die Philosophie. Deswegen werden Festivals immer wichtiger werden, weil die Menschen immer öfter Lebenssinn brauchen.

Der Erfolg gibt Ihnen Recht.

Schade: Wir versuchen, beste Barockmusik an einem der schönsten Orte der Welt zu machen. Wir glauben fest, dass die Musik, die wir lieben, auch das Publikum interessiert. Und dass die Menschen als bessere Menschen gehen als sie kamen.

Melk ist ein Ort des Glau bens. Muss man glauben, um barocke Musik zu verstehen?

Schade: Der Glaube ist überhaupt nicht notwendig, aber er ist wunderbar. Aber selbst der Atheist wird an diesem Ort von der Kraft der Musik und der Architektur erfüllt.

Illusion und Wirklichkeit, das ist Motto des Festivals. Aber das Thema ist nicht auf die Barockzeit beschränkt.

Schade: Da sprechen Sie die Wahrheit. Absolut. Das betrifft uns alle. Meine Mutter hat immer gesagt, schau nicht so lang in den Spiegel, da steckt der Teufel drin. Die so genannte alte Musik ist gar nicht so alt, sie lebt heute genauso. Aber gerade die barocke Welt hat eben viel mit Spiegelungen und Illu sionen zu tun. Irgendwie fand’ ich das lustig.

Bleiben wir bei Ihrer Mutter. Wie oft schaut sich Michael Schade in den Spiegel?

Schade: Es gibt keinen Sänger, der nicht eine gewisse Eitelkeit hat. Andererseits hoffe ich, dass ich nicht nur auf der Bühne stehe, weil ich so gerne Applaus höre. Ich möchte schon dem nachlaufen, was die Musik zu sagen hat. Musik ist wichtiger als mein Spiegelbild. Ich will Menschen berühren und ihnen helfen.

Und wie schaut es in der Intendantenseele aus?

Schade: Das Frustrierende am Intendanten ist, dass ihm eine Sprache fehlt. Im Programm steckt irrsinnig viel von mir, viel Elan und guter Wille und die Hoffnung, dass die Menschen es verstehen. Ich kann reden bis zum Geht-nicht-Mehr – aber ich kann nicht, wie ich es auf der Bühne mache, mit den Seelen der Menschen sprechen, in sie eintauchen.

Angeblich sind die meisten Konzerte schon ausverkauft.

Schade: Wir bieten eine besondere Vielfalt und das Meiste ist schon ausgebucht. Sogar der ungewöhnliche Abend mit den beiden Drehleiern. Das spricht dafür, dass wir den Mut haben sollten, in der Programmierung öfter anders, abseits des Mainstreams zu denken.

Und wo gibt’s Restkarten?

Schade: Zum Glück noch bei einigen Konzerten. Was ich unserem Publikum besonders ans Herz lege, das ist der Abend des Pfingstmontags, um 19.30 Uhr in der Stiftskirche. Für viele beginnt schon die Woche, für uns ist es ein Höhepunkt. „Selva morale e spirituale“. Das ist Musik von Claudio Monteverdi, gespielt vom Concentus Musicus unter dem grandiosen Dirigenten Pablo Heras-Casado und gesungen vom weltberühmten Balthasar-Neumann-Chor.


Internationale Barocktage Stift Melk

Pfingsten, 12. bis 16. Mai.
Motto: Le monde fantastique. Illusion und Wirklichkeit.

www.barocktagemelk.at